Umkehr der Migration Warum so viele Haitianer aus Chile wegwollen

Hunderttausende Menschen aus Haiti suchten eine bessere Zukunft in Chile. Doch nun verlassen mehr von ihnen das Land, als einwandern. Rassismus und kaum Chancen auf Visa und Arbeit treiben sie weg – in Richtung USA.
Aus Santiago, Chile berichten Sophia Boddenberg und Pablo Rojas Madariaga (Fotos)
Emmanuel Louis und seine Frau kamen vor rund vier Jahren nach Chile. Nach dem Tod ihres Sohnes fühlen sie sich vom chilenischen Staat im Stich gelassen

Emmanuel Louis und seine Frau kamen vor rund vier Jahren nach Chile. Nach dem Tod ihres Sohnes fühlen sie sich vom chilenischen Staat im Stich gelassen

Foto: Pablo Rojas Madariaga
Globale Gesellschaft

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Emmanuel Louis arbeitete in Haiti als Model und Künstler, es sei seiner Familie nicht schlecht gegangen, erzählt er. Doch seine Frau und er hätten sich Sorgen gemacht um ihren Sohn. Er sollte nicht in einem Land voller Chaos, Gewalt und Kriminalität aufwachsen.

»In Haiti kommst du mit einem Universitätsabschluss nicht weiter im Leben, aber mit einer Waffe schon«, sagt Louis. »Wir haben nach einem Ort gesucht, der sicher für Kinder ist. Und Chile gilt als die Oase der Sicherheit in Südamerika

Für Haitianerinnen ist es besonders schwierig, ein Visum in Chile zu bekommen – diese Frau wartet seit Stunden vor der haitianischen Botschaft

Für Haitianerinnen ist es besonders schwierig, ein Visum in Chile zu bekommen – diese Frau wartet seit Stunden vor der haitianischen Botschaft

Foto: Pablo Rojas Madariaga

So kamen der 36-jährige Haitianer und seine Frau vor viereinhalb Jahren nach Chile, um ihrem damals dreijährigen Sohn Emmaus eine bessere Zukunft zu bieten.

Hohes Wirtschaftswachstum, niedrige Kriminalität und politische Stabilität machten Chile einst zu einem beliebten Ziel von Migrantinnen und Migranten aus Haiti. Zwischen 2010 und 2017 stieg die Zahl der haitianischen Einwanderer von 988 jährlich auf 110.116 pro Jahr an.

Das schwere Erdbeben im Jahr 2010, extreme Armut, die alltägliche Gewalt und der Einsatz chilenischer Truppen im Rahmen einer Uno-Friedensmission trieben viele Menschen aus dem Karibikstaat ins südamerikanische Chile. »Durch die Blauhelm-Mission entstand eine Verbindung zwischen den beiden Ländern«, erklärt die Soziologin María Emilia Tijoux. Die Haitianer hätten ein positives Bild von Chile gehabt, als ein gastfreundliches und großzügiges Land, »aber vor allem als ein Land, in dem es Arbeit gibt«, sagt sie.

Längst ist diese Hoffnung zerstoben. Zwar hat sich die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Chile in den vergangenen fünf Jahren fast verdreifacht. Menschen aus Venezuela, Peru, Haiti und Kolumbien strömen ins Land.

Doch Haitianer und Haitianerinnen sehen zu, dass sie wegkommen. Im Jahr 2019 reisten zum ersten Mal mehr von ihnen aus als ein. Tausende haben das Land bereits wieder verlassen. Viele machen sich derzeit auf den Weg in die USA – häufig durch den Darién Gap, einen lebensgefährlichen Fußweg durch den Urwald zwischen Kolumbien und Panama, weiter bis an die Grenze USA-Mexiko. Von dort aus werden sie dann häufig wieder in ihr Heimatland abgeschoben.

Warum wollen 85 Prozent der Haitianer und Haitianerinnen Chile verlassen, wie eine Studie der Universidad Mayor in Chile zeigt?

