Zwangsarbeit in Xinjiang So beutet China die Uiguren aus

China setzt Hunderttausende Uiguren als Zwangsarbeiter bei der Baumwollernte ein, schreibt der deutsche Xinjiang-Forscher Adrian Zenz in einer Studie. Hier erklärt er die Hintergründe.
Ein Interview von Georg Fahrion, Peking
Baumwollernte in Xinjiang: »Die Hinhaltetaktik der Textilindustrie stößt an ihre Grenzen«

Baumwollernte in Xinjiang: »Die Hinhaltetaktik der Textilindustrie stößt an ihre Grenzen«

Foto: VCG / imago images

SPIEGEL: Herr Zenz, wieso muss es mich als Konsument kümmern, dass 20 Prozent der globalen Baumwollproduktion aus Xinjiang stammen?

Zenz: Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat fast jeder deutsche Konsument Baumwolle aus Xinjiang im Kleiderschrank. Und bei ihrer Produktion wird Zwangsarbeit eingesetzt .

SPIEGEL: Erklären Sie uns die Hintergründe.

Zenz: In Xinjiang gibt es zwei große staatliche Programme der Unterdrückung. Das eine ist die Masseninternierung in Umerziehungslagern. Das andere ist das sogenannte Arbeitskräfte-Transferprogramm. Obwohl dabei viele Menschen umgesiedelt werden, bezieht sich das Wort Transfer weniger auf den geografischen Aspekt als auf die Veränderung der Lebensform. Wer früher etwa Bauer oder Hirte war, soll Lohnarbeiter werden.

SPIEGEL: Welchem Zweck dient das?

Zenz: China hat sich vorgenommen, die Armut zu beenden. Um Menschen als von der Armut frei erklären zu können, müssen sie aber ein messbares Einkommen haben. Mindestens ebenso wichtige Ziele sind Kontrolle und gesellschaftliche Veränderung. Uiguren oder Kasachen sollen nicht mehr in traditionellen Gemeinschaften leben, sondern in einer staatlich kontrollierten Umgebung der Fabrikanlagen. Dort sind sie von Mauern umgeben, von Checkpoints, sie können dort nicht einfach mal kurz raus zur Moschee, denn die gibt es dort meist gar nicht. Meine Forschung hat jetzt ergeben, dass nicht nur Fabrikarbeiter, sondern auch Baumwollpflücker durch dieses System geschleust werden.

SPIEGEL: Wie läuft die Rekrutierung ab?

Zenz: Regierungsteams fragen bei den Baumwollplantagen an: »Wie viele Pflücker braucht ihr?« Die so errechnete Summe wird als Quote festgesetzt, die erfüllt werden muss. Anschließend klopfen Beamte in den Dörfern an jede Tür. »Was ist eure Arbeit? Was euer Einkommen?« Und dann wird mobilisiert. Wenn die Menschen keine Ausrede haben, etwa schon in Lohnarbeit stehen, dann müssen sie mit.

Hunderttausende zur Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern

SPIEGEL: Sie können nicht vor Ort recherchieren. Wie kommen Sie zu Ihren Erkenntnissen?

Zenz: Ich durchforste im Internet zugängliche chinesische Regierungsdokumente, die man allerdings nach den richtigen Schlagwörtern durchsuchen muss, um daraus schlau zu werden. Es braucht einen Schlüssel. In einem Dokument über den Arbeitstransfer bin ich rein zufällig auf einen Absatz gestoßen, in dem stand: »Aus den Präfekturen Aksu und Hotan transferieren wir 210.000 Arbeiter zum Pflücken von Baumwolle.« Da bin ich fast vom Stuhl gefallen. Dieses Dokument verwendete einen Ausdruck für »Baumwolle pflücken«, der mir bis dahin nicht bekannt war. Wenn man diesen Begriff zusammen mit dem Wort »Arbeitstransfer« sucht, stößt man auf jede Menge Beweismaterial.

SPIEGEL: Sie schreiben, man müsse von rund einer halben Million Zwangsarbeitern ausgehen, die in die Baumwollfelder geschickt werden. Wie kommt diese Zahl zustande?

