Infektionen trotz Impfungen in Chile »Wir sind wirklich ein Negativbeispiel, so wie Chile soll man es nicht machen«

Junge Menschen infizieren sich und sterben: Trotz hoher Impfquoten erlebt Chile ein Coronadesaster. Die Gesundheitsexpertin Soledad Martínez beschreibt das Paradox – und was es für andere Länder bedeutet.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Ein Bestatter im Schutzanzug entsorgt leere Särge in Santiago, Chile

Ein Bestatter im Schutzanzug entsorgt leere Särge in Santiago, Chile

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Esteban Felix / dpa

Globale Gesellschaft

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Vor zwei Monaten blickte die chilenische Gesundheitsexpertin Soledad Martínez optimistisch in die Zukunft: Die Welt bewunderte Chile, das Land impfte schneller als jedes andere. Martínez warnte allerdings schon damals vor zu großem Leichtsinn.

Ihre schlimmsten Befürchtungen sollten wahr werden: Der Impffortschritt schützte Chile nicht. Obwohl inzwischen rund 60 Prozent der Bevölkerung einfach und davon mehr als 40 Prozent vollständig geimpft sind, steigen die Infektionszahlen immer weiter. Dies ist das dritte Gespräch mit Martínez, die nun andere Länder davor warnen will, die gleichen Fehler zu machen.

Foto: María Soledad Martínez Gutiérrez

Soledad Martínez, geboren 1974, ist Public-Health-Expertin und lehrt an der Universität von Chile. Sie hat an der University of California in Berkeley zum Thema Gesundheitspolitik promoviert und die chilenische Regierung bei der Digitalisierung des öffentlichen Gesundheitssystems beraten. Während der Coronapandemie organisierte sie Fortbildungen zum Thema digitale Kontaktverfolgung.

SPIEGEL: Frau Martínez, Chile feierte sich im März als Impfweltmeister. Wie ist die Coronasituation im Land derzeit?

Soledad Martínez: Die Lage ist katastrophal. Die Viruszirkulation da draußen ist extrem hoch. Die Intensivstationen der Krankenhäuser sind komplett überlastet. Das Gesundheitssystem ist kollabiert, kann man sagen. Menschen werden jetzt auch in ambulanten Einrichtungen aufgenommen oder zu Hause behandelt. Wenn Sie intubiert werden müssen, kann das dort jedoch nicht geschehen. Auf den Intensivstationen sind aber keine Betten frei. Wir haben hohe Todeszahlen, und es sterben jüngere Menschen. Besonders schrecklich ist, dass leider auch schwangere Frauen und ihre ungeborenen Babys sterben oder intubiert werden müssen – mit ungewissem Ausgang. Diese Schicksale sind extrem deprimierend.

SPIEGEL: Ist die infektiösere und womöglich tödlichere P1-Variante aus Brasilien dafür verantwortlich?

Martínez: Wir wissen nicht, wie stark P1 bei uns verbreitet ist. Wir haben nicht ausreichend Daten dazu. Dass jüngere Menschen und Schwangere betroffen sind, deutet aber darauf hin, dass sie sich mit P1 infiziert haben könnten.

Bestatter entladen Särge von einem Lastwagen in Valparaiso, Chile

Bestatter entladen Särge von einem Lastwagen in Valparaiso, Chile

Foto: Andres Pina / Aton / imago images

SPIEGEL: Inzwischen werden in Chile sogar bereits 20-Jährige geimpft, wie passen diese Berichte zu dem beeindruckenden Impftempo?

Martínez: Wir wissen seit Langem, dass der hierzulande verwendete Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinovac zwar vor schweren Verläufen einer Covid-Erkrankung gut schützt, aber weniger gut vor einer Infektion mit dem Virus. Das heißt, das Virus kann auch weitergegeben werden. Experten sprechen von einer »leaky vaccine« einer »undichten Impfung«. Wenn dann Maßnahmen der sozialen Distanzierung über Bord geworfen werden, wie hier geschehen, dann kann sich das Virus stark ausbreiten – und trifft besonders die Ungeimpften. Wir Gesundheitswissenschaftler haben davor gewarnt, aber leider hat man nicht auf uns gehört. Für mich fühlt es sich an wie ein Zugunglück in Zeitlupe, bei dem ich zusehen muss. Man hätte das verhindern können.

SPIEGEL: Seit vergangenem Wochenende gilt in der Hauptstadt Santiago de Chile erneut ein vollständiger Lockdown. Wieso hat man so lange gewartet?

