Zur Ausgabe
Artikel 37 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Witwe des "Charlie Hebdo"-Zeichners Tignous "Wir leben wie in Fort Knox, aber wir leben wieder"

Chloé Verlhac hat beim Attentat auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" ihren Mann verloren. Seither lebt sie in Angst. Wie geht sie damit um?
aus DER SPIEGEL 3/2020
Witwe Verlhac im Büro ihres Mannes: "Ist das die Unterstützung der Republik?"

Witwe Verlhac im Büro ihres Mannes: "Ist das die Unterstützung der Republik?"

Foto:

Julien Daniel / DER SPIEGEL

Eine Wohnstraße in einem Vorort im Süden von Paris. Ein blassblaues Eisentor, dahinter ein Haus mit Garten. In der offenen Wohnküche steht ein Klavier neben dem Esstisch, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen und Fotos. Auf einem Sessel sitzt eine dicke Katze. Ein Familienhaus. Nur dass die Familie, die hier wohnt, nicht mehr vollständig ist.

Am 7. Januar 2015 um 11.23 Uhr wurde sie brutal auseinandergerissen, als islamistische Terroristen in die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" eindrangen und elf Menschen erschossen. Genauer gesagt, richteten sie sie hin. Der Zeichner Bernard Verlhac, Künstlername "Tignous", war einer von ihnen.

Hinten im Garten liegt sein kleines Büro, ein schmaler Holzbau mit Fensterfront ins Grüne. Tignous war fest angestellt bei "Charlie Hebdo", aber er zeichnete und arbeitete hier. In den Regalen stehen noch seine Ordner; überall liegen Zeichnungen, Skizzen, Zettel. Seine To-do-Listen schrieb Tignous direkt auf die Fenster. Da stehen sie bis heute: Stichworte zu seinen zukünftigen Projekten hat er notiert und dass er seiner ältesten Tochter Marie 500 Euro geliehen hat. Und dass er Farbe fürs Badezimmer kaufen muss. Es ist, als wäre er nur kurz aus dem Haus gegangen.

Am Anfang habe sie es kaum ertragen, die Fensternotizen anzusehen, sagt Chloé Verlhac, Tignous' Witwe. "Es sah alles so normal aus, dabei war nichts mehr in unserem Leben normal." Heute ist sie froh, dass sie sie nie entfernt hat. So haben sie ihn noch ein wenig bei sich.

Chloé Verlhac ist eine kleine Frau. Zierlich, aber nicht zerbrechlich. 21 Jahre jünger als ihr Mann, der aus einer früheren Beziehung schon zwei große Kinder hat. Es ist Mittwochvormittag, sie sitzt am runden Marmortisch in ihrer Küche, die Kinder sind in der Schule. Am Vortag, dem fünften Jahrestag des Anschlags, ist ihr Buch erschienen. Sie schildert darin ihren verzweifelten Kampf mit den französischen Behörden um Entschädigungszahlungen, ihre Trauer und ihre Wut. Und sie versucht, die Frage zu beantworten, wie man überlebt, wenn die Liebe des Lebens von Terroristen hingerichtet wird.

Sie hat diesmal am 7. Januar von morgens bis abends Interviews gegeben. Seit Jahren geht sie nicht zu den Gedenkfeiern, sie erträgt es nicht, zuzuschauen, wie andere Leute Kränze für ihren toten Mann niederlegen.

Jetzt weiterlesen mit SPIEGEL+

Jetzt weiterlesen. Mit dem passenden SPIEGEL-Abo.

Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen – von Reportern aus aller Welt. Jetzt testen.

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich.

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App.

  • Einen Monat für 1,- € testen.

Einen Monat für 1,- €
Jetzt für 1,- € testen

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit SPIEGEL+

Mehr Perspektiven, mehr verstehen.

Freier Zugang zu allen Artikeln, Videos, Audioinhalten und Podcasts

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App

  • DER SPIEGEL zum Anhören und der werktägliche Podcast SPIEGEL Daily

  • Nur € 19,99 pro Monat, jederzeit kündbar

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

SPIEGEL+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 19,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um SPIEGEL+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem SPIEGEL-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung.

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.