Indigene in Brasilien »Sie glauben, dass die Impfung sie töten soll«

Indigene im Amazonasgebiet gelten als Corona-Risikogruppe, doch viele haben Angst vor der Impfung. Krankenschwester Costa Nascimento erklärt, warum die Immunisierung schleppend vorankommt – und wie Prediger Panik schüren.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Eine Krankenschwester impft eine indigene Frau im Bundesstaat Maranhão gegen Corona

Eine Krankenschwester impft eine indigene Frau im Bundesstaat Maranhão gegen Corona

Foto: Ian Cheibub
Globale Gesellschaft

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Krankenschwestern fahren mit Booten den Amazonas hinunter, schlagen sich durch den Regenwald und balancieren über Baumstämme, die als Brücken dienen. Sie arbeiten für SESAI, die Gesundheitsversorgung für Indigene in Brasilien, und sind im Einsatz, um die Coronaimpfung in die abgelegensten Dörfer des Landes zu bringen. Mit Erfolg: Insgesamt sind mittlerweile rund 78 Prozent aller Indigenen in Brasilien zumindest einmal geimpft. Sie gelten als besonders gefährdet und sind in Brasilien der Prioritätsgruppe eins zugeordnet – gemäß der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation.

Doch nicht überall läuft die Kampagne: Die Krankenschwester Fernanda Maria Costa Nascimento ist im nordbrasilianischen Amazonasstaat Maranhão für Indigene der Gavião- und Guajajára-Gemeinden zuständig. Seit Januar fährt sie immer wieder in die Dörfer und führt stundenlang Gespräche. Dennoch sind bisher nur rund die Hälfte der Indigenen mit einer Dosis geimpft.

Fernanda Maria Costa Nascimento
Foto: privat / Der SPIEGEL

Fernanda Maria Costa Nascimento, geboren 1989, arbeitet als Krankenschwester für SESAI, die Gesundheitsversorgung für Indigene in Brasilien. Sie ist für die Indigenen der Gavião- und Guajajára-Gemeinden im Amazonasstaat Maranhão zuständig. Costa Nascimento wuchs in einer Gegend mit vielen Indigenen auf und interessierte sich bereits im Studium für deren medizinische Versorgung. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über den Zugang indigener Frauen zur Pränataldiagnostik.

SPIEGEL: Frau Costa Nascimento, warum sind nicht längst alle Indigenen in Ihrem Gebiet gegen das Coronavirus geimpft?

Costa Nascimento: Wir haben seit Monaten ausreichend Impfdosen, um alle zu impfen. Doch rund die Hälfte hier lehnt die Vakzinen bisher ab. Die Menschen haben kein Vertrauen in die Impfung. Besonders merkwürdig erscheint ihnen die Tatsache, dass sie plötzlich mit höchster Priorität in Gruppe eins geimpft werden sollen. Sie wissen, dass ihre Anliegen und ihr Schutz bei der Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro sonst wenig Priorität haben, im Gegenteil. Sie haben gesehen, dass der Präsident sie nicht schätzt. Daher glauben sie, dass die Impfung sie töten soll.

SPIEGEL: Rund 20 Prozent aller Brasilianer sind inzwischen geimpft. Es müsste mittlerweile doch allen klar sein, dass die Impfung nicht zum Tode führt.

Costa Nascimento: So einfach ist es leider nicht. Viele Indigene sahen sich nach der ersten Dosis sogar bestätigt: Sie fühlten sich schwach und hatten Schmerzen. Nun lehnen sie die zweite Dosis erst recht ab.

Die Krankenschwestern von SESAI, der Gesundheitsversorgung für Indigene, versuchen, selbst die abgelegensten Dörfer im Amazonas zu erreichen

Die Krankenschwestern von SESAI, der Gesundheitsversorgung für Indigene, versuchen, selbst die abgelegensten Dörfer im Amazonas zu erreichen

Foto: Ian Cheibub

SPIEGEL: Welche Verschwörungstheorien und Falschmeldungen über die Coronaimpfung sind im Umlauf?

