Corona-Ausbrüche in britischen Pflegeheimen »Wie schnell können wir die Impfung in die Arme bringen?«

In britischen Pflegeheimen wütet die neue Coronavariante besonders verheerend. Die Impfung könnte Personal und Bewohnerinnen schützen, doch es geht nur langsam voran – umso schneller grassiert die Mutante.
Die Bewohnerin eines Londoner Pflegeheims bekommt die erste von zwei Impfdosen

Die Bewohnerin eines Londoner Pflegeheims bekommt die erste von zwei Impfdosen

Foto: Matt Dunham / AP

In einem Pflegeheim für Demenzkranke in East Sussex wurde das Weihnachtsfest zur Tragödie. Jeder zweite der 27 Bewohnerinnen und Bewohner starb an den Folgen des Coronavirus. Kurz zuvor hatte ein Routinetest gezeigt, dass das Virus den Weg in die Einrichtung gefunden hatte. Für rettende Maßnahmen und eine Eindämmung innerhalb des Hauses war es da schon zu spät.

Der Fall ist bezeichnend für die verheerende Corona-Situation in Großbritannien: In England starben allein in der ersten Januarwoche mehr als 1200 ältere Heimbewohner an oder mit Covid-19. In den übrigen Landesteilen stiegen die Todeszahlen ebenfalls stark an. Gleichzeitig wurden täglich Zehntausende Neuinfektion registriert.

Dabei impft und testet kein europäisches Land mehr und länger als Großbritannien, nur wenige verhängten so viele lange und strikte Lockdowns. Und dennoch steht in der Pandemie keines von ihnen so schlecht da wie das Vereinigte Königreich. Hierbei bahnt sich das Virus immer wieder den Weg zu den ältesten und schwächsten Briten – trotz umfassender Besuchsverbote, Testpflichten und Hygieneregeln.

Für viele Ältere kommt die Spritze zu spät

Dem britischen Premierminister Boris Johnson zufolge arbeiten alle Beteiligten »Hand in Handschuh« auf Hochtouren zusammen, um die Lage in den Griff zu bekommen: Ärzte und Pflegekräfte, lokale Behörden und das Militär. Letzteres wendet ihm zufolge momentan »Methoden der Gefechtsvorbereitung« an, um das Tempo bei der Impfung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen zu erhöhen. Bereits seit Anfang Dezember werden Menschen in Großbritannien geimpft. Doch für viele Ältere kommt die Spritze trotzdem zu spät.

Care England, Dachverband der Pflegeeinrichtungen, erklärt, Einrichtungen hätten großartige Leistungen bei der Infektionskontrolle vollbracht. Dass es trotzdem nicht sicherer sei, führt der Verband auf die in Großbritannien grassierende Virusmutation  zurück. Sie ist bis zu 70 Prozent ansteckender als das zuvor verbreitete Coronavirus. »Die neue Variante verbreitet sich überall – auch in den Pflegeheimen«, schreibt Martin Green, Geschäftsführer der Organisation dem SPIEGEL. Letztendlich bleibe »es eine gute Frage«, wie das Virus eindringen kann.

Die Verwaltung des extrem betroffenen Pflegeheims in Sussex war über Tage hinweg nicht für eine Auskunft zu erreichen. Gegenüber dem britischen »Guardian« hatte ihr Leiter zuvor erklärt, den Regeln und Protokollen nach sei alles vorschriftsmäßig verlaufen – man könne es sich nicht erklären. Die Angestellten hätten jedoch »zwangsläufig auch ein Leben außerhalb des Heims«, was Risiken der Ansteckung berge. »Es waren schreckliche Weihnachten, fürchterlich für die Angestellten«, gab er demnach an. Das Virus »ist einfach nicht aufzuhalten. Wir sind eine leichte Beute.«

Care England setzt alles auf eine schnelle Impfung. Nach einem »langsamen Start vor Weihnachten« sehe man nun, dass die Aktion an Tempo gewinne, so Green. Dabei rolle auch eine Lawine an Versicherungs-, Finanzierungs- und Abfindungsfragen auf die Heime zu – und das sind nur die Schlachten, die auf Papier und am Telefon geführt werden.

»Wir sorgen uns sehr um die mentale Gesundheit der Angestellten«, so der Geschäftsführer des Dachverbands. Das Übermitteln der vielen Todesnachrichten sei nur eine der steigenden Belastungen. »Die Pflegeeinrichtungen sind gut vorbereitet für die Fürsorge rund um das Lebensende der Bewohner. Aber in der Pandemie haben wir noch nie dagewesene Todeszahlen beobachtet, das fordert seinen Tribut«, schreibt er. »Die konstant schlechten Nachrichten haben der Moral nicht gedient.«

Umso beeindruckender sei, wie Verbleibende in stark betroffenen Einrichtungen das Beste aus der Situation machten, nachdem sie ihre teils jahrelangen Mitbewohner*innen verloren hätten. »Dass so wenige Menschen dort ein und aus gehen hat die Bewohner mancherorts zu einer eingeschworenen Gemeinschaft werden lassen, zu einer Familie.«

15 Millionen geimpfte Briten bis 15. Februar

Premier Johnson sieht aufgrund des aktuellen Impfplans jedenfalls einen »fundamentalen Unterschied« zwischen den aktuellen Corona-Ausbrüchen und bisherigen Hochphasen der Pandemie – auch wenn die Zahlen seine Einschätzung nicht stützen: Bei knapp 50.000 Briten wird derzeit pro Tag eine Infektion nachgewiesen. Immerhin habe man nun einen Ausweg in Sicht, so der Premier in einer Mail an seine Partei. Die Frage sei nur: »Wie schnell können wir die Millionen neuen Impfungen in die Arme der Gefährdetsten bringen?«

Bis Mitte Februar möchte die Regierung alle priorisierten Gruppen geimpft haben, das sind über 70-Jährige, die Bewohner und Mitarbeiter in Altenpflegeheimen, alle, die im Gesundheitssektor an vorderster Front arbeiten und diejenigen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands als besonders gefährdet gelten. Insgesamt sind das 15 Millionen Briten oder 23 Prozent der Bevölkerung.

Der Plan ist ehrgeizig. Bis zum 10. Januar wurden in England 1,2 Millionen Menschen geimpft, dazu einige Hunderttausend in Schottland, Wales und Nordirland. Aktuell berichten offizielle Quellen von 333.000 weiteren Impfungen pro Woche. In Deutschland sind es bei mehr Einwohnern bis dato nur 842.000 Geimpfte, 309.000 davon leben in Pflegeheimen. Allerdings müssen die Briten auch schneller sein. Nicht schneller als ihre ehemaligen europäischen Bündnispartner – aber schneller als die hochansteckende Virusmutation.

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