Vakzine-Tests im Ausland Chinas langer Marsch zum Impfstoff

Die Volksrepublik will zur Impfmacht aufsteigen, doch es mangelt an Corona-Fällen für die nötigen Tests. In welche Länder Chinas Forscher ausweichen – und wo sie nicht willkommen sind.
Von Georg Fahrion, Peking
Labortechnikerin bei Sinovac in Peking

Labortechnikerin bei Sinovac in Peking

Foto:

WANG ZHAO / AFP

Das Weihnachtsgeschenk blieb aus, dabei hatten viele es so herbeigesehnt. Einen Tag vor Heiligabend sollten die Testergebnisse für eine neue chinesische Covid-19-Vakzine verkündet werden. Wissenschaftler hatten gehofft, dass der Impfstoff »Coronavac« ähnlich gute Werte aufweisen würde wie die Vakzinen von Moderna und Biontech/Pfizer. Doch nun vertagte der chinesische Hersteller Sinovac die Präsentation um 15 Tage.

»Es war sehr frustrierend«, sagte der Covid-19-Forscher Luiz Carlos Dias von der brasilianischen Campinas-Universität dem »Wall Street Journal« . »Ich mache mir Sorgen, ob die Wirksamkeit am Ende vielleicht doch nicht so hoch ist.«

Auf Antworten muss die Welt nun weiter warten. Es läuft bei der Suche nach einer chinesischen Vakzine wohl doch nicht alles so rund, wie Pekings Propaganda es suggeriert. Zu gern hätte die Volksrepublik, wo das Virus vor einem Jahr zuerst ausbrach, auch als erstes Land einen Impfstoff präsentiert. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping ordnete bereits im Mai an, dass chinesische Vakzinen ein »globales Gemeingut« werden sollen. In der Pandemie sollte der chinesischen Impfstoffbranche der Durchbruch auf dem Weltmarkt gelingen. Doch auf dem Weg dorthin gibt es noch etliche Hindernisse. 

»Für China ist es Segen und Fluch zugleich, als eines der ersten Länder das Virus eingedämmt zu haben«, sagt Yanzhong Huang, Senior Fellow für globale Gesundheit am US-Thinktank »Council on Foreign Relations«. »Es gibt in China nur noch wenige Fälle, aber klinische Studien der Phase III muss man an Orten mit vielen Infektionen durchführen.«

Chinas Impfstoffentwickler sind für ihre Tests daher in mehr als ein Dutzend andere Länder ausgewichen – doch zu den Staaten mit der größten Infektionslast wie den USA oder Indien hatten sie wegen der angespannten politischen Beziehungen keinen Zugang. »Sie hatten Probleme, ausreichend Probanden zu rekrutieren, um statistisch signifikante Ergebnisse zu erhalten«, sagt Huang. Die Daten für »Coronavac« etwa sollte das Butantan-Institut aus Brasilien vorstellen, wo Sinovac einen seiner Phase-III-Tests durchführt. Dass die Chinesen diese Präsentation nun verschoben, begründeten sie damit, dass sie noch auf Testergebnisse aus Indonesien und der Türkei warten wollten.

Ins Hintertreffen geraten Chinas Hersteller nicht nur wegen der zeitlichen Verzögerung, sondern auch wegen mangelnder Transparenz. »Bisher haben sie nicht einmal Zwischenergebnisse vorgelegt, die unabhängig verifiziert werden können«, sagt Huang. »Das hat uns verblüfft. Wer seine Produkte exportieren und den internationalen Marktanteil ausbauen will, muss global anerkannten Protokollen und Prozessen folgen.«

Ein Schlüssel für die internationale Vermarktung ist die Liste sogenannter präqualifizierter Impfstoffe, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt. Nur wenn sie anhand der von den Herstellern vorgelegten Daten nachvollziehen kann, dass ein Impfstoff ihre Standards erreicht, wird er dort aufgeführt. Eine in China produzierte Vakzine hat die WHO erstmals 2013 derart zertifiziert, seither sind nur wenige weitere gefolgt. Zum Vergleich: Die Pharmaindustrie des Rivalen Indien stellt 107 präqualifizierte Vakzinen her.

An einer Präqualifikation durch die WHO orientiert sich unter anderem die internationale Impfinitiative »Covax«, die Corona-Impfstoffe für ärmere Länder bereitstellen will. Darunter die Kandidaten von Moderna, Biontech/Pfizer und der britisch-schwedischen AstraZeneca. Die Kandidaten von Sinovac, dem staatlichen Hersteller Sinopharm oder Chinas drittem großen Impfstoffproduzenten CanSino zieht »Covax« bisher nicht in Betracht.

Huang zufolge haben zudem multilaterale Geber wie die Weltbank klargemacht, dass sie nur präqualifizierte Impfstoffe finanzieren werden. Potenzielle Abnehmer chinesischer Vakzinen müssten demzufolge auf andere Finanzierungswege zurückgreifen, etwa auf chinesische Kredite oder das eigene Budget.

Trotzdem verzeichnet Chinas Impfstoffdiplomatie schon einige Erfolge. Bereits vor einigen Wochen haben die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain eine Sinopharm-Vakzine zugelassen, obwohl noch keine Endergebnisse vorliegen. Ägypten erhielt seine erste Sinopharm-Lieferung am Sonntag. Der Sinovac-Testpartner Türkei schickt sich an, noch im Dezember eine Impfkampagne zu starten, die ersten drei Millionen von 50 Millionen bestellten »Coronavax«-Dosen sollen in den nächsten Tagen eintreffen. Gerade in Nahost ist die Impfmacht China also gut positioniert – eine Region, wo lange die USA dominierten.

»Kambodscha ist kein Mülleimer«

Hun Sen, kambodschanischer Premier

Schon deuten sich erste Erfolge dieser Kooperation an. China werde der Türkei die »benötigte Hilfe zukommen lassen«, sagte der chinesische Außenminister Wang Yi am Montag nach einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen. Mevlüt Çavuşoğlu habe überdies im selben Gespräch zugesagt, dass die Türkei mit Blick auf die »Islamische Bewegung Ostturkestans« (ETIM) auf Linie bleiben werde – eine Gruppierung uigurischer, also turksprachiger Separatisten, die für die Unabhängigkeit des westchinesischen Xinjiang kämpft. Die Türkei hat ETIM erst 2017 auf seine Terrorliste gesetzt.

Ein Durchmarsch bleibt China aber womöglich verwehrt. Vergangene Woche gab ausgerechnet der kambodschanische Premier Hun Sen bekannt, seine Regierung habe eine erste Million Dosen bei der Impfinitiative »Covax« bestellt – und nicht in China. Dabei hatte Peking angeboten, den sonst so treuen südostasiatischen Vasallen zu versorgen.

In reichlich undiplomatischen Worten stellte Hun Sen jedoch klar, sein Land werde keine Vakzine ohne WHO-Siegel akzeptieren: »Kambodscha ist kein Mülleimer ­– und kein Versuchsfeld für Impfstoffe.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.