Claus Leggewie

Doktor Faucis Fauxpas Wie politische Paranoia funktioniert

Claus Leggewie
Ein Gastbeitrag von Claus Leggewie
Die Beliebtheit Donald Trumps bei den US-Bürgern steigt trotz seines konfusen Krisenmanagements. Das liegt auch daran, dass er und seine Anhänger die Fachleute verachten, auf deren Rat sie jetzt hören sollten.
Anthony Fauci (r.) bei einer Pressekonferenz von Donald Trump im Weißen Haus, 20. März 2020

Anthony Fauci (r.) bei einer Pressekonferenz von Donald Trump im Weißen Haus, 20. März 2020

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Jabin Botsford/ The Washington Post/ Getty Images

Donald Trump wird beliebter. Die Zustimmungsraten zu seiner Amtsführung und Person, die gleich nach seiner Amtseinführung in den Keller gegangen, im Januar 2018 auf einem historischen Tiefstand angekommen und seither nie positiv waren, nähern sich seit der Coronakrise der 50-Prozent Marke. Wie kann das sein bei einem derart konfusen, amateurhaften und narzisstischen Krisenmanagement? Die menschelnde Erklärung ist, dass sich Amerikaner in Krisenzeiten stets um ihre Präsidenten geschart haben, in der Sehnsucht, beschützt zu werden. Auch die viel geschmähte Merkel und die CDU stehen jetzt besser da.

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Foto: Georg Lukas / dpa

Claus Leggewie, geboren 1950, ist Politikwissenschaftler, Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und internationale Politik« und Autor zahlreicher Bücher zu Politik und Gesellschaft. Zuletzt erschien von ihm »Jetzt! Opposition, Protest, Widerstand« bei Kiepenheuer & Witsch (2019).

Aber da ist mehr. Die Zustimmung nährt sich durch das Feindbild der Fachleute, die Trumps unsachgemäßes und gefährlich verharmlosendes Lavieren kritisieren. Zur Zielscheibe geworden ist ausgerechnet jener Topexperte, den sich Trump in seinen Krisenstab und vor die Kameras bei Pressekonferenzen geholt hat: Dr. Anthony S. Fauci, den Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, ein Pendant zu unserem Robert Koch-Institut. Gegen ihn haben Trump-Anhänger eine gewaltige Denunziationskampagne gestartet. Nachdem sie schon zu bemerken meinten, dass er nicht immer auf der Linie des Präsidenten lag, brachten sie vor allem eine Szene am 20. März auf, als Trump das US-Außenministerium als Teil des "tiefen Staates" denunzierte und sich Dr. Fauci - hast du es nicht auch gesehen - die Stirn rieb. Wir wissen nicht, was dahinter vorging, die Twitterer aber auch nicht, als sie darin eben jene Geste von Fremdschämen erblickten, die so gut wie alle Ansagen Trumps seit 2017 verdient hätten.

Paranoiker lesen kleinste, insignifikante Zeichen - hier ein "palmface" - und blasen ihre Beobachtungen auf zu einer missionarisch betriebenen Welterklärung. Der hashtag #FauciFraud verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den (dafür wie geschaffenen) asozialen Medien und wurde noch angefacht durch prominente Sprecher der extremen Rechten wie Tom Fitton, Präsident von Judicial Watch, einer üblen Denunziationsmaschine in Washington, D.C., und Bill Mitchell, dem Host der Onlinetalkshow "YourVoice America", der selbst ernannten Stimme einer angeblich zum Schweigen verurteilten Mehrheit. Als "Beweismittel" kam auch wieder eine Mail Faucis an Trumps Opponentin Hillary Clinton ins Spiel. Im Oberstübchen eines Verschwörungstheoretikers fügt sich jedes Detail zum Beleg für ein Komplott. Und der Mob kann jeden Fachmann wegfegen, auch wenn er wie Fauci seit der HIV-Epidemie der führende Immunologe ist, nicht obwohl, sondern weil er weltweit Anerkennung genießt und zur Elite gehört.

Was bedeutet es, wenn in einer dramatischen Krisensituation, in der das Land (und damit auch die Gesundheit der Denunzianten) mehr denn je vom medizinischen Fachwissen und den operativen Fähigkeiten der Prävention und Bekämpfung einer Pandemie abhängt, der zuständige Fachbeamte so massiv attackiert wird? Es zeigt, dass Paranoia durch keinerlei Faktizität belehrbar ist, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste vorgeht und am Ende mörderisch wirkt. Paranoide wollen die Gefährlichkeit des Virus nicht wahrhaben, führen aber keine pseudowissenschaftliche Evidenz dagegen an, sondern attackieren gleich den Überbringer der Botschaft. Und sie stellen sich schützend vor ihren angeblich angegriffenen Präsidenten, der - right or wrong - immer im Recht ist. Hier wird "freie Meinungsäußerung" zum Hassverbrechen, nicht nur in den USA.

Die Rechte, mit diesem Präsidenten an der Spitze, hat schon alle Institutionen destabilisiert, die Wahrheit und Wirklichkeit verbürgen: Parlamente, Gerichte, Wissenschaften, freie Medien. Wenn Trump Fauci nun nicht feuert, sondern dessen düstere Prognose wiederholt, Zigtausende Amerikaner müssten wohl sterben, kommt er nicht etwa zu Vernunft. Seine Reaktionen werden nur noch hektischer und unbedachter. Jeder Präsident (darunter der in der Versenkung verschwundene Joe Biden) hätte große Not mit dem Management dieser Krise. Bei Trump muss man wohl das Allerschlimmste befürchten.

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