Wissenschaftlerin über Uiguren in China "Viele von uns unterstützen unfreiwillig Zwangsarbeit, indem wir Masken tragen"

Der chinesische Staat unterdrückt die muslimische Minderheit der Uiguren - und zwingt sie offenbar, in Fabriken medizinische Schutzkleidung herzustellen. Die Forscherin Elise Anderson erklärt die Hintergründe.
Ein Interview von Georg Fahrion, Peking
Wo wurde diese Maske hergestellt? Eine Antwort zu finden, ist schwierig

Wo wurde diese Maske hergestellt? Eine Antwort zu finden, ist schwierig

Foto: Michael Weber IMAGEPOWER/ imago images/Michael Weber

SPIEGEL: Frau Anderson, seit Beginn der Pandemie trage ich in China immer eine Atemschutzmaske, wenn ich das Haus verlasse. Laut Ihren Recherchen begünstige ich damit womöglich uigurische Zwangsarbeit.

Anderson: Ja, das stimmt. Die Beweise deuten mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass viele von uns Zwangsarbeit unfreiwillig unterstützen, indem wir Masken tragen.

SPIEGEL: Wie hat Ihre Organisation davon erfahren, dass China offenbar Uiguren zur Arbeit in Fabriken zwingt, in denen medizinische Schutzkleidung hergestellt wird?

Anderson: Im März erreichten uns erste Hinweise. Obwohl damals weite Teile Chinas unter Lockdown standen, wurden massenhaft Uiguren umgesiedelt - innerhalb ihrer Heimatregion, aber auch in andere Provinzen. Mitglieder der uigurischen Diaspora, die das Internet nach Beweisen durchsuchen, fanden Videos, die große Gruppen von Uiguren auf Bahnhöfen zeigen. Oft trugen alle die gleiche Uniform mit aufgedruckten Nummern oder hatten identische Koffer dabei. Offenbar wurden sie in Arbeitsprogramme gesteckt.

SPIEGEL: Woher nehmen Sie diese Erkenntnis?

Anderson: Unser Team begann, chinesische Staatsmedien zu durchforsten. Wir fragten uns: Sagt die chinesische Presse etwas über diese Transporte? Das tat sie. Zum Beispiel fanden wir eine Meldung vom 22. Februar, in der es hieß, 174 Arbeiter aus der Stadt Hotan seien in der Provinz Hunan angekommen. Am 23. Februar begaben sich 114 Arbeiter aus dem Kreis Awat in die Provinz Jiangxi. Und so weiter.

SPIEGEL: Was erwartete diese Arbeiter?

Anderson: Aus der chinesischen Berichterstattung geht unmissverständlich hervor, dass sie zur Arbeit in Fabriken geschickt wurden. Unsere NGO hat sich anschließend mit der "New York Times" zusammengetan und Onlinebekanntmachungen von Fabriken und Unternehmen angeschaut. Darin heißt es dann in etwa: "An jenem Tag empfingen wir 100 Arbeiter aus jenem Ort, die im Rahmen jenes Programms zu uns kamen."

SPIEGEL: Sie beziehen sich auf das sogenannte Arbeitskräfte-Transferprogramm. Die chinesische Regierung kommuniziert das offensiv und behauptet, sie versorge Uiguren auf diese Weise mit dringend benötigten Jobs. Woher wissen Sie, dass Uiguren gegen ihren Willen zur Teilnahme an diesem Programm gezwungen werden?

Anderson: Natürlich kennen wir nicht jeden individuellen Fall, aber die in den letzten Jahren nachgewiesenen Masseninternierungen legen dies nahe. Dabei wurden auch gut ausgebildete und fest angestellte Menschen verschleppt. Und völlig unabhängig von Bildungsniveau und Beschäftigungssituation: Wie verbessert sich ein Leben, wenn jemand aus seinem Zuhause weggeholt wird? Der chinesische Staat ist hier sehr unaufrichtig. Das Gerede von Armutsbekämpfung und besseren Lebensstandards ist nur ein unheilvoller Code für etwas ganz anderes, nämlich eine im Kern genozidale Kampagne. 

SPIEGEL: Was genau umfasst das "Arbeitskräfte-Transferprogramm"?

Anderson: Neben der Arbeit beinhaltet es auch politische Studien, was ein höflicherer Ausdruck für Indoktrination ist. Da werden etwa Lieder gesungen, die die Kommunistische Partei preisen. Dazu kommt chinesischer Sprachunterricht. Am Sprachenlernen per se ist ja nichts falsch. Aber dadurch schrumpft der ohnehin schon sehr kleine Raum weiter, den die uigurische Sprache im Alltag noch hat.

SPIEGEL: Den Recherchen Ihres Teams zufolge gab es vor der Pandemie vier Fabriken in Xinjiang, die medizinische Schutzkleidung herstellten. Heute seien es 51, von denen 17 an dem Programm teilnehmen. Wie haben Sie diese Fabriken identifiziert?

Anderson: Um medizinische Schutzausrüstung herstellen zu dürfen, braucht eine Fabrik eine Lizenz. Unser Team hat recherchiert, dass viele Unternehmen in der Region im Februar und März solche Lizenzen beantragt und erhalten haben. Das geschah natürlich auch, um die chinesische Binnennachfrage zu bedienen. Doch manche dieser Fabriken, die stärker in den Welthandel eingebunden sind, haben auch Masken und andere Schutzkleidung produziert, die in die USA und andere Länder exportiert wurden.

SPIEGEL Auch nach Deutschland?

Anderson: Sagen wir es so: Mir ist nicht bekannt, dass die Daten zeigen würden, dass diese Masken auch nach Deutschland gehen.

"Das Ziel muss sein, dass Konsumenten diese Masken gar nicht erst kaufen können."

Elise Anderson

SPIEGEL: Wie können Verbraucher sicherstellen, dass sie keine Masken kaufen, die von Uiguren in Zwangsarbeit hergestellt wurden?

Anderson: Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Wir alle sind in einer schwierigen Lage, weil wir uns, unsere Nachbarn und Freunde mit diesen Masken schützen wollen. Aber die Produktion rund um den Globus ist so undurchsichtig, dass es für den einzelnen Verbraucher sehr, sehr schwer nachzuvollziehen ist, woher die Produkte stammen. Die Verantwortung liegt bei den Einzelhändlern, ihre Lieferketten zu überprüfen.

SPIEGEL: Und bei den Regierungen. Die USA haben kürzlich einige chinesische Unternehmen, die angeblich Zwangsarbeit einsetzen, vom Markt verbannt.

Anderson: Die Maßnahmen sind definitiv nicht perfekt, und ich bezweifle, dass sie alle fraglichen Produkte herausfischen. Aber immerhin. Das Ziel muss sein, dass Konsumenten diese Masken gar nicht erst kaufen können. Sonst machen wir uns mitschuldig an einem System, das die Menschenrechte ungeheuerlich verletzt.