Versteckte Kameras in afrikanischen Hotelzimmern Russische Söldner sollen CNN-Team ausspioniert haben

Formal versorgt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin russische Behörden und Schulen mit Essen. Doch für Russlands Präsident Putin scheint er noch andere Operationen auszuführen - das bekam auch ein CNN-Team in Afrika zu spüren.
Jewgeni Prigoschin

Jewgeni Prigoschin

Foto: Sergei Ilnitsky / AP

Am 21. Mai 2019 landete ein Team des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN in Bangui, der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik. Sie interessierten sich für russische Söldner in dem Land - und die undurchsichtigen Geschäfte zwischen Moskaus Militärapparat und dem Privatsektor.

Mit einem ähnlichen Ansatz waren bereits ein Jahr zuvor drei russische Journalisten in das Land gereist. Sie überlebten ihre Recherche nicht. Offiziell wurden sie bei einem Überfall durch Banditen erschossen. Womöglich waren sie bereits vor ihrer Ankunft in eine Falle gelockt worden.

Auch das CNN-Team um die internationale Chefkorrespondentin Clarissa Ward wurde bereits erwartet, wie Recherchen des SPIEGEL sowie von Bellingcat und The Insider zeigen: Einen Tag vor ihrer Ankunft verschickte ein hochrangiger Mitarbeiter einer russischen Sicherheitsfirma ein vertrauliches Dokument an eine kleine Gruppe führender russischer Politikberater, Medienstrategen und private Sicherheitsfirmen. Auch der russische Berater des Präsidenten der zentralafrikanischen Republik stand auf dem Verteiler.

Clarissa Ward, internationale Chefkorrespondentin von CNN, soll in der zentralafrikanischen Republik bei Recherchen ausspioniert worden sein

Clarissa Ward, internationale Chefkorrespondentin von CNN, soll in der zentralafrikanischen Republik bei Recherchen ausspioniert worden sein

Foto: Noam Galai / AFP

"24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche überwachen"

Ziel der CNN-Journalisten sei es, "Russen in der Zentralafrikanischen Republik zu diskreditieren", heißt es in dem Dokument. Man müsse die Journalisten "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche überwachen", um über deren Treffen und Bewegungen informiert zu sein.

Gesprächs- und Interviewpartner der CNN-Journalisten sollten gefilmt oder fotografiert, wenn möglich identifiziert und befragt werden. Die Beobachter in russischem Auftrag sollten sich unauffällig kleiden, unter ihnen sollten auch Personen sein, die in unauffälligen Outfits in das Hotel der Journalisten kommen könnten.

Viel spricht dafür, dass die Überwachung auf das Konto von Jewgeni Prigoschin zurückgeht, einen mehrfach verurteilten russischen Unternehmer, der auch als "Putins Koch" bekannt ist. Offiziell versorgt er mit seiner Catering-Firma unter anderem das russische Militär und Hunderte Schulen mit Essen.

Männer, die sich als Journalisten ausgaben

Doch das ist nicht alles. Prigoschin wird auch in Verbindung mit dem Einsatz russischer Söldner, politischen Einflussoperationen Russlands in Afrika und groß angelegten Desinformationskampagnen in sozialen Medien gebracht. In den USA wird er beschuldigt, an den russischen Manipulationsversuchen der Präsidentenwahl 2016 beteiligt gewesen zu sein.

Die CNN-Journalisten sollten schnell merken, dass sie im Visier standen. Bereits am ersten Drehtag stellte ein örtlicher Helfer fest, dass sich dieselben zwei Männer auf Motorrädern in der Nähe ihres Hotels, an einem Aussichtspunkt über der Stadt und auf dem Markt in der Stadt befanden. Von den amerikanischen Journalisten angesprochen, fuhren die beiden schnell davon.

Später kamen Männer zu Ward ins Hotel, die sich als Journalisten ausgaben und um ein Foto mit ihr baten. Beiläufig erkundigten sie sich nach Wards Arbeit und ihren Eindrücken von dem Land. Ein weiterer angeblicher Journalist kam ins Hotel und bot seine Hilfe an. Die Überwachungsmaschine schien zu funktionieren: Valery Zakharov, der russische Militärberater des Präsidenten des Landes, hatte bereits gewusst, dass CNN auf dem Weg zu ihm war, als die Journalisten um Ward ihn in der Nähe seines Hauses trafen.

Nach ein paar Drehtagen beschloss das CNN-Team, seine Arbeit später fortzusetzen. Als die Journalisten einen Monat später wieder in die Zentralafrikanische Republik kamen, wurden sie erneut überwacht. Ein Mann wartete permanent in der Lobby des Hotels und fotografierte Ward und andere CNN-Mitarbeiter. Ward erkannte ihn am Flughafen hinter der Sicherheitskontrolle wieder. Als er bemerkte, dass er erkannt worden war, machte er sich aus dem Staub. Beim Besuch einer Mine wartete ein Geländewagen mit vier weißen Männern auf das Team, nur um kurz darauf schnell wegzufahren.

