Pandemieplan Hat Italien die WHO getäuscht?

Corona hat Italien hart getroffen – womöglich auch, weil Krisenpläne seit 2006 nicht erneuert worden waren. Dokumente zeigen nun: Noch im Februar 2020 hatte das Land der WHO übermittelt, bestens vorbereitet zu sein.
Carabinieri in Schutzkleidung transportieren im März 2020 einen Sarg in Ponte San Pietro, nahe Bergamo

Carabinieri in Schutzkleidung transportieren im März 2020 einen Sarg in Ponte San Pietro, nahe Bergamo

Foto: Emanuele Cremaschi / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Italien soll die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über den Stand seiner Pandemiepläne getäuscht haben – diesen Vorwurf erheben Anwälte, die Familien von Corona-Opfern im Rahmen mehrerer Klagen vertreten. Grundlage für die Vorwürfe ist ein Bericht, den das italienische Gesundheitsministerium am 4. Februar 2020, weniger als drei Wochen vor den ersten offiziellen Covid-19-Fällen in Italien, an die WHO übermittelt hatte. Das Dokument liegt dem SPIEGEL vor.

Darin heißt es unter anderem, die italienischen Pandemiepläne würden »regelmäßig getestet und aktualisiert«. Auch die Koordinierung von Notfallmaßnahmen würde turnusgemäß evaluiert und überarbeitet. In beiden Bereichen stufte sich Italien daher selbst auf »Level 5« ein – die Spitzenbewertung.

Wenige Wochen nach Abgabe des Dokuments wurde das Land von der ersten Corona-Welle überrollt. Bilder von überfüllten Intensivstationen und Armeefahrzeugen, die Tote abtransportierten, gingen um die Welt. In manchen Krankenhäusern wurden Patienten auf den Fluren untergebracht, mussten sich Beatmungsgeräte teilen, Ärztinnen und Ärzte schliefen teils auf und unter den Tischen. Es waren Wochen voller Chaos. Seit Beginn der Pandemie sind mehr als 96.000 Italiener gestorben.

Polizisten und Mitarbeiter des Zivilschutzes verladen im April 2020 Särge auf ein Militärfahrzeug in Bergamo

Polizisten und Mitarbeiter des Zivilschutzes verladen im April 2020 Särge auf ein Militärfahrzeug in Bergamo

Foto: Marco Di Lauro / Getty Images

Seither fragen sich Angehörige, Juristen und die Öffentlichkeit: Hätte das verhindert werden können?

Der 34-seitige Bericht an die WHO entstand auf Grundlage der Internationalen Gesundheitsvorschriften, eines Vertrags von 196 Staaten zur Eindämmung von Krankheiten und Epidemien. Die Unterzeichner sind dazu angehalten, der Weltgesundheitsorganisation jährlich eine Analyse über den Stand der nationalen Krisenpläne zu übermitteln. Die Bewertungen beruhen auf standardisierten Fragebögen. Der für Prävention zuständige Generaldirektor im italienischen Gesundheitsministerium übermittelte schließlich per E-Mail das Ergebnis.

Doch die darin gemachten Versprechen haben der Wirklichkeit nicht standgehalten. Schon im vergangenen Mai war zur Empörung vieler Italiener bekannt geworden, dass die Regierung den nationalen Pandemieplan seit 2006 nicht mehr aktualisiert hatte. Dennoch meldete die Regierung der WHO regelmäßige Überprüfungen. Auch deshalb sprechen Anwälte nun von Täuschung. Sie werfen den Behörden darüber hinaus vor, selbst den veralteten Plan nicht angewandt zu haben. Vorgesehene Notfallübungen habe es nie gegeben, Bürgermeister und Ärzte hätten nach Beginn der Pandemie wochenlang vergeblich auf klare Absprachen und Strukturen gewartet.

Starben auch deshalb so viele Menschen im Land? Bis heute sammeln Überlebende und Angehörige Hinweise auf mögliche Fehler. Im Dezember kündigten 500 Familien gemeinsame Klagen  an. Das WHO-Dokument dürfte ihnen Argumente liefern.

Eine Krankenschwester kümmert sich um einen älteren Corona-Patienten in Bergamo

Eine Krankenschwester kümmert sich um einen älteren Corona-Patienten in Bergamo

Foto: Marco Di Lauro / Getty Images

Der frühere Armeegeneral Pier Paolo Lunelli hatte bereits im vergangenen Jahr die Corona-Maßnahmen der Behörden überprüft und scharf kritisiert. Selbst mit dem veralteten Plan wäre vieles besser gelaufen, so sein Fazit. Doch zu Beginn der Pandemie habe es schlicht gar keine Strategie gegeben.

Seit Kurzem arbeitet er in einem neu gegründeten Thinktank, der die Fehler aufarbeiten und Empfehlungen für künftige Pandemien entwickeln soll. »Der Bericht zeigt, dass die Wahrheit unter den Teppich gekehrt wurde«, sagt Lunelli jetzt über das Dokument. »Es gab keine brauchbare Aktualisierung der Pläne. Auch deshalb waren die ersten 20 Tage der Corona-Pandemie ein Albtraum.«

Der Bericht ist Teil von Unterlagen, die Anwälte kürzlich der Staatsanwaltschaft in Bergamo übergaben. »Dieses Dokument ist ein entscheidender Beweis dafür, dass die Regierung die WHO getäuscht hat«, sagt auch Consuelo Locati, eine der Juristinnen, dem SPIEGEL. Gleichzeitig sei das Bekanntwerden des Dokuments eine Chance für Italiens neue Expertenregierung unter Führung des langjährigen EZB-Chefs Mario Draghi.

In Norditalien laufen inzwischen mehrere Ermittlungsverfahren, um mögliche Fehler im Umgang mit Corona aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft von Bergamo befragte dazu unter anderem bereits die damaligen Gesundheits- und Innenminister, aber auch Giuseppe Conte, bis vor wenigen Wochen Italiens Premierminister.

Für das vergangene Jahr liegt bislang kein Bericht aus Italien vor. In einer E-Mail teilte das Gesundheitsministerium unlängst mit, man arbeite noch daran. Die Anwälte der Hinterbliebenen fordern schon jetzt Konsequenzen. »Wir haben den Premierminister gebeten, uns als Vertreter der Hinterbliebenen zu treffen«, sagt Consuelo Locati. Ihr Ziel ist ein Entschädigungsgesetz für alle Familien von Coronavirus-Opfern.

Ob die Notfallkapazitäten des Gesundheitssystems heute anders bewertet werden, will das Gesundheitsministerium auf Nachfrage nicht bekannt geben. Dass der neue Bericht gründlich vorbereitet wird, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Krisenvorbereitung inzwischen gewissenhafter betrieben wird als im Vorjahr. Damals wurde das Dokument noch mit einem Flüchtigkeitsfehler bei der WHO eingereicht: Als Absender hatte das Gesundheitsministerium damals in der entsprechenden PDF-Datei nicht Italien, sondern Indonesien ausgewählt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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