Sinkende Geburtenraten in China »Niemand will noch Kinder haben«

In China wurden 2020 deutlich weniger Kinder geboren als im Vorjahr. Wegen der sinkenden Geburtenraten warnen Experten im bevölkerungsreichsten Land der Erde vor Überalterung – und fürchten um das Wirtschaftswachstum.
Frau und Kind in Peking: Die Aufhebung der seit 1979 geltenden Ein-Kind-Politik hatte 2016 nur zu einem leichten Anstieg der Geburten geführt

Frau und Kind in Peking: Die Aufhebung der seit 1979 geltenden Ein-Kind-Politik hatte 2016 nur zu einem leichten Anstieg der Geburten geführt

Foto: Andy Wong / AP

Jahrzehntelang hat China mit einer Ein-Kind-Politik versucht, das Bevölkerungswachstum im Land zu kontrollieren. Diese Zeiten sind allerdings lange vorbei. Die Geburtenrate in der Volksrepublik sinkt deutlich. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Geburten drastisch auf einen »alarmierenden« Tiefstand gefallen.

Im Vergleich zum Vorjahr seien 15 Prozent weniger Neugeborene amtlich gemeldet worden, berichtete das Ministerium für öffentliche Sicherheit in Peking. Die Zahl sei von 11,79 auf 10,04 Millionen gefallen. Experten warnten vor einer Überalterung im bevölkerungsreichsten Land der Erde, die damit noch deutlich schneller als erwartet voranschreitet. Das werde das Wachstum der zweitgrößten Wirtschaftsnation bremsen.

Die jährliche Geburtenrate hatte Angaben des Statistikamtes zufolge bereits 2019 den niedrigsten Stand seit Gründung der Volksrepublik 1949 erreicht. Als Gründe wurden die hohen Kosten für Bildung und Wohnen in China genannt. Auch geht die Zahl der Eheschließungen zurück, während die Scheidungsrate in China hoch ist. Viele Paare warten auch mit der Heirat und gründen erst später Familien.

Aufhebung der Ein-Kind-Politik hatte nur zu leichtem Anstieg geführt

Die Aufhebung der seit 1979 geltenden Ein-Kind-Politik hatte 2016 nur zu einem leichten Anstieg der Geburten geführt, doch ist die Zahl seither jedes Jahr weiter gefallen. Das genaue Ausmaß des Rückgangs wird sich im April zeigen, wenn das Statistikamt die Zahlen für 2020 vorlegen will. Experten wiesen darauf hin, dass die berichtete Zahl der neu beantragten Wohnortregistrierungen (Hukou) nicht alle Geburten abbilden, da viele Babys auch nicht angemeldet werden.

Die Entwicklungen werden mit Sorge beobachtet. »Niemand will noch Kinder haben«, sagte der Familienplanungsexperte und bekannte Autor Yi Fuxian von der amerikanischen Universität von Wisconsin der Nachrichtenagentur dpa in Peking. Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik habe »das Fruchtbarkeitskonzept der Menschen verändert«. »Die Menschen haben sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben«, sagte Yi Fuxian. »Das Konzept ist tief verwurzelt und nur schwer zu ändern.«

»Die Menschen haben sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben.«

Familienplanungsexperte Yi Fuxian

Auch seien die Ausgaben, um Kinder in China großzuziehen, höher als selbst in fortschrittlicheren Wirtschaftsnationen wie Taiwan oder Südkorea. »Auf der einen Seite ist die Scheidungsrate in China hoch, auf der anderen gehen die Trauungen zurück«, sagte Yi Fuxian. »Das ist sehr beunruhigend.« Er warnte vor den wirtschaftlichen Folgen der Überalterung und des Rückgangs der arbeitsfähigen Bevölkerung.

»Wenn die Zahl der Arbeitskräfte geringer wird, beginnt der Niedergang der Wirtschaft«, sagte der Experte. Chinas Wachstum werde abflachen. Nach Schätzungen werde der Zuwachs in China in den Jahren 2030 bis 2035 langsamer ausfallen als in den USA, sagte Yi Fuxian. »Es wird unmöglich, die USA als größte Volkswirtschaft abzulösen.« Experten wiesen auch darauf hin, dass weniger Menschen in Arbeit in China damit immer mehr Ältere versorgen müssen. Heute ist schon jeder fünfte Chinese über 60 Jahre alt.

Die Zeitung »Global Times«, die vom kommunistischen Parteiorgan »Volkszeitung« herausgegeben wird, sprach von einer »Warnschwelle«, die mit nur noch zehn Millionen gemeldeten Neugeborenen unterschritten worden sei.

bmo/asc/dpa