Corona-Pandemie in Italien Was die Impfpflicht für Pflegekräfte gebracht hat

Bereits im Frühjahr erließ Italien die Impfpflicht für medizinische Berufe. Der Schritt sorgte für wütende Proteste – doch er wirkte. Nun fordern Gewerkschafter und Krankenschwestern noch härtere Maßnahmen.
Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte protestieren in Rom gegen die Arbeitsbedingungen auf italienischen Intensivstationen

Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte protestieren in Rom gegen die Arbeitsbedingungen auf italienischen Intensivstationen

Foto: ANDREAS SOLARO / AFP
Globale Gesellschaft

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Rückblickend, sagt Francesca Cavini, hatte sie in der Corona-Pandemie wohl Glück und Pech zugleich. Glück, weil bislang kein einziger Bewohner ihres Altenheims im kleinen Örtchen Dozza in der Emilia-Romagna durch Covid-19 ums Leben kam. Pech, weil sie dennoch zwei Kolleginnen verlor. Nicht an das Virus, sondern an die Impfung. Sie mussten gehen, weil sie sich nicht impfen lassen wollten.

In Italien gilt bereits seit Mai 2021 das, was in Deutschland noch diskutiert wird: eine allgemeine Impfpflicht für Gesundheitsberufe. Wer ihr nicht folgt und nirgendwo anders eingesetzt werden kann, wird seitdem freigestellt. Unbezahlt. Arbeitgeber, die die Vorschriften nicht einhalten, müssen mit Strafen rechnen.

Krankenschwester mit Schutzanzug im San-Filippi-Neri-Krankenhaus in Rom 2020: Kaum ein europäisches Land wurde von der Pandemie so überrollt wie Italien

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Foto: MASSIMO PERCOSSI / EPA-EFE

Dieser drastische Schritt war eine Lehre aus dem Corona-Trauma, dass das Land seit Beginn der Pandemie erlebt hat. Italien wurde früher als andere getroffen. Die Bilder von Särgen, die in LKW-Kolonnen abtransportiert wurden, gingen um die Welt. Experten sagen, dass Italien damals schlecht vorbereitet war. Bereits im März dieses Jahres zählte das Land 100.000 Tote. Die Impfpflicht im Gesundheitsbereich sollte verhindern, dass es so weitergeht.

Doch für viele Betroffene glich sie zunächst einem Misstrauensvotum. »Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren am Limit. Und die Impfpflicht hat uns noch mehr Kollegen weggenommen«, klagt Altenpflegerin Cavini.

Jede Woche neue Kündigungen

Auch Gewerkschaftsvertreter fürchteten, die Impfpflicht würde den Pflegenotstand verschärfen. »Wir erhalten derzeit jede Woche Nachrichten von Kolleginnen, die aufhören und die Krankenhäuser verlassen«, warnte Giancarlo Go, Sekretär der Pflege-Gewerkschaft FPCGIL, noch im Juli.

Tausende Menschen demonstrieren in Turin gegen die Ausweitung der Green-Pass-Regelung: Seit Oktober gelten auch am Arbeitsplatz verschärfte Regeln

Tausende Menschen demonstrieren in Turin gegen die Ausweitung der Green-Pass-Regelung: Seit Oktober gelten auch am Arbeitsplatz verschärfte Regeln

Foto: TINO ROMANO / EPA

Die Corona-Maßnahmen der italienischen Regierung führten bereits damals zu Protest. Seitdem ist die Wut noch gestiegen, ebenso wie der Druck auf Ungeimpfte. Insbesondere, seitdem im Oktober auch die sogenannten Green-Pass-Regeln ausgeweitet wurden: Wer ins Büro will, muss jetzt nachweisen, dass er oder sie entweder geimpft oder aktuell getestet wurde – und das täglich. Tests sind nur für Menschen kostenlos, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können.

Trotz des Zorns bewertet Gewerkschafter Go die Lage heute sehr eindeutig: »Wir unterstützen die Impfpflicht. Sie hat unsere Pflegekräfte nachweislich geschützt und Schlimmeres verhindert.«

Längst gibt es auch in anderen Ländern wie Frankreich und den USA eine Impfpflicht im Gesundheitsbereich. Wer weiter in seinem Beruf arbeiten möchte, muss auch dort nachweisen, dass er geschützt ist. Andere Länder wie Spanien, Dänemark oder Deutschland setzen dagegen weiter auf Einsicht. Die Frage ist, wie lange noch. Welche Erfahrungen haben Staaten mittelfristig mit einer Impfpflicht gemacht?

»Von denjenigen, die wegen der Impfpflicht den Beruf aufgaben, standen die meisten kurz vor dem Ruhestand«

Giancarlo Go, Sekretär der Pflegegewerkschaft FPCGIL

In Italien sei sie letztlich gut angenommen worden, sagen Beobachter. »Heute sind 98 Prozent der Mitarbeitenden im Gesundheitssystem geimpft. Inzwischen warten die meisten auf ihren Booster-Termin«, sagt Gewerkschafter Go. Nur sehr wenige Mitglieder hätten die Pflege-Gewerkschaft verlassen, weil diese die Impfpflicht nicht juristisch anfechten wollte. Allerdings: »Von denjenigen, die wegen der Impfpflicht den Beruf aufgegeben haben, standen die meisten kurz vor dem Ruhestand. Es war nicht so dramatisch wie befürchtet.«

»Auch ich hatte Angst, dass die Impfung mir durch Spätfolgen schaden könnte«, sagt Angela I., eine Intensiv-Krankenschwester aus Bologna. Eine Befürchtung, die medizinisch unbegründet ist und doch offenbar viele umtrieb. Inzwischen ist auch Angela I. geimpft. »Meine Kolleginnen und ich sahen es als unsere Pflicht gegenüber den Patientinnen und Patienten, dass wir uns schützen.«

Fünfmal weniger Infektionen als im Vorjahr

Tatsächlich zeigen offizielle Daten, dass die Zahl der Corona-Infizierten im italienischen Gesundheitssystem seit Februar deutlich zurückging. Zuletzt lag sie, leicht steigend, bei durchschnittlich 134 pro Tag – weniger als ein Fünftel des Vorjahreswertes. Aus Sicht von Giancarlo Go ein Hinweis, dass sich die Impfpflicht bewährt hat.

Auch Altenpflegerin Francesca Cavini sieht acht Monate nach Einführung mehr Vorteile als negative Auswirkungen durch die Impfpflicht. »Wir arbeiten zwar unverändert am Limit, haben Doppelschichten und Urlaubssperren. Doch zumindest wissen wir jetzt, dass wir untereinander geschützt sind«, sagt sie. »Es war deshalb die richtige Entscheidung.«

Inzwischen wird in Italien diskutiert, die Impfpflicht auch auf Polizistinnen und Polizisten sowie Lehrkräfte auszuweiten. Giancarlo Go glaubt jedoch, dass das kaum ausreichen wird. »Der Widerstand gegen die Impfungen hat dafür gesorgt, dass sich das Virus noch schneller ausgebreitet hat.« Mittlerweile seien die Krankenhäuser deshalb erneut kurz vor der Überlastung.

Gemeinsam mit den beiden anderen Gewerkschaften im Gesundheitsbereich fordere die FPCGIL deshalb jetzt noch radikalere Maßnahmen, so Go: »Aus unserer Sicht sollte die Impfpflicht auf die gesamte Bevölkerung ausgeweitet werden.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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