Knapp 80 Prozent der Ausreisewilligen gaben an, dass ihre finanzielle Situation schlecht oder sehr schlecht sei. Die meisten Haitianer müssen schwarzarbeiten, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Sie werden schlechter bezahlt, müssen mehr Überstunden machen und sind nicht krankenversichert. Louis arbeitet in einer Reinigungsfirma. »Manchmal bezahlen sie uns gar nicht. Wir werden wie Sklaven behandelt«, sagt er. »Deshalb gehen so viele weg.«

Für Haitianer ist es in Chile schwieriger Arbeit zu finden, als für andere Migranten. Viele klagen zudem über Diskriminierung am Arbeitsplatz

Für Haitianer ist es in Chile schwieriger Arbeit zu finden, als für andere Migranten. Viele klagen zudem über Diskriminierung am Arbeitsplatz

Foto: John Moore / Getty Images

Tatsächlich ist es einer Umfrage des Zentrums für Migrationsstudien der Universidad de Talca zufolge für die meisten Haitianer und Haitianerinnen in Chile schwieriger, Arbeit zu finden, als für andere Migranten. Die Mehrheit arbeitet in einem anderen Beruf als in ihrem Heimatland. Etwa die Hälfte der Befragten fühlt sich diskriminiert, hauptsächlich am Arbeitsplatz. Dabei ist die Hautfarbe offenbar die häufigste Ursache für Diskriminierung. Viele Haitianer leiden außerdem unter der Sprachbarriere, da sie häufig kein Spanisch sprechen, sondern nur Kreol. Und Sprachkurse kosten Geld.

Auch Emmanuel Louis fühlt sich wegen seiner Hautfarbe und Sprache diskriminiert. In seinem Wohnzimmer in der chilenischen Hauptstadt Santiago hängen mit bunter Acrylfarbe gemalte Bilder, im Fernseher läuft ein romantisches Musikvideo eines haitianischen Sängers.

Er holt einen großen Bilderrahmen, in den das Foto eines Jungen im Grundschulalter eingefasst ist. »Das ist mein Sohn Emmaus. Er ist voriges Jahr gestorben.« Der Sechsjährige ertrank am 26. Januar 2020 bei einem Schwimmkurs in einem öffentlichen Schwimmbad, offenbar ein schrecklicher Unfall.

Bild von Emmaus: Der Sohn von Emmanuel Louis ertrank in einem öffentlichen Schwimmbad in Santiago. Hinterher wurde das Bad geschlossen – wegen fehlender Sicherheitsmaßnahmen

Bild von Emmaus: Der Sohn von Emmanuel Louis ertrank in einem öffentlichen Schwimmbad in Santiago. Hinterher wurde das Bad geschlossen – wegen fehlender Sicherheitsmaßnahmen

Foto: Pablo Rojas Madariaga

»Niemand hat uns erklärt, was passiert ist, weil sie davon ausgingen, wir würden kein Spanisch sprechen«, sagt Louis flüssig auf Spanisch und kratzt mit den Fingernägeln Kerzenwachs von der Glasscheibe des Bilderrahmens. Seine Frau steht hinter ihm, sie möchte nicht sprechen. Die Eheleute fühlen sich in ihrem größten Schmerz von dem Land ihrer Träume alleingelassen, verraten.

Sie leben in Quilicura, einem Stadtteil von Chiles Hauptstadt Santiago, der einst »Pequeño Haití« genannt wurde – »kleines Haiti« – weil dort besonders viele Haitianer lebten. Mittlerweile sind fast alle Freunde von Louis nach Mexiko oder in die USA abgehauen. Manche wurden zurück nach Haiti deportiert. Wenn er auf der Straße einen Haitianer trifft, dann sagt man zur Begrüßung: »Wann gehst du weg?«

Vor der haitianischen Botschaft in Santiago bildet sich jeden Morgen eine große Menschentraube. Haitianerinnen und Haitianer stehen Schlange für Dokumente, die sie für die Visumsanträge in Chile oder in anderen Ländern brauchen, ein polizeiliches Führungszeugnis etwa. Viele haben Angst, abgeschoben zu werden.

