Corona in Großbritannien Britische Regierungsberater sprechen sich für zweiten Lockdown aus

Weil Corona-Infektionen im Land stark zunehmen, fordern britische Forscher einem Bericht zufolge rigorose Maßnahmen. Die Regierung von Boris Johnson will eine Rückkehr zum Lockdown unbedingt verhindern.
Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson: Erneuter Lockdown wäre "verheerend" für die Wirtschaft

Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson: Erneuter Lockdown wäre "verheerend" für die Wirtschaft

Foto: PETER NICHOLLS / REUTERS

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus steigen rasant in Großbritannien - mit fast 3400 Neuinfektionen pro Tag lagen sie Zahlen der Regierung zufolge rund zehn Prozent über dem Wert der Vorwoche. Wegen der Entwicklung könnte dem Land im Herbst ein zweiter Lockdown bevorstehen. Topforscher hätten dies der Regierung empfohlen, berichtete die "Financial Times". Die vorgeschlagenen zweiwöchigen Ausgangs- und Kontaktsperren sollen demnach die Verbreitung eindämmen und während der Schulferien im Oktober stattfinden.

Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock reagierte in einem BBC-Interview am Freitag ausweichend auf den Bericht: Ein neuer landesweiter Lockdown sei das "letzte Mittel der Verteidigung", sagte er. Man setze zunächst auf lokale Beschränkungen. "Wir möchten einen nationalen Lockdown vermeiden, aber wir sind darauf vorbereitet." Der Minister räumte ein, dass nicht nur die Infektionen zunehmen, sondern auch die Zahl der Covid-19-Patienten in den britischen Krankenhäusern - also die schweren Verläufe der Krankheit.

Aktuell sind etwa zehn Millionen Briten von lokalen Beschränkungen zur Eindämmung des Virus betroffen, also rund jeder siebte. Die ortsspezifischen Regeln variieren dabei stark. In Teilen von Greater Manchester, West Yorkshire und Lancashire etwa dürfen die Menschen sich nicht in geschlossenen Räumen mit anderen Menschen treffen, die nicht Mitglieder ihres Haushalts oder ihrer "support bubble" sind, also des stark begrenzten Kreises von engsten regelmäßigen Kontakten. In anderen Kreisen wie Glasgow City dürfen die Bürger keinen Besuch bei sich zu Hause empfangen, in wiederum anderen Kreisen sollen die Bewohner diesen nicht ohne triftigen Grund verlassen und Pubs und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen.

Zudem hatte die britische Regierung am Montag für das gesamte Land die "Rule of six" eingeführt: Treffen von mehr als sechs Menschen sind seitdem verboten. Wenige Ausnahmen existieren für den Arbeits- und Lernkontext. Strafen bei Nichteinhaltung reichen von 100 bis 3200 Pfund (etwa 3500 Euro).

Johnson will Lockdown verhindern

Dass es über diese lokalen Maßnahmen hinaus zu landesweiten Schließungen und Kontaktsperren kommt, möchte auch Premier Boris Johnson unbedingt verhindern. Er hatte bei einer Fragestunde im Parlament über die Auswirkungen eines neuen Lockdowns als "verheerend" für die Wirtschaft gesprochen und geht von "desaströsen" finanziellen Konsequenzen aus. Zudem hatte die Regierung kürzlich der vollständigen Wiedereröffnung der Schulen bis zum Herbst Priorität eingeräumt, diese waren seit März geschlossen.

"Da die Schulen sowieso für eine Woche schließen, würde eine zusätzliche Woche nur geringen Einfluss auf die Bildung haben" erklärte einer der Wissenschaftler des SAGE-Gremiums den Lockdown-Vorschlag. Das "Scientific Advisory Group for Emergencies" (SAGE) berät die Regierung in Krisenlagen wissenschaftlich.

Gleichzeitig steht Premier Johnson in der Kritik, zu spät und falsch auf die erste Ausbruchswelle reagiert zu haben. Innerhalb Europas ist Großbritannien das am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land mit Blick auf die Todesfälle. Diese belaufen sich dort mittlerweile auf fast 42.000.

Mit den steigenden Infektionszahlen sind zudem die Kapazitäten für Corona-Tests in Großbritannien wieder an ihre Grenzen gelangt. Zuvor hatte die Regierung das "weltbeste" Corona-Testsystem in Aussicht gestellt. Am Mittwoch hatte Premier Johnson zugesagt, bis Ende Oktober würden pro Tag 500.000 Tests täglich verfügbar sein. Anfang September lag die Kapazität bei etwa 360.000 Tests pro Tag.

ire/dpa
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