Impferfolg in Lateinamerika Brasilien blickt verwundert auf das deutsche Chaos

Impfquoten bis zu 95 Prozent, es wird geboostert und der Karneval geplant: Brasilien hat sich aus einer der weltweit schlimmsten Coronalagen geimpft. Was hat das Land besser gemacht?
Von Nicola Abé, São Paulo
Junge Menschen stehen in Rio de Janeiro an, um sich impfen zu lassen

Junge Menschen stehen in Rio de Janeiro an, um sich impfen zu lassen

Foto: ANDRE COELHO / EPA-EFE
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Stehen zwei Brasilianer in einer kleinen Bar im Osten von São Paulo und trinken Bier. Im Fernsehen läuft eine Nachrichtensendung. Das Thema: die dramatische Coronalage in Deutschland. Die aktuellen Zahlen werden eingeblendet. Einer der Männer fragt ungläubig: »In Deutschland, echt?«. Der andere antwortet: »Ja, diese Irren lassen sich nicht impfen.«

Die Szene hat der Journalist Niklas Franzen am vergangenen Donnerstag beobachtet und auf Twitter beschrieben. Sie steht für das kollektive Kopfschütteln, das Berichte über die vierte Welle in Deutschland derzeit in Brasilien auslösen, in dem Land, das lange Zeit als Epizentrum der Pandemie und als eine Art Freilichtlabor für neue Virusvarianten galt.

Friedhof in Rio der Janeiro: In Brasilien starben bereits 600.000 Menschen durch das Coronavirus

Friedhof in Rio der Janeiro: In Brasilien starben bereits 600.000 Menschen durch das Coronavirus

Foto: Fabio Teixeira / Anadolu / Getty Images

Mit Verwunderung, aber auch Entsetzen blickt man nun auf das Chaos im reichen, vermeintlich rationaleren Deutschland und fragt sich – wie etwa das Stadtmagazin Metro: Wie konnte das passieren? Umgekehrt könnte man fragen: Wie hat Brasilien sein Corona-Drama in den Griff bekommen? Kann Deutschland davon etwas lernen?

Stolz sind die Paulistas, also die Einwohner der Megacity São Paulo, auf ihre Impfquote. Werbebanner auf den Straßen weisen die Stadt als »Welthauptstadt der Impfung« aus. Auch in dem gleichnamigen Bundesstaat mit rund 46 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sind so gut wie alle Erwachsenen mindestens einfach immunisiert. 95 Prozent haben bereits zwei Impfdosen erhalten.

Drive-through-Impfung im Bundesstaat Bahia: Insgesamt sind in Brasilien 80 Prozent der erwachsenen Einwohner vollständig immunisiert

Drive-through-Impfung im Bundesstaat Bahia: Insgesamt sind in Brasilien 80 Prozent der erwachsenen Einwohner vollständig immunisiert

Foto: WALMIR CIRNE / Agência Estado via AFP

Und in den meisten anderen großen Städten des Landes sieht es ähnlich aus. Insgesamt sind bereits 80 Prozent der erwachsenen Brasilianerinnen und Brasilianer vollständig immunisiert, auch Kinder ab zwölf Jahren bekommen längst die Spritze. In Folge sind die Corona-Infektionszahlen und Todesfälle stark nach unten gegangen. In der Stadt Rio de Janeiro wurde die speziell eingerichtete Covid-Abteilung des städtischen Ronaldo-Gazolla-Krankenhauses Anfang Oktober wieder geschlossen. Sie wird nicht mehr gebraucht. Der nächste Karneval soll wieder stattfinden. Das Land hat sich gerettet – zumindest vorläufig.

Und das, obwohl das Coronavirus monatelang im Land wüten konnte, mehr als 600.000 Brasilianerinnen und Brasilianer ihr Leben verloren und sich in Städten wie Manaus schreckliche Szenen vor überfüllten Krankenhäusern abspielten.