Martínez: Die Politik hat sich gefeiert für die gelungene Impfkampagne, eine katastrophale Krisenkommunikation. Die Risiken wurden verschwiegen. Erst kürzlich erhielten noch alle Menschen, die zweifach geimpft sind, sogenannte Mobilitätspässe. Sie müssen sich jetzt nur teilweise an den Lockdown halten. Es ist aber unmöglich, alle zu überprüfen, die sich draußen bewegen. Die Leute sind müde. Der Lockdown ist daher nicht sehr effektiv.

SPIEGEL: Was bedeutet das Problem mit der »undichten Impfung« für den lateinamerikanischen Kontinent und die Welt?

Martínez: Viele Länder hier impfen vorwiegend mit dem chinesischen Impfstoff, zum Beispiel auch Brasilien. Die Impfung schützt den Einzelnen, dafür sind wir dankbar. Aber wir haben nachgerechnet: Mit Sinovac für eine Bevölkerung Herdenimmunität zu erreichen, ist wohl unmöglich. Es reicht selbst dann nicht, wenn alle geimpft sind. Theoretisch müsste man herausfinden, wer nicht genug Antikörper gebildet hat und diesen Menschen dann eine andere Vakzine verabreichen. Das alles ist wenig praktikabel. Das heißt: Wir werden auf diesem Kontinent noch über Jahre mit diesem Virus zu kämpfen haben. Ich hoffe, wir sind in drei Jahren dort, wo Australien oder Neuseeland heute sind, sodass man einzelne Fälle früh erkennt und Infektionsketten nachverfolgen kann.

Studenten warten auf ihre Impfung in Santiago, Chile

Studenten warten auf ihre Impfung in Santiago, Chile

Foto: Esteban Felix / AP

SPIEGEL: Was heißt das für die globale Pandemiebekämpfung?

Martínez: Zunächst einmal muss die Welt sich eingestehen: Impfung ist nicht gleich Impfung. Auch da gibt es Klassen. Die Vektor-Impfstoffe und die mRNA-Technologie verhindern Infektionen besser, das macht einen großen Unterschied. Letztere sind zudem besonders leicht an neue Varianten anzupassen. Die ganze Welt benötigt daher die mRNA-Technologie. Sie sollte für alle verfügbar gemacht werden. Dafür gehört für mich auch das Aussetzen der Patente. Alle Hürden für die Produktion müssten abgebaut werden. Davon profitiert die Welt, denn Pandemiebekämpfung funktioniert global. Wir haben weltweit zu wenig Impfstoff – und die Lage ist noch weitaus schwieriger, als die Zahlen vermuten lassen, wenn man das Problem mit der »undichten Impfung« bedenkt.

SPIEGEL: Was können andere Länder von Chile lernen?

Martínez: Wir sind wirklich ein Negativbeispiel. So wie Chile soll man es nicht machen. Daher kann ich nur warnen: Kein Land der Welt sollte jetzt so tun, als sei alles vorbei und Maßnahmen wie zum Beispiel das Maskentragen aussetzen. Das ist eine wirklich schlechte Idee. Aufgrund der ständig entstehenden neuen Varianten, vor denen die Impfungen teilweise weniger gut schützen, ist Herdenimmunität derzeit immer nur temporär und lokal begrenzt zu verstehen. Es ist unklar, ob die USA oder Europa sie überhaupt erreichen können. Das Beispiel Großbritannien, wo sich die indische Delta-Variante ausbreitet, stimmt mich auch nicht überaus zuversichtlich.

SPIEGEL: Die Menschen wollen zur Normalität zurück. Viele erwarten, dass sie mit der Impfung ihr altes Leben zurückbekommen.

Martínez: Das ist sehr verständlich. Trotzdem müssen wir klar kommunizieren: Impfungen allein sind nicht die Lösung. Es gibt da dieses Modell vom Schweizer Käse mit den vielen Löchern. Impfungen sind eine Schicht des Käses, sie decken einige Löcher ab. Aber um möglichst viele Schlupflöcher für die Virusübertragung zu stopfen, bedarf es auch anderer Maßnahmen der sozialen Distanzierung, der Quarantäne, der Nachverfolgung von Infektionsketten und der globalen Überwachung von neuen Mutanten. Vor allem müssen wir zukünftig in der Lage dazu sein, sehr schnell zu reagieren, wenn irgendwo ein Infektionsherd entsteht oder eine neue Variante auftaucht.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes sagte die Interviewpartnerin, es gäbe keine Daten zur Ausbreitung der P1-Variante in Chile; tatsächlich meinte sie, dass die bisher erhobenen Daten nicht ausreichend seien. An einer anderen Stelle hieß es, Inhaber eines sogenannten Mobilitätspasses müssten sich nicht an den Lockdown halten – allerdings müssen sie das teilweise schon. Wir haben die Stellen angepasst.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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