Zurückgezogener Coronabericht Transparency International wirft WHO »schwerwiegende Mängel« vor

Die Weltgesundheitsorganisation zog einen kritischen Bericht zum Pandemiegeschehen in Italien zurück – und stellte dann den Mitarbeiter kalt, der diesen Schritt öffentlich machte. Jetzt werden Forderungen nach Konsequenzen laut.
WHO-Direktor Tedros: Seine Rolle in der Affäre ist bis heute ungeklärt

WHO-Direktor Tedros: Seine Rolle in der Affäre ist bis heute ungeklärt

Foto: CHRISTOPHER BLACK / AFP
Globale Gesellschaft

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Die Rede ist von fehlendem Schutz, möglichen Vergeltungsmaßnahmen und klarem Fehlverhalten: In einem offenen Brief haben internationale NGOs der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein verheerendes Zeugnis ausgestellt, und sie verlangen Konsequenzen. Zu den Initiatoren gehören unter anderem Transparency International und das Whistleblowing International Network (WIN). Weitere Organisationen und Personen, die sich gegen Korruption und für den Schutz von Informanten einsetzen, haben ebenfalls unterzeichnet.

Hintergrund sind die aktuelle Jahrestagung der WHO sowie die Kontroverse um einen kritischen Pandemiebericht, den die Organisation im vergangenen Jahr nach nur einem Tag wieder verschwinden ließ. Wie der SPIEGEL und andere Medien später enthüllten, hatte sich zuvor der damalige WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra intern eingeschaltet, um den Bericht zu stoppen und Änderungen zu bewirken.

Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft

Transparency International und seine Partner fordern nun, dass der Fall unabhängig überprüft werde. Darüber hinaus verlangen sie eine Reform der Standards zum Schutz von Whistleblowern, die Missstände in der Uno-Organisation enthüllen. Dies sei nicht zuletzt deshalb notwendig, um die Glaubwürdigkeit der WHO in der anhaltenden Coronapandemie zu sichern. »Die Unterdrückung des Berichts zeigt schwerwiegende Mängel« heißt es in dem Brief. Und: »Die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse ist von entscheidender Bedeutung, wenn Regierungen auf der ganzen Welt daraus lernen sollen.«

Die 89-seitige Analyse sorgte für Aufsehen, weil sie dokumentierte, dass Italien seit 2006 eine Aktualisierung seiner Pandemiepläne versäumt hatte. WHO-Vize Guerra war zuvor selbst im italienischen Gesundheitsministerium tätig – und dort unter anderem für die Aktualisierung solcher Pläne zuständig.

Die WHO beharrt allerdings darauf, dass ihr Bericht aus formellen Gründen einkassiert wurde. Eine angekündigte Überarbeitung des Papiers ist bis heute nicht erschienen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bergamo gegen Guerra.

»Ich war brutal mit den Idioten«

Später aufgetauchte Chat-Nachrichten, über die der SPIEGEL ebenfalls berichtete , zeigten, wie selbstbewusst sich der Spitzenfunktionär mit seinem Verhalten brüstete: »Ich war brutal mit den Idioten in Venedig« schrieb Guerra über seine eigenen Kollegen, die den Bericht verfasst hatten. Und: »Ich bin schließlich zu Tedros gegangen und habe das Dokument zurückziehen lassen.«

Tedros ist der Rufname von Tedros Adhanom Ghebreyesus, dem Generaldirektor der WHO. Sollten die Chat-Nachrichten stimmen, hätte sich der WHO-Chef persönlich dafür eingesetzt, eine kritische Publikation verschwinden zu lassen. Die WHO streitet das ab. Bis heute ist nicht geklärt, wie viel der Generaldirektor vom Vorgehen seines damaligen Stellvertreters wusste und ob er womöglich sogar selbst involviert war.

Die Affäre sorgte auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil sie von einem Mitarbeiter der WHO mit ins Rollen gebracht wurde. Der italienische Gesundheitsexperte Francesco Zambon war Hauptautor des Berichts und Empfänger mehrerer Drohnachrichten von Guerra. Er hatte sich bereits vor Bekanntwerden des Falls intern an verschiedene Stellen gewandt und um Schutz und Unterstützung gebeten.

»Wir sind tief besorgt über den Fall«

Nach Ansicht von Transparency International und weiteren NGOs hätte die WHO diese Hilfe gewähren müssen, versagte jedoch. »Wir sind tief besorgt über den Fall«, schreiben die Organisationen jetzt in dem Brief, der am Mittwoch an die Mitglieder der derzeitigen Weltgesundheitskonferenz verschickt wurde und dem SPIEGEL vorliegt. »Erstens, weil es scheint, als sei ein wissenschaftlicher Bericht von großem öffentlichem Interesse unterdrückt worden«, heißt es weiter. »Zweitens aufgrund der angeblichen Vergeltung gegen Dr. Zambon.«

Whistleblower Zambon: »Ich habe nur meinen Job gemacht«

Whistleblower Zambon: »Ich habe nur meinen Job gemacht«

Foto: Domenico Stinellis / AP

Schließlich ziehen die Autoren des offenen Briefs ein bitteres Fazit: Die monatelange Nichtreaktion der WHO könne »nur einen abschreckenden Effekt auf andere Mitarbeiter haben, ebenso auf diejenigen, die für ähnliche internationale Gremien arbeiten. Der Fall ist geeignet, ernsthaftes Misstrauen in die Systeme der WHO und der Uno zu schüren.«

Externe Prüfer: Zahl der Beschwerden mehr als verdoppelt

Die Organisationen verweisen darauf, dass es nicht der einzige Fall war, in dem die WHO zuletzt von eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf mögliche Missstände hingewiesen wurde. Nach Angaben eines externen Prüfberichts, der zur aktuellen Weltgesundheitsversammlung vorgestellt wurde, hat sich die Zahl der internen Beschwerden über Vergeltungsmaßnahmen innerhalb eines Jahres von 7 auf 19 mehr als verdoppelt. Die Prüfer fordern deshalb stärkere Strafen und eine bessere Prävention von Machtmissbrauch. Zudem müssten interne Beschwerden schneller bearbeitet werden.

Transparency International und die weiteren Unterzeichner schließen sich dem an und fordern zudem eine formelle Entschuldigung bei Francesco Zambon, dem Enthüller des vertuschten Berichts.

Der Whistleblower selbst wird von möglichen Reformen nicht mehr profitieren. Er hat die WHO bereits Ende März im Streit verlassen. Dem SPIEGEL sagte er noch kurz zuvor: »Ich habe nur meinen Job gemacht. Es war unsere Aufgabe, die damalige Situation unabhängig zu beschreiben und zu bewerten – und nicht die Wahrheit zu verbergen, um jemandem einen Gefallen zu tun.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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