Freiwillige Corona-Helfer in Großbritannien In Hunderttausenden guten Händen

Wie kein anderes Land in Europa leidet Großbritannien unter der Corona-Pandemie. Gleichzeitig motiviert die Krise auch Zehntausende zu helfen. Die Armee der Freiwilligen sorgt nun international für Aufsehen.
Eine freiwillige Helferin übergibt einem Nachbarn ihrer Gemeinde an der Haustür eine warme Mahlzeit

Eine freiwillige Helferin übergibt einem Nachbarn ihrer Gemeinde an der Haustür eine warme Mahlzeit

Foto: Stephen McCarthy / Sportsfile via Getty Images
Globale Gesellschaft

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An seinem ersten Tag als Helfer brach Carl Freeman erst einmal die Regeln. Einkäufe nur auf Vorkasse – so empfiehlt es die Freiwilligen-App Good SAM an mehreren Stellen. Freeman hielt sich nicht dran, sondern kaufte Schinken, Mikrowellengerichte und Blumen auf eigene Rechnung.

»Ich bin ein Vertrauenstyp«, versucht er heute zu erklären, warum er die Regeln ignorierte – vielleicht aber auch, warum er mitten in einer Pandemie überhaupt für vollkommen Fremde einkaufen ging. Der 59-Jährige aus Worcester steht kurz vor dem Ruhestand, er und seine Frau haben zwei Töchter und einen Enkel. »Ich kenne Studien, wonach es sich positiv auf die Stimmung auswirkt«, rechtfertigt der drahtige Brite seinen Einsatz freundlich.

Doch nur um gute Stimmung geht es schon lange nicht mehr, ohne Helfer wie Freeman wäre der britische Gesundheitsdienst NHS vermutlich längst kollabiert. Großbritannien ist inzwischen das Land mit den meisten Corona-Toten in Europa. Bislang starben nach offiziellen Angaben mehr als 100.000 Menschen, die tatsächliche Zahl dürfte aufgrund der Überlastung des Gesundheitssystems noch höher liegen. Hausärzte arbeiten laut Medienberichten in 16-Stunden-Schichten, Sprechstundenhilfen wurden aus dem Mutterschutz oder aus dem Ruhestand zurückgeholt. Die Lage ist dramatisch. Zudem spukt seit einigen Wochen noch eine Mutation des Sars-CoV-2-Virus über die Insel, die noch einmal ansteckender und vermutlich auch tödlicher ist.

Hunderttausende Briten wollen helfen

Und doch – oder vielleicht auch gerade deshalb – ist die Hilfsbereitschaft der Briten gigantisch. Sie springen dort ein, wo der Staat versagt. Fast schon trotzig meldeten sich bis zur vergangenen Woche mehr als 50.000 Bürger, um in den Impfzentren auszuhelfen. Im Boulevardblatt »Sun« wurde zuvor tagelang für die »Jabs Army«, das Heer der Impfhelfer, geworben. Inzwischen gibt es patriotische T-Shirts für das Programm, das vorerst keine weiteren Anmeldungen annimmt. Bereits im vergangenen Jahr meldete sich eine sechsstellige Zahl an Bürgern, um zu helfen. Es ist die Stunde der Freiwilligen.

Wer etwas tun will, findet auf der Seite des Royal Voluntary Service zahllose Angebote. Neben Einkaufs- und Impfhelfern werden auch Bürger gesucht, die ältere Menschen regelmäßig anrufen, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen. Und in einer virtuellen Dorfhalle gibt es Sportprogramme und Freizeitangebote vom Lasagne-Kochkurs bis zum Basteln mit Servietten. In kurzen Geschichten erzählen Briten ihren Landsleuten, warum es sich lohnt, dem NHS gerade jetzt unter die Arme zu greifen. Die Rolle der Freiwilligen wird von Politikern fast täglich gelobt, Medien beschwören das Programm als Zeichen der Hoffnung.

Freiwillige packen am Trafalgar Square in London Essenspakete in Einkaufstüten

Freiwillige packen am Trafalgar Square in London Essenspakete in Einkaufstüten

Foto: NurPhoto / NurPhoto via Getty Images

Auch das Königshaus steht demonstrativ hinter den Ehrenamtlichen. Wohl auch aus medizinischen Gründen sind es oft Prinz William und Kate, die Helfer begleiten und kleine Hilfspakete überreichen. Als die Herzogin im Sommer inkognito beim Telefonservice des NHS aushalf, dauerte es nicht lange, bis Medien darüber berichteten. »Nennen Sie mich Catherine«, zitierte die Presse sichtlich begeistert aus einem der Anrufe.

