Proteste gegen soziale Ungleichheit Ausschreitungen in Santiago de Chile - Kirchen in Brand gesteckt

Kurz vor einem wichtigen Referendum branden in Chile die Massenproteste wieder auf. In der Hauptstadt Santiago blieb es am Sonntag zunächst friedlich, doch der Tag endete mit Ausschreitungen und Plünderungen.
Brennende Heiligenfigur an der "Iglesia de San Francisco de Borja" in Santiago

Brennende Heiligenfigur an der "Iglesia de San Francisco de Borja" in Santiago

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Esteban Felix / dpa

In Chile haben am Jahrestag der heftigen Proteste gegen soziale Ungleichheit und die konservative Regierung erneut Zehntausende Menschen demonstriert. Die Kundgebung im Zentrum der Hauptstadt Santiago begann weitgehend friedlich. Zahlreiche Teilnehmer sangen und tanzten auf der Plaza Italia, die die Protestbewegung "Plaza Dignidad" (Platz der Würde) getauft hatte. Viele trugen Gesichtsmasken zum Schutz gegen das Coronavirus.

Gegen Abend kam es jedoch vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Eine Kirche nahe der Plaza Italia wurde durch ein Feuer weitgehend zerstört. Auf Fotos vom Sonntag war zu sehen, wie der Turm der "Parroquía de la Asunción" einstürzte, weil die Struktur des Gebäudes den Flammen nicht mehr standhielt. Sie ist eine der ältesten Kirchen Santiagos.

Brennender Turm der "Parroquía de la Asunción" in Santiago

Brennender Turm der "Parroquía de la Asunción" in Santiago

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Esteban Felix / AP

Eine weitere wurde von Vermummten geplündert und ebenfalls durch ein Feuer beschädigt. Chilenischen Medienberichten zufolge war die "Iglesia de San Francisco de Borja" angezündet worden, die regelmäßig von der Polizei für Zeremonien genutzt wird.

In der kommenden Woche stimmen die Chilenen darüber ab, ob die Verfassung des südamerikanischen Landes überarbeitet werden soll.

Viele Demonstranten forderten, bei der Abstimmung am kommenden Sonntag mit "Ja" zu stimmen. "Das ist die Chance zu sagen: Es reicht", sagte Paulina Villarroel, eine 29-jährige Psychologin. "Wir werden mit 'Ja' stimmen." Die Abstimmung über die Zukunft der chilenischen Verfassung, die ein Erbe der Militärjunta von Augusto Pinochet ist, war ein Zugeständnis der Regierung nach monatelangen Protesten.

Die Demonstrationen hatten am 18. Oktober 2019 nach einer Erhöhung der Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr begonnen. Die Demonstranten kritisierten dann aber auch niedrige Löhne, hohe Kosten für Bildung und Gesundheit sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Mit zwischenzeitlich mehr als einer Million Teilnehmern zählten die Proteste zu den größten in der Geschichte des Landes.

Immer wieder kam es dabei zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen Teilnehmern und den Sicherheitskräften. Mehr als 30 Menschen kamen dabei ums Leben. Wegen ihres oft brutalen Vorgehens war die Polizei in Chile in die Kritik geraten.

"Ich bin gekommen, um etwas zu feiern, das ich mir in Chile seit der Rückkehr zur Demokratie nie hätte vorstellen können", sagte die 68-jährige Ärztin Olga Neira, die die Demonstration am Sonntag mit ihrer Tochter besuchte. Sie glaube fest an ein "Ja" bei der Abstimmung über die Verfassung.

mes/dpa/AFP
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