Zenz: Ich habe die paar konkreten Zahlen zusammengerechnet, die ich in offiziellen Dokumenten gefunden habe. Diese Daten beziehen sich allerdings nur auf die drei Präfekturen Aksu, Hotan und Kashgar, wo viel Baumwolle produziert wird. Xinjiang hat mehr als ein Dutzend Präfekturen. Es ist möglich, dass die wahre Zahl näher an 800.000 oder noch höher liegt.

SPIEGEL: Wobei Sie mit einem grundsätzlichen Problem umgehen müssen: Chinesische Kader haben Anreize, übertrieben hohe Zahlen nach Peking zu melden, um zu suggerieren, sie hätten ihre Pflicht übererfüllt.

Zenz: Vor ein paar Jahren hätte ich dieser Aussage zugestimmt, doch mittlerweile halte ich das gerade in Xinjiang für unwahrscheinlich. Ich habe einen Schatz von internen Dokumenten, aus denen klar hervorgeht, dass jegliche Übertreibung streng geahndet wird.

SPIEGEL: Ist es ein falscher Eindruck, dass sich die Leaks aus Xinjiang häufen?

Zenz: Durch die Berichtspflichten erzeugt die Regierung eine ungeheure Datenflut, und wo es mehr Dokumente gibt, können auch mehr Dokumente durchsickern. Mehr als eine Million Berufsbeamte arbeiten in Xinjiang, und die Menschenrechtssituation ist den Einheimischen bekannt. So unwahrscheinlich ist es doch nicht, dass ein paar Beamte es einfach mal versuchen, ihren Verwandten Informationen zuzuschieben oder einem Bekannten im Ausland eine E-Mail zu schicken.

SPIEGEL: Wie lässt sich verhindern, dass mit Zwangsarbeit produzierte Baumwolle den Weltmarkt erreicht?

Zenz: Der Nachweis ist ein großes Problem. Baumwolle wird oft gemischt; häufig ist der genaue Ursprung nicht mehr nachzuvollziehen. Viele Firmen drücken sich vor der Verantwortung, indem sie sagen: »Wir verpflichten unsere Zulieferer darauf, dass wir keine Baumwolle aus Xinjiang wollen.« Ja, toll. Wie soll man das denn kontrollieren?

SPIEGEL: Zumal mehrere internationale Firmen, die Wertschöpfungsketten zertifizieren, sich aus Xinjiang zurückgezogen  haben.

Zenz: Am besten wäre es, Textilunternehmen würden gar keine Baumwolle aus China mehr beziehen. Es sei denn, sie können konkret nachweisen, dass diese Baumwolle entweder nicht aus Xinjiang stammt oder wirklich nur von Maschinen geerntet wurde.

Die EU ist gefordert

SPIEGEL: Wie realistisch ist das? Gefühlt ist doch jedes zweite T-Shirt »made in China«.

Zenz: Der Textilindustrie ist das Problem längst klar. Aber nun stößt ihre Hinhaltetaktik an Grenzen. Klare ethische rote Linien sind jetzt überschritten. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation ist für den Tatbestand der Zwangsarbeit nicht erforderlich, dass die Arbeitsleistung nicht bezahlt oder dass man durch Strafandrohungen dazu gezwungen wird. Das maßgebliche Kriterium ist die Unfreiwilligkeit, und die ist durch den Arbeitstransfer gegeben.

SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich mit Blick auf Xinjiang von der neuen US-Regierung?

Zenz: Joe Biden hat gesagt, dass ihm Menschenrechte wichtig sind und dass er eine prinzipienorientierte Politik gegenüber China vertreten möchte. Und bei Xinjiang ist die Lage ja eindeutig. Wir können uns aber nicht nur auf die Amerikaner verlassen, genauso ist die EU gefragt. Ich erhoffe mir Sanktionen und Maßnahmen, die bewirken, dass die chinesische Regierung nicht einfach so weitermachen kann. Dass sie nicht ungestraft davonkommt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.