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Demografieproblem Warum sich immer weniger chinesische Ehepaare scheiden lassen

Binnen wenigen Monaten ist Chinas Scheidungsrate drastisch eingebrochen. Das hat vor allem mit einem neuen Gesetz zu tun, das Kurzschluss-Trennungen verhindern soll – und mit einer Änderung auf dem Immobilienmarkt.
aus DER SPIEGEL 21/2021
Hochzeitspaar Peking: Nur 296.000 chinesische Ehepaare trennten sich von Januar bis März 2021

Hochzeitspaar Peking: Nur 296.000 chinesische Ehepaare trennten sich von Januar bis März 2021

Foto: WANG ZHAO / AFP

Nachdem sie über Jahre stetig angestiegen war, ist die Scheidungsrate im bevölkerungsreichsten Land der Welt um mehr als 70 Prozent gesunken: Nur 296.000 chinesische Ehepaare trennten sich von Januar bis März 2021. Im ersten Quartal 2020 waren es noch über eine Million gewesen.

Der Hauptgrund für den drastischen Einbruch ist ein am 1. Januar in Kraft getretenes Gesetz, das trennungswilligen Paaren eine 30-tägige »Bedenkzeit« vorschreibt, bevor sie ihre Scheidung formal einreichen dürfen. Zweck dieser Maßnahme, so die Pekinger »Global Times«, sei es, »impulsive Scheidungen« zu verhindern. »Manche Paare streiten sich am Morgen und lassen sich am Nachmittag scheiden«, zitierte die Zeitung »Legal Daily« einen Experten.

Ein zweiter Grund könnte mit dem überhitzten Immobilienmarkt in Chinas Großstädten zu tun haben. Früher kam es vor, dass sich Paare pro forma scheiden ließen, um die strengen Wohnbauregeln zu umgehen und sich nicht nur eine, allen Ehepaaren zustehende, sondern noch eine zweite Wohnung zu kaufen. Zur Abkühlung des Marktes haben viele Städte dieses Schlupfloch geschlossen, womit ein Motiv zur Scheidung wegfällt.

Außerdem, so die »Global Times«, habe die schnelle wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie »zu verbesserten Lebensbedingungen und Familienbeziehungen beigetragen«. Auch das sei ein Faktor, der nun auf die Scheidungsrate drückt.

Chinas Demografie-Problem

Hinter vielen aktuellen Maßnahmen der chinesischen Regierung steht ein grundsätzliches demografisches Problem: Nicht nur Chinas Scheidungsrate war zuletzt gestiegen, sondern auch die Zahl der Eheschließungen und der Geburten war gesunken. Der kürzlich abgeschlossenen Volkszählung zufolge wuchs Chinas Bevölkerung zwischen 2010 und 2020 um nur mehr 0,53 Prozent pro Jahr.

Chinesische Familie in einem Park in Peking

Chinesische Familie in einem Park in Peking

Foto: How Hwee Young/ picture alliance / dpa

Manche Experten bezweifeln selbst diesen Wert und gehen davon aus, dass die Bevölkerungszahl ihren Höhepunkt bereits überschritten hat. Dass die Gesellschaft immer älter wird, ist unbestritten. Der Anteil der über 65-Jährigen nimmt zu, 2010 betrug er 8,87 Prozent, 2020 bereits 13,5 Prozent. In Zukunft könnten sich erhebliche Probleme für den Arbeitsmarkt ergeben.

Um der Überalterung entgegenzuwirken, denkt Peking laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters nun darüber nach, die Anfang der Achtzigerjahre eingeführte Geburtenkontrolle völlig abzuschaffen. Seit 2016 gilt in Chinas Städten eine offizielle Zweikindpolitik.

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