Im Bus setze sich niemand neben ihn, sagt ein Migrant

Auch ein Mann um die 40, er möchte Mario Forestal genannt werden, will nach Mexiko ausreisen. Seit fünf Jahren wartet er auf seine Aufenthaltsgenehmigung. »Ohne Visum kann ich hier nicht arbeiten und ohne Arbeit kann ich nicht leben«, sagt er in gebrochenem Spanisch. Als er auf einer Baustelle jobbte, habe ein chilenischer Kollege ihm ins Gesicht gespuckt. Wenn er mit dem Bus fährt, setze sich niemand neben ihn. Auf der Straße würden die Leute ihm »Chile für die Chilenen« zurufen. Seit der rechtsgerichtete Präsident Sebastián Piñera in Chile an der Macht sei, habe sich die Situation für die Haitianer verschlechtert. »Die Regierung will uns loswerden«, sagt Forestal.

Dieses Camp in Lampa, Chile, haben Migranten aus Haiti und Peru errichtet: Zuletzt wurden zwei Drittel der Visaanträge von Haitianern abgelehnt

Dieses Camp in Lampa, Chile, haben Migranten aus Haiti und Peru errichtet: Zuletzt wurden zwei Drittel der Visaanträge von Haitianern abgelehnt

Foto: John Moore / Getty Images

Der seit 2018 regierende Piñera hat die Einwanderungs- und Visapolitik verschärft, insbesondere gegenüber Haitianern. Er verabschiedete ein neues Einwanderungsgesetz, das Abschiebungen erleichtert. Zwischen April 2018, als die Einwanderungsbedingungen für die Haitianer verschärft wurden, und Dezember 2019 wurden mehr als zwei Drittel der Visaanträge von Haitianern abgelehnt.

Und nach und nach hat auch die Ablehnung der Bevölkerung gegenüber Migranten zugenommen. Waren im August 2020 noch etwa 35 Prozent gegen die Einwanderung von Menschen nach Chile, sind es im Februar 2021 knapp 57 Prozent. Im September 2021 zündeten Demonstranten bei einem fremdenfeindlichen Protest in der nördlichen Stadt Iquique die Zelte von Migranten aus Venezuela an. Auch in Santiago gab es diesen Oktober rassistische Proteste gegen Einwanderer.

Studien zufolge ist die größte Sorge der Chilenen, dass durch die Migration die Kriminalität zunehme und ihre Sicherheit gefährdet sei – obgleich die Realität anders aussieht: Die Kriminalitätsraten haben sich seit der starken Einwanderung nicht verändert.

Dennoch nutzen rechtsgerichtete Politiker die Angst der Bevölkerung für den Wahlkampf. Bei den Präsidentschaftswahlen am 21. November erhielt der rechtspopulistische Kandidat José Antonio Kast die meisten Stimmen und zieht damit Mitte Dezember in die Stichwahl gegen den linken gemäßigten Kandidaten Gabriel Boric. Kast ist der Sohn eines deutschen Wehrmachtsoffiziers, Unterstützer der Pinochet-Diktatur, und er macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump und den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Teil seiner Kampagne ist ein Zehn-Punkte-Plan gegen Migranten. Er will unter anderem einen Graben im Norden Chiles ausheben, um sie an der Einreise zu hindern und NGOs rechtlich verfolgen lassen, die Migranten Hilfe leisten.