In den aktuellen Krisen des Königreichs, das parallel zur Pandemie fast schon beiläufig die EU verließ, wirkt der ansonsten oft gescholtene Gesundheitsdienst plötzlich wie eine Konstante.

Doch das viel gelobte Freiwilligenprogramm sorgt auch für Kritik. Die Volunteers würden ausgenutzt, warnen manche. Andere kritisieren, das Programm ignoriere bestehende Angebote und verdränge sie. Auch die Kosten für die Entwicklung der App sorgten im vergangenen Jahr für Schlagzeilen.

30 Gespräche mit Unbekannten – pro Tag

Auch Abigail Rose, 45, kennt solche Kritik. Die Managementberaterin aus Oxford hilft seit vergangenem März im »Check In and Chat«-Programm des NHS. Seitdem telefoniert sie mit Fremden, um ihnen zu helfen. Auch sie ärgere sich oft über das britische Gesundheitssystem, sagt sie. Doch in der aktuellen Krise könne sie nicht einfach nur zuschauen. »Ich fühle mich oft schon schlecht, wenn ich das Handy für ein paar Stunden weglege«, sagt sie.

Anfangs seien es zwei oder drei Anrufe gewesen, inzwischen oft 20, manchmal auch 30. Pro Tag. Meist seien es ältere Leute, die zu Hause säßen und einsam seien. Es geht vor allem darum, die Quarantäne erträglicher zu machen. Auch psychisch. »Wir scherzen dann fünf Minuten über das Wetter, und ich frage, ob sie noch Bananenbrot sehen können«, berichtet Rose per Mail. Zur Vorbereitung erhielt sie eine schriftliche Einführung und einige Verhaltenstipps. Der Rest sind Menschenkenntnis und Empathie. »Das Angebot ersetzt vor allem alltägliche Gespräche«, sagt Helen Gilburt vom Kings Fund, einem britischen Thinktank. »Die Helfer haben ein offenes Ohr und verweisen bei Bedarf auf weitere Unterstützung. Bedürftige können sich selbst für das Angebot anmelden oder vom Arzt darauf verwiesen werden.«

Für den Charité-Virologen Christian Drosten ist das Programm ein Vorbild, das auch in Deutschland helfen könnte, um isolierte Gruppen besser zu erreichen. Im SPIEGEL-Interview sagte er kürzlich: »Ich glaube, da kann man noch viel bewirken.«

Inzwischen gibt es Hilfsangebote für die Helfer

Doch nicht in allen Gesprächen geht es um schlechtes Wetter und Kuchen. »Die psychologischen Beratungsstellen sind derzeit überlastet, das merken wir«, erzählt Abigail Rose. »Wenn es um Suizidgedanken geht, verweise ich an den Notruf oder eine psychologische Hotline der Samariter.« Mittlerweile gibt es auch eine eigene Hotline für die Helfer – die ebenfalls von Freiwilligen betrieben wird.

Prinz William und Kate besuchen ältere Anwohner und freiwillige Helfer in Batley, um öffentlich für das Hilfsprogramm zu werben

Prinz William und Kate besuchen ältere Anwohner und freiwillige Helfer in Batley, um öffentlich für das Hilfsprogramm zu werben

Foto: WPA Pool / Getty Images

Kann ein System, das eine so große Zahl von Freiwilligen ausschwärmen lässt, nicht auch missbraucht werden? Und lädt das Programm nicht geradezu dazu ein, alte und schutzbedürftige Menschen auszunutzen? Warnungen vor falschen Hotlines machen immer wieder die Runde, ein privater Twitteraccount sammelt inzwischen vermeintliche Betrüger und stellt sie öffentlich bloß. Ob man es mit tatsächlichem Missbrauch oder einem übereifrigen Onlinepranger zu tun hat, lässt sich von außen schwer sagen.

Der Gesundheitsdienst NHS verweist darauf, von sämtlichen Nutzern Meldedaten und Ausweisdokumente abzufragen. Um Missbrauch möglichst schon im Vorfeld auszuschließen, wird für bestimmte Aufgaben ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt. Klar scheint, dass das Programm wohl noch länger gebraucht wird. Offiziell läuft es noch mindestens bis März, dass es dann einfach endet, ist jedoch unwahrscheinlich.

»Man könnte viel über Probleme in unserem Land reden«, meint Abigail Rose. »Aber ich bin ehrlich gesagt froh, dass es das Programm gibt. Ich höre gern zu. Dass wir in dieser Zeit nicht ganz allein sind, macht es für alle erträglicher.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.