Brasilien galt weltweit zu Recht als das schwarze Schaf der Pandemiebekämpfung. Präsident Jair Bolsonaro verharmloste das Virus von Anfang an. Später wetterte der Rechtspopulist gegen Impfungen, warnte, man könne sich durch die Vakzinen in ein Krokodil verwandeln. Lange Zeit ging er auf die Angebote der Hersteller nicht ein, bestellte fahrlässig keine Impfungen. Senatoren warfen ihm aufgrund seiner Coronapolitik Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Präsident Jair Bolsonaro: Schwere Anschuldigungen bezüglich des Corona-Krisenmanagements seiner Regierung

Präsident Jair Bolsonaro: Schwere Anschuldigungen bezüglich des Corona-Krisenmanagements seiner Regierung

Foto: Andressa Anholete / Getty Images

Die Impfkampagne startete entsprechend spät – war dann jedoch umso erfolgreicher.

Das hat mehrere Gründe: Jeder Bürger ist automatisch krankenversichert und damit auch berechtigt, kostenlos eine ganze Reihe an Impfungen zu bekommen. Und Brasilien verfügt über eine gut ausgebaute medizinische Infrastruktur. Das Land ist auch deshalb in der Lage, innerhalb weniger Tage Millionen von Menschen zu impfen. Komplizierte Verfahren für Terminvergaben gibt es nicht.

Stattdessen wurde etwa im Fall der Coronaimpfung jede Altersgruppe an bestimmten Tagen in öffentliche Gesundheitszentren eingeladen, die Injektion gab es gegen Vorlage des Ausweises mitunter im Drive-through-Verfahren oder auch in Einkaufszentren. An entlegene Orte, etwa zu indigenen Gemeinden im Amazonas, wurden die Vakzinen sogar per Boot und Hubschrauber gebracht.

Protest im Krokodilskostüm: »Es ist den Leuten wirklich egal, was Bolsonaro über Impfungen sagt«

Protest im Krokodilskostüm: »Es ist den Leuten wirklich egal, was Bolsonaro über Impfungen sagt«

Foto: UESLEI MARCELINO / REUTERS

Die Brasilianerinnen und Brasilianer haben sich den Erfolg aber vor allem selbst zuzuschreiben: Wie kaum eine andere Bevölkerung der Welt vertrauen sie auf Impfungen, auch auf die gegen Corona. »Es ist den Leuten wirklich egal, was Bolsonaro über Impfungen sagt. Sogar seine Anhänger haben sich alle impfen lassen«, sagt die Gesundheitsexpertin Ligia Bahia von der Universität von Rio de Janeiro. Impfgegner gebe es in Brasilien kaum; selbst Homöopathen seien inzwischen pro Impfung. »Das Vertrauen in Vakzinen hat in Brasilien eine lange Tradition, die sich trotz der katastrophalen Kommunikation durch den Präsidenten nicht aushebeln lässt«, so Bahia.

Die Gründe dafür sieht sie auch in der Vergangenheit: So würden sich viele Brasilianerinnen und Brasilianer noch an Zeiten erinnern, in denen es nicht genug Impfstoff gab. In den Siebzigerjahren etwa starben viele Kinder an schweren Formen von Tuberkulose oder Masern. Es folgten Impfkampagnen, die viele Leben retteten. Das Vertrauen in das öffentliche Gesundheitssystem wuchs.

Schreckliche Erfahrungen mussten viele Brasilianerinnen und Brasilianer nun auch während der Covidpandemie machen. Ärmere Menschen waren überproportional von dem Virus betroffen, auch deshalb, weil sie weiter Geld verdienen mussten. Familien verloren zum Teil mehrere Angehörige. »Die Menschen haben auf diese Impfung gewartet; sie war ersehnt«, sagt Bahia, »für die Armen ist sie schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu schützen.«

Auch der Hunger nach Sozialkontakten, unbeschwerten Partys und Karneval, glaubt Bahia, habe eine Rolle gespielt. Die Mittelschicht habe im Fernsehen gesehen, wie die Menschen in den USA oder Israel geimpft wurden, und verbanden die Impfung mit Freiheit.

