Zwergstaat Bhutan im Himalaja Das glückliche Königreich und seine gierigen Nachbarn

Bhutan ist ein friedliches Land, das in einen gefährlichen Konflikt gezogen wird. Hoch oben im Himalaja stehen sich die beiden Nuklearmächte China und Indien gegenüber.
Von Laura Höflinger, Bangalore
Bhutans berühmtes Taktshang Kloster: Das Leben auf über 2000 Meter Höhe könnte so schön sein

Bhutans berühmtes Taktshang Kloster: Das Leben auf über 2000 Meter Höhe könnte so schön sein

Foto: ADREES LATIF/ REUTERS

Wäre Bhutan kein Staat, sondern ein Mensch, dann wäre es die Art Person, die jeder auf Anhieb mag. Ein Land, das nicht zuallererst nach Wohlstand strebt, sondern nach Glück. Das die Zufriedenheit seiner Bürger über das Wirtschaftswachstum stellt – und den Glauben ans »Bruttonationalglück« sogar in die Verfassung geschrieben hat.

2008 ging hier die absolutistische Monarchie zu Ende, und zwar ohne Blutvergießen. Seitdem ist Bhutan eine Demokratie. Es ist außerdem eins der wenigen Länder, das als klimaneutral gilt; mehr als zwei Drittel seiner Fläche sind bewaldet, auch das ist Gesetz.

Das Leben auf über 2000 Meter könnte so friedlich verlaufen. Wären da nicht Bhutans Nachbarn: China im Norden und Indien im Süden. Zwei grobe Giganten, die sich wenig um die Umwelt scheren und schon gar nicht um Glück. Sondern denen es auf die Mehrung der eigenen Macht und Stärke ankommt.

Ausgerechnet im winzigen Bhutan ringen diese beiden Riesen – zwei Nuklearmächte noch dazu – um eine Frage, die die ganze Region betrifft: Wer wird künftig den Himalaja dominieren? Denn sollte es eines Tages zwischen den beiden Rivalen doch wieder zum Krieg kommen, dann könnte Bhutan und seinen 750.000 Einwohnern noch eine Schlüsselrolle zufallen.

China baut ein Dorf – in Bhutan

Das zeigte sich erst wieder im Oktober. Da weihte China ein neues Dorf in den Bergen ein. Satellitenbilder der US-Firma Maxar Technologies zeigen rund zwei Dutzend Häuser entlang eines Flusses. Außerdem sind laut einem Sprecher der Firma »militärische Vorratsbunker« zu erkennen.

Die Meldung war aus gleich zwei Gründen brisant: Erstens liegt das Pangda Village wahrscheinlich auf bhutanesischem Staatsgebiet – was Chinas Außenministerium bestreitet. Und zweitens ragt es bis auf wenige Kilometer an Doklam heran, eine Hochebene im Westen Bhutans.

Dort befindet sich außer Weideland und Geröll nicht viel, dennoch ist Doklam von entscheidender strategischer Relevanz. Sowohl China als auch Bhutan erheben Anspruch auf das Gebiet, Indien hat stets alles daran gesetzt, dass die Ebene nicht seinem Rivalen zufällt.

Denn von dort oben lassen sich die umliegenden Täler überblicken. Würden chinesische Streitkräfte Doklam kontrollieren, würde es ihnen im Falle eines Konflikts unter anderem erlauben, Indiens »Hühnerhals« zu durchtrennen: So nennen Strategen den schmalen Korridor, der Indien mit seinen nordöstlichen Bundesstaaten verbindet.

Peking hingegen hat der Regierung in Thimphu schon mehrfach einen Tauschhandel angeboten: China würde seine Besitzansprüche im Norden Bhutans aufgeben – im Gegenzug müsste Bhutan Peking unter anderem Doklam überlassen. Bhutan hat das Angebot stets abgelehnt – vermutlich aus Rücksicht auf Indiens Sicherheitsbedenken.

Der Nachbar im Süden ist ein enger Verbündeter. Die indische Armee bildet bhutanesische Truppen aus. Neu-Delhi kauft Bhutan jedes Jahr große Mengen Energie aus Wasserkraft ab, einer der wenigen Exporte des Landes. Aber viele Bhutaner empfinden Indiens Umarmung zunehmend auch als erstickend. Sie fürchten, dass ihr Land – ein durch und durch friedlicher Staat – in einen gefährlichen Konflikt gezogen werden könnte.

2017 war das schon einmal beinahe der Fall. Damals bauten chinesische Arbeiter eine Straße, die nach Doklam hineinragte. Indische Streitkräfte rückten umgehend in die Region vor. Es dauerte 73 Tage, bis der Konflikt beigelegt werden konnte. Es ist bis heute unklar, ob Bhutan damals Indien um Hilfe angerufen hat oder ob Neu-Delhi auf eigene Faust handelte.

China verliert die Geduld

Drei Jahre später glaubt der bhutanesische Journalist Tenzing Lamsang, dass die Chinesen die Geduld mit seinem Land verlören. Im Sommer erklärte China, dass es Anspruch auf große Teile eines Naturschutzgebiets erhebt, das bislang nicht zur Diskussion stand. Die Meldung war für Bhutan ein Schock. »Wir bezahlen nun den Preis für Bhutans Weigerung, in den Gesprächen einzulenken oder gar einem Kompromiss zuzustimmen«, twitterte Lamsang.

Wie viele andere sieht er die jetzigen Vorgänge als Teil eines größeren Dramas, in dem Bhutan nur eine Nebenrolle spielt: Seit Frühjahr stehen sich chinesische und indische Streitkräfte an einer anderen Stelle im Himalaja gegenüber. Bei einem Zusammenstoß starben mindestens 20 indische und eine unbekannte Anzahl chinesischer Soldaten. Die bilateralen Beziehungen sind so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Peking könnte daher entschieden haben, dass es an der Zeit ist, den Druck auf Thimphu zu erhöhen – und Bhutan, dass es besser ist, wegzuschauen, als Indien um Hilfe anzurufen und damit einen Konflikt zu provozieren. So erklärte Bhutans Botschafter in Neu-Delhi kürzlich, dass es »kein chinesisches Dorf in Bhutan gibt«. Das ist nach allem, was bekannt ist, falsch. Aber als Reaktion verständlich. Denn Bhutan ist ein Zwerg, der das Kunststück vollbringen muss, mit zwei Riesen zu tanzen, ohne dabei zerquetscht zu werden.

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