Jewgeni Prigoschin, der Putin-Freund, der offenbar hinter der Überwachung stand, ist nach Recherchen des SPIEGEL sowie von Bellingcat und The Insider im engsten Austausch mit hochrangigen Vertretern des russischen Sicherheitsapparats. Eine Analyse seiner von russischen Hackern 2015 öffentlich gemachten Telefonverbindungen zwischen 2013 und 2014 zeigt regelmäßige Kontakte zu Führungskräften in der russischen Präsidialverwaltung, dem Verteidigungsministerium und des Föderalen Sicherheitsdienstes, der auch für die Sicherheit von Russlands Präsident Wladimir Putin zuständig ist. In dem Zeitraum telefonierte er 144-mal mit Putins Sprecher Dimitry Peskov und 99-mal mit Putins Stabschef Anton Vayno sowie mehr als 20-mal mit einem damals für die Annexion der Halbinsel Krim zuständigen GRU-Funktionär.

In der Zentralafrikanischen Republik hält eine Firma aus Prigoschins Kosmos Schürfrechte für Gold und Diamanten. Zahlreiche vor Ort aktive politische Berater, Medienberater und Sicherheitskräfte arbeiten ebenfalls für eine Firma aus dem Umfeld Prigoschins: Sewa Security Services.

Leibwachen des zentralafrikanischen Präsidenten Touadera: Mitarbeiter der russischen Sicherheitsfirma Sewa Security

Leibwachen des zentralafrikanischen Präsidenten Touadera: Mitarbeiter der russischen Sicherheitsfirma Sewa Security

Foto: Florent Vergnes/ AFP

In diesem Umfeld spielt auch ein Mann eine Rolle, der bislang ein Mysterium war. Bislang nur bekannt als "Colonel", "Konstantin" oder in der Zentralafrikanischen Republik als "Mazay" tauchte er öffentlich als russischer Berater vor der Präsidentschaftswahl 2018 in Madagaskar auf. In der Zentralafrikanischen Republik, so berichten es Insider aus dem Prigoschin-Netzwerk vor Ort – kommt ihm eine Mittlerrolle zwischen den örtlich angestellten Söldnern und Prigoschin-Leuten und dem russischen Sicherheitsapparat zu.

Dem Team aus SPIEGEL, Bellingcat und The Insider ist es gelungen, ihn zu identifizieren: Es handelt sich demnach um Konstantin Pikalov, den Geschäftsführer eines St. Petersburger Unternehmens namens Convoy, ein Militärdienstleister.

Bei einem Abendessen von CNN-Journalisten mit dem russischen Militärberater des Präsidenten in der Zentralafrikanischen Republik war 2019 auch ein Mann zugegen, den Teilnehmer inzwischen als Pikalov identifiziert haben. Der Militärberater ließ seine US-amerikanischen Gäste wissen, sie müsste "keine Angst haben". Doch mit am Tisch saß Pikalov - er selbst hatte jenes Memo verschickt, in dem die Observation gegen CNN angeordnet worden war. Seine Firma Convoy sollte demnach verantwortlich für die operative Überwachung sein.

Verstecke Kameras im Hotelzimmer der CNN-Journalistin

Als das CNN-Team zurück in die USA flog und seinen Bericht über russische Söldner vorbereitete, kam ihm Prigoschins Desinformationsarm in die Quere. Noch bevor der CNN-Beitrag gesendet wurde, brachte die russische "Nachrichtenagentur" RIA FAN eine vorgebliche Enthüllung über die angeblichen Methoden von CNN in Afrika.

Dem Team um Ward wurden Kontakte zu Terrorgruppen und englischen sowie amerikanischen Spezialeinheiten angedichtet. In dem Beitrag wurde der Vorwurf erhoben, CNN habe Protagonisten gekauft, damit diese sagten, was sie hören wollten. Es habe sogar ein Casting im Hotel gegeben.

Jene vorgeblichen Journalisten, die um ein Foto mit Ward gebeten hatten, fungierten nun als Belastungszeugen: Das Foto wurde als Beleg für ein Casting verwertet. Vor allem aber verwendete die Agentur ausgiebig Material, das während der Observation der CNN-Leute entstanden sein muss. Dazu gehörten auch Videos, die ganz offensichtlich in Wards Hotelzimmer mit versteckten Kameras aufgenommen worden waren.

Jewgeni Prigoschin (l.) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin

Jewgeni Prigoschin (l.) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin

Foto:

Alexei Druzhinin / AP

Jewgeni Prigoschin dürfte seine Beteiligung an all diesen Vorgängen bestreiten. Als die britische BBC ihn vergangene Woche nach einer Veröffentlichung erster Ergebnisse durch Bellingcat um Stellungnahme bat, bekam sie die Antwort, er lese weder Bellingcat noch The Insider noch den SPIEGEL. Er halte die drei Medien für "Müll-Ressourcen".

Auf eine weitere Anfrage antwortete Prigoschin, DER SPIEGEL stelle ihm immer wieder "die dümmsten und unprofessionellsten Fragen". Mehrfach habe seine Pressestelle dem SPIEGEL gesagt, "sich selbst f**ken zu gehen". Die erhobenen Vorwürfe zog er ins Lächerliche, dementierte sie allerdings nicht.

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