Es ist ein Narrativ, genau entgegengesetzt der Erzählung europäischer Impfgegner, die mit der Vakzine so etwas wie Zwang verbinden. »Wir Gesundheitsexperten wussten, dass es in Deutschland und in einigen Ländern Europas diese Bewegung gibt«, sagt die Infektiologin Raquel Stucci von der Campinas-Universität, »daher hat uns die Situation nicht wirklich überrascht.«

Lange Schlange zum Impfen – für die Armen sind die Vakzinen schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu schützen

Lange Schlange zum Impfen – für die Armen sind die Vakzinen schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu schützen

Foto: Antonio Lacerda / EPA-EFE

Das Beispiel Deutschland zeige allerdings deutlich, dass eine Impfrate unter 85 Prozent nicht ausreichend sei, um das Virus einzudämmen. Die deutsche Politik habe Fehler gemacht, nicht nur, weil sie den Geimpften signalisiert habe, dass sie außer Gefahr seien. Auch bei den Boosterimpfungen sieht Stucci schwere Versäumnisse: »Deutschland hat die Daten ignoriert, die gezeigt haben, dass der Schutz durch die Impfungen nach vier bis sechs Monaten nachlässt«, sagt Stucci. Ein Booster-Shot frühestens nach sechs Monaten, wie derzeit in Deutschland vorgesehen, sei zu spät. »Die geimpfte Bevölkerung wird damit in der Zwischenzeit dem Virus ausgesetzt«, so Stucci.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Um ein ähnliches Szenario zu vermeiden, hat Brasilien die Booster-Kampagne bereits komplett durchgeplant und damit begonnen, medizinisches Personal und über 60-Jährige zum dritten Mal zu immunisieren. Die Auffrischung sollen alle über 18-Jährigen fünf Monate nach der zweiten Dosis erhalten. Während für die Grundimmunisierung noch unter anderem der chinesische Impfstoff von Sinopharm und AstraZeneca verwendet wurden, soll nun ausschließlich mit der Vakzine von Biontech/Pfizer geboostert werden, die bald auch in Brasilien hergestellt werden soll.

Eine Krankenschwester mit gekühlten Impfdosen: Brasilien hat die Booster-Kampagne längst durchgeplant und gestartet

Eine Krankenschwester mit gekühlten Impfdosen: Brasilien hat die Booster-Kampagne längst durchgeplant und gestartet

Foto: Mario Tama / Getty Images

Nicht nur in Brasilien, auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern entspannt sich derzeit die pandemische Lage. Obwohl die meisten Länder erst vergleichsweise spät mit der Massenimmunisierung begonnen haben, liegen viele von ihnen mit Europa und den Vereinigten Staaten heute gleichauf. Viele impften zunächst mit den chinesischen und russischen Impfstoffen, weil die reichen Industrieländer die anderen Impfstoffe aufgekauft hatten.

Doch dann holten sie auf: Argentinien produziert inzwischen ebenfalls selbst einige Vakzinen in Lizenz und impft bereits Kleinkinder ab drei Jahren. Die Zahlen sind so gut, dass die Regierung sogar eine Million Dosen nach Afrika und Asien spenden will. In Uruguay und Chile laufen längst Booster-Kampagnen. Wo die Impfquote gering ist, in Bolivien, Venezuela oder Paraguay, fehlen schlicht die wirtschaftlichen Mittel, um die Vakzinen zu beschaffen.

Dass nun aber ausgerechnet jenes reiche Deutschland, aus dem die auch in Brasilien begehrteste aller Impfungen kommt, noch einmal in eine solch dramatische Lage geraten könnte, können viele Brasilianerinnen und Brasilianer kaum begreifen. Mehr als 60.000 Neuinfektionen täglich – diese Zahlen beunruhigen sogar ihre Gesundheitsexperten. »Die Zirkulation des Virus in der Bevölkerung ist extrem hoch«, so die Infektiologin Stucci, »ich mache mir große Sorgen, dass eine neue, deutsche Supervariante entstehen könnte, die sich dann in der Welt ausbreitet.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.