Schüsse bei Parade zum 4. Juli in Illinois Angreifer soll von Dach aus auf Menschenmenge gefeuert haben

In einem Vorort von Chicago sind bei einer Parade zum Unabhängigkeitstag mehrere Menschen erschossen worden. Viele weitere wurden verletzt.
Ein Polizist in Highland Park: Die Menschen, die sich die Parade zum Unabhängigkeitstag ansehen wollten, ließen bei ihrer Flucht vor dem Angreifer alles zurück

Ein Polizist in Highland Park: Die Menschen, die sich die Parade zum Unabhängigkeitstag ansehen wollten, ließen bei ihrer Flucht vor dem Angreifer alles zurück

Foto: Brian Cassella / AP

Am wichtigsten amerikanischen Nationalfeiertag, dem 4. Juli, hat ein Angreifer in einem Vorort von Chicago das Feuer auf eine Menge eröffnet, die bei einer Parade zuschaute. Mindestens sechs Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Der leitende Polizeibeamte vor Ort, Chris O'Neill, sagte, 24 Verletzte seien nach dem Beschuss in Highland Park in Krankenhäuser gebracht worden.

Auch Stunden nach der Tat war der Angreifer noch nicht gefasst. Es soll sich um einen 22-Jährigen handeln, der »bewaffnet und gefährlich« sei. Er habe vermutlich von einem Dach aus geschossen. Die Polizei geht derzeit von einem Einzeltäter aus.

Der Mann sei vermutlich mit einem silbernen Auto mit einem Kennzeichen aus Illinois unterwegs. Die Polizei kündigte an, Fahndungsfotos zu veröffentlichen und bat um Hinweise.

Die Bürgermeisterin von Highland Park im Bundesstaat Illinois, Nancy Rotering, hatte kurz nach der Tat die Einwohner aufgefordert, die Innenstadt zu meiden. Die Verwaltung der Kleinstadt, in der rund 30.000 Menschen leben, teilte mit: »Zahlreiche Polizeibeamte sind im Einsatz und haben die Innenstadt von Highland Park abgeriegelt.« Ein Sprecher des Sheriff-Büros von Lake County sagte, es scheine, als habe der Täter vom Dach eines Geschäftsgebäudes aus wahllos auf Anwesende geschossen. Bei der gefundenen Schusswaffe habe es sich um ein »leistungsstarkes Gewehr« gehandelt.

Fest zum Unabhängigkeitstag abgesagt

Die Hintergründe der Tat waren zunächst nicht bekannt. Ein Augenzeuge sagte dem Fernsehsender CNN, er habe mehrere Verletzte und leblose Menschen gesehen, die auf dem Boden lagen. »Es war herzzerreißend.« Er habe rund 30 Knallgeräusche gehört. Menschen seien von der Parade geflohen. »Es war einfach chaotisch.«

Ein Mann mit Kinderwagen sucht Schutz, nachdem die ersten Schüsse fielen

Ein Mann mit Kinderwagen sucht Schutz, nachdem die ersten Schüsse fielen

Foto: Lynn Sweet / AP

Die Parade begann am Montag um 10 Uhr Ortszeit. Kurze Zeit später fielen die ersten Schüsse. »Heute Morgen um 10.14 Uhr wurde unsere Gemeinde durch einen Gewaltakt terrorisiert, der uns zutiefst erschüttert hat«, sagte Bürgermeisterin Rotering. O'Neill sagte, Polizisten und Rettungskräfte seien bei der Parade anwesend gewesen und hätten sofort reagiert. Ein großes Fest zum Unabhängigkeitstag hatte die Bürgermeisterin nach der Bluttat abgesagt.

Täglich mehr als 50 Tote durch Schusswaffen in den USA

Die USA haben seit Langem mit einem riesigen Ausmaß an Waffengewalt zu kämpfen. Erst Ende Mai hatte ein 18 Jahre alter Schütze an einer Grundschule in Texas ein Massaker angerichtet. Er tötete in der Kleinstadt Uvalde 19 Kinder und 2 Lehrerinnen, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Die Polizei geriet danach in die Kritik, weil sie erst nach langer Verzögerung in den Klassenraum eindrang, in dem sich der Schütze verschanzt hatte. Gut eine Woche zuvor hatte ein 18 Jahre alter Täter in der US-Stadt Buffalo zehn Menschen erschossen, die Ermittler gehen von einem rassistischen Motiv aus.

Die Amokläufe hatten die Diskussion über schärfere Waffengesetze neu entfacht. In den USA sind Schusswaffen oft leicht erhältlich. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC wurden 2020 in den USA fast 20.000 Menschen erschossen – mehr als 50 pro Tag.

Oberstes Gericht weitete das Recht auf Tragen von Schusswaffen grade erst aus

US-Präsident Joe Biden zeigte sich »schockiert über die sinnlose Waffengewalt, die an diesem Unabhängigkeitstag wieder einmal Trauer über eine amerikanische Gemeinde gebracht hat«. In seiner Mitteilung hieß es: »Ich werde den Kampf gegen die Epidemie der Waffengewalt nicht aufgeben.« Biden und seine Demokraten fordern seit Langem schärfere Waffengesetze. Weitreichende Reformen scheitern immer wieder am Widerstand der Republikaner im Kongress und am Einfluss der mächtigen Waffenlobby-Organisation NRA.

Im vergangenen Monat hatte der Kongress unter dem Eindruck der Amokläufe von Texas und andernorts parteiübergreifend ein Gesetz gegen Schusswaffengewalt beschlossen, das aber weit hinter Bidens Reformvorschlägen zurückblieb. Experten werteten die Verschärfung des Waffenrechts zwar als die wichtigste seit Mitte der Neunziger. Das Gesetz ist inhaltlich allerdings nur ein überparteilicher Minimalkompromiss, den Kritiker als völlig unzureichend rügen.

Das von Biden Ende vergangenen Monats unterzeichnete Gesetz sieht eine intensivere Überprüfung von Waffenkäufern vor, die jünger als 21 Jahre sind. Zudem geht es darum, Gesetze aus Bundesstaaten auszuweiten, um potenziellen Gefährdern Waffen abnehmen zu können. Illegaler Waffenhandel soll auf Bundesebene bestraft werden können. Zudem sollen Milliarden in psychische Gesundheitsvorsorge und Anti-Gewalt-Programme fließen. Auch für die Sicherheit von Schulen sind weitere Mittel vorgesehen. Das von Biden und den Demokraten geforderte Verbot von Sturmgewehren fehlt in dem Gesetz.

Inmitten der Debatte über Schusswaffengewalt hatte das Oberste Gericht der USA das Recht auf das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit im vergangenen Monat ausgeweitet. Der Supreme Court in Washington kippte ein mehr als hundert Jahre altes Gesetz des Bundesstaats New York, wonach man einen triftigen Grund nachweisen muss, um eine Lizenz für das verdeckte Tragen einer Handfeuerwaffe außerhalb des Hauses zu erhalten.

czl/dpa/AFX
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.