Unterstützer mit einem Bild von José Antonio Kast: Der mögliche neue Präsident Chiles will unter anderem einen Graben im Norden des Landes ausheben, um Migranten an der Einreise zu hindern

Unterstützer mit einem Bild von José Antonio Kast: Der mögliche neue Präsident Chiles will unter anderem einen Graben im Norden des Landes ausheben, um Migranten an der Einreise zu hindern

Foto: Marcelo Hernandez / Getty Images

Rassismus sei in der Geschichte Chiles tief verankert, sagt die Soziologin María Emilia Tijoux: »Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden europäische, vor allem deutsche Migranten nach Chile geholt, damit sie sich mit der lokalen Bevölkerung vermischen und die ›Bevölkerung verbessern‹«, sagt sie. Bis heute würden die Chilenen ausschließlich Lateinamerikaner als Migranten und als Bedrohung betrachten, Europäer hingegen nicht.

»Die nationalistische Ideologie vermittelt das Bild einer homogenen europäisch geprägten chilenischen Gesellschaft und Identität, die von den Migranten bedroht wird«, sagt die Soziologin. Dieser Diskurs werde auch von der aktuellen Regierung und von vielen Medien verbreitet: »Fernsehsender und Tageszeitungen vermitteln ein Bild der Migranten als Kriminelle.«

Viele haitianische Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung arbeiten als Straßenverkäufer in Santiago

Viele haitianische Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung arbeiten als Straßenverkäufer in Santiago

Foto: Pablo Rojas Madariaga

Im Viertel Estación Central sind die Gehwege voller Straßenverkäufer, viele aus Haiti. Sie verkaufen Kleidung, Obst und Gemüse oder Schokoladenriegel und Getränke an die Autofahrer an den Ampeln. Für viele ist es die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Die 40-jährige Berline Coimin lebt hier mit ihrer zwei Monate alten Tochter in einem kleinen Zimmer. In Haiti habe sie nicht auf so engem Raum gewohnt. »Aber als Haitianer ist das das Einzige, was man hier bekommt«, sagt sie, »ein winziges Zimmer mit Küche und Bad, alles in einem Raum.«

Berline Coimin (rechts) mit ihrer kleinen Tochter: In Chile müssen viele Haitianerinnen und Haitianer auf engem Raum leben, teilweise mehrere Familien in einem kleinen Zimmer

Berline Coimin (rechts) mit ihrer kleinen Tochter: In Chile müssen viele Haitianerinnen und Haitianer auf engem Raum leben, teilweise mehrere Familien in einem kleinen Zimmer

Foto: Pablo Rojas Madariaga

Während der Pandemie ist die prekäre Wohnsituation der Haitianer noch sichtbarer geworden. Viele leben beengt, teilweise mehrere Familien in einem Zimmer. So waren sie auch einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Die Vermieter verlangen überteuerte Mieten und wenn die Haitianer diese nicht bezahlen können, setzen sie sie auf die Straße.

Fast alle Freunde von Berline Coimin seien ausgewandert, weil sie jahrelang auf ihr Visum warten mussten und nicht arbeiten konnten, erzählt sie. »Es gibt hier das Vorurteil, dass alle Haitianer arm sind – so als wären wir dazu verdammt, für immer arm zu sein. Sie geben uns die schwerste Arbeit und die kleinsten Zimmer«, sagt sie. »Das Leben hier ist elend. Deshalb gehen viele.« In der Kirche, in der sie arbeitet, gäbe es keine Messe mehr für die Haitianer – weil kaum noch jemand komme.

Auch Emmanuel Louis würde Chile gern verlassen, aber er will den Gerichtsprozess seines Sohnes abwarten. »Ich hatte Vertrauen, dass mein Kind hier sicher ist«, sagt er. Eine Gruppe von Jugendlichen hatte den Körper des kleinen Emmaus entdeckt, der leblos im Schwimmbecken trieb. Das Gesundheitsministerium schloss das Schwimmbad daraufhin wegen fehlender Sicherheitsmaßnahmen – es waren 200 Kinder im Schwimmbad, aber nur ein Bademeister. Offenbar hatte niemand die Not des kleinen Emmaus bemerkt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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