Satellitenbilder aus Xinjiang Wie ein 23-Jähriger die brutale Politik Chinas bewies

Neue Lager, Tausende zerstörte Moscheen: Mit Satellitenbildern hat ein australischer Thinktank belegt, wie China die Uiguren unterdrückt. Hinter der Enthüllung steckt ein junger Wissenschaftler.
Ein Interview von Georg Fahrion, Peking
Nicht mehr viel übrig vom Leben der Uiguren: Satellitenaufnahme aus China

Nicht mehr viel übrig vom Leben der Uiguren: Satellitenaufnahme aus China

Foto: ASPI / Maxar / Google Earth

SPIEGEL: Herr Ruser, China hat in seiner westlichen Region Xinjiang rund eine Million Uiguren und andere Muslime in Lager gesteckt. Peking behauptet, die meisten davon seien mittlerweile freigelassen. Können Sie das bestätigen?

Ruser: In der offiziellen Darstellung der chinesischen Regierung steckt ein wahrer Kern, was wohl der Grund dafür ist, weshalb diese Desinformation ziemlich stark verfangen hat. Insbesondere aus Lagern mit niedrigen Sicherheitsstandards sind in der Tat Menschen entlassen worden, etwa eine nicht unerhebliche Zahl ethnischer Kasachen, die auf Druck Kasachstans freikamen. Aber dies verschleiert die Tatsache, dass die Politik der Internierungen in Xinjiang fortwährt und offenbar auf Dauer angelegt ist.

SPIEGEL: Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung?

Ruser: Wir haben uns in der Nacht aufgenommene Satellitenbilder angesehen . An vielen Orten, wo Xinjiang vor Beginn der Razzien 2017 noch dunkel gewesen war, leuchteten plötzlich Lichter auf. Manche entpuppten sich als Autobahn-Checkpoints, andere als Gasfackeln aus der Rohstoffförderung. Aber ein Teil davon waren Lager.

Auf- und Ausbau eines Lagers in Kucha

Lager in Kucha/Quelle: Australian Strategic Policy Institute

SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass Sie Lager entdeckt haben und nicht irgendwelche anderen Neubauten?

Ruser: Unser Ausgangspunkt war es, Luftbilder zu analysieren, von denen wir sicher wussten, dass sie Lager zeigen - weil Augenzeugen oder Journalisten darüber berichtet hatten oder weil offizielle Dokumente es belegten. So haben wir gelernt, solche Lager zu identifizieren. Was sie von Schulen, Regierungsgebäuden oder Fabriken in Xinjiang unterscheidet, ist das hohe Maß an Sicherheitsvorkehrungen: Zäune, Wachtürme, streng kontrollierte Ein- und Ausgänge. Mit diesem Wissen haben wir unseren Blick über Xinjiang schweifen lassen.

SPIEGEL: Wie viele Lager haben Sie entdeckt?

Ruser: Mehr als 380, wobei anzunehmen ist, dass wir ein paar Dutzend übersehen haben. Mehr als 60 davon wurden auch noch nach dem Juli 2019 ausgebaut und verstärkt. Die Politik der Internierungen hat also mitnichten ein Ende gefunden.

SPIEGEL: Haben Sie noch etwas aus den Satellitenbildern gelernt?

Ruser: Der Charakter des Haftregimes scheint sich zu verändern. Offenbar gibt es eine Verschiebung hin zu stärker gesicherten Einrichtungen. Einige Umerziehungslager mit niedriger Sicherheitsstufe wurden augenscheinlich aufgelöst, nachdem die Insassen ihren "Abschluss" gemacht hatten, wie Chinas Regierung das nennt. Viele von ihnen wurden anschließend zur Zwangsarbeit verschickt oder unter Hausarrest gestellt. Doch für praktisch jede Einrichtung, bei der Zäune und Wachtürme abgebaut wurden, fanden wir eine andere, die hochgerüstet wurde. Die Hochsicherheitslager sind wohl dazu gedacht, Menschen dauerhaft aus der Gesellschaft zu entfernen, wenn sie aus Sicht der Regierung keine zufriedenstellenden Fortschritte gemacht haben.

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind Ihren Schätzungen nach derzeit in Xinjiang interniert?

Ruser: Das lässt sich nicht seriös beantworten. Anzahl und Größe der Lager stehen jedenfalls nicht im Widerspruch zu der weithin kolportierten Zahl von einer Million Menschen. Das bezieht sich allerdings auf die Kapazität, nicht darauf, wie viele zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich dort interniert sind.

SPIEGEL: Auf den Satellitenbildern haben Sie nicht nur nach Lagern, sondern auch nach islamischen Kulturstätten in Xinjiang gesucht. Was ist Ihr Befund?

Ruser: Insgesamt haben wir uns fast tausend islamische Kulturstätten in Xinjiang angesehen, etwa Moscheen oder Schreine. Auf der Grundlage einer ziemlich robusten Methodik schätzen wir, dass etwa 8500 Moscheen in Xinjiang vollständig abgerissen wurden. Weitere 7500 Moscheen wurden beschädigt oder baulich verändert. Damit sind fast zwei Drittel aller Moscheen betroffen, die es offiziellen Angaben zufolge einst in Xinjiang gegeben hat.

Auf- und Ausbau eines Lagers in Konasheher

Lager in Konasheher/Quelle: Australian Strategic Policy Institute

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich diese Zerstörung?

Ruser: Wir haben festgestellt, dass historische Stätten erhalten bleiben, die mit der Kontrolle Xinjiangs durch die Han-Chinesen in Verbindung stehen. Uigurische und andere indigene Stätten in der Region dagegen werden ausgelöscht.

SPIEGEL: Geben Sie uns ein Beispiel.

Ruser: Es gibt eine Stätte in der Wüste, die den Ort einer Schlacht markiert, wo ein islamisches Königreich vor mehr als tausend Jahren ein buddhistisches Königreich besiegte. Dadurch begann die Ausbreitung des Islam in Xinjiang. Es handelte sich um eine Wüstensiedlung mit etwa 50 Gebäuden, einer Moschee und einem sehr wichtigen Schrein. Ende 2017 wurde jedes einzelne Bauwerk dem Erdboden gleichgemacht. Sie mussten dafür Bulldozer über 20 Kilometer Sanddünen hinweg herbeischaffen. So weit ist dieser Ort von jeglichem kultivierten Land entfernt.