Costa Nascimento: Ich höre viele Geschichten und Sorgen. Präsident Jair Bolsonaro hat bekanntermaßen selbst zur Impfskepsis beigetragen und unter anderem erklärt, die Impfung könne einen Menschen in ein Krokodil verwandeln. Auch davon ist bei den Leuten etwas hängengeblieben. Das spielte vor allem am Anfang eine Rolle. Sehr verbreitet und dominant ist hier bei den Indigenen aber die Ansicht, es handle sich bei dem Impfstoff um eine Art flüssigen Chip, eine Markierung des Teufels.

SPIEGEL: Woher kommt diese Idee?

Costa Nascimento: Die Geschichte hat ihre Wurzeln im letzten Buch des neuen Testaments, in dem es um die Apokalypse geht. Dort ist von einem Malzeichen des Teufels die Rede, das die Menschen markiert, die von Gott abgefallen sind und in die Hölle kommen. Die Indigenen glauben, dass die Coronaimpfung dieses Malzeichen ist.

Im Dorf Monte Alegre in einer indigenen Schutzzone im Bundesstaat Maranhão ist die Impfskepsis groß

Im Dorf Monte Alegre in einer indigenen Schutzzone im Bundesstaat Maranhão ist die Impfskepsis groß

Foto: Ian Cheibub

SPIEGEL: Wer verbreitet diese Geschichten?

Costa Nascimento: Die Indigenen wollen dazu wenig sagen. Aber es ist ganz klar ein evangelikales Narrativ und wird von den evangelikalen Priestern hier verbreitet. Diese Priester sind sehr einflussreich in den indigenen Gemeinden in Maranhão, das ist schon seit der Kolonialzeit so. Sie wollen die Menschen manipulieren und kontrollieren und haben die Coronaimpfung als ein Mittel entdeckt. Verbreitet werden die Gerüchte und Falschnachrichten über soziale Medien und WhatsApp-Gruppen. Das ist sehr schädlich für die Impfkampagne.

SPIEGEL: Als Krankenschwester ist es ihr Job, die Menschen dennoch von der Impfung zu überzeugen. Wie gelingt Ihnen das?

Costa Nascimento: Ich arbeite seit mehr als zwei Jahren in der Gegend und mit denselben Leuten. Sie respektieren mich. Zuerst habe ich den Anführer der Gemeinde angerufen. Er wollte sich nicht impfen lassen. Ich habe ein langes Gespräch mit ihm geführt, nicht als Vertreterin von SESAI, sondern als Freundin. Ich konnte ihn überreden. Wenn ich in ein Dorf komme, dann versammle ich die Leute in einem Kreis um mich und erkläre ihnen die Pandemie, die Gefahr durch Covid-19 und die Impfung. Aber oft reicht das nicht aus. Dann gehe ich von Haus zu Haus und spreche mit jedem einzeln. Das kann bis zu 30 oder 40 Minuten pro Person dauern und ist nicht immer erfolgreich.

Eine Krankenschwester impft einen indigenen Mann im Bundesstat Maranhão

Eine Krankenschwester impft einen indigenen Mann im Bundesstat Maranhão

Foto: Ian Cheibub

SPIEGEL: Das klingt extrem aufwendig. Mit rund 50 Prozent Teilgeimpften dürften die Indigenen auch in ihrem Gebiet eine gewisse Herdenimmunität erreicht haben. Wieso machen Sie dennoch weiter?

Costa Nascimento: 50 Prozent einfach Geimpfte helfen ein wenig. Aber es bedeutet auch, dass mindestens die Hälfte der Menschen noch immer in Gefahr sind. Die Indigenen leben auf engstem Raum zusammen, oft wohnen mehrere Generationen unter einem Dach. Zudem gibt es weitere Risikofaktoren, die mit ihrem Immunsystem oder auch mit Ernährung zu tun haben. In der Geschichte wurden die Indigenen immer wieder Opfer von durch Weiße eingetragenen Krankheiten, die Zehntausende töteten. Diese Menschen sind besonders vulnerabel und ich werde erst aufhören, wenn ich sie zu 100 Prozent geimpft habe.

SPIEGEL: Ist eine Impfquote von 100 Prozent überhaupt realistisch?

Costa Nascimento: Wieso nicht? Bei der Grippeimpfung erreiche ich jedes Jahr eine Impfquote von so gut wie 100 Prozent. Auch andere Impfungen und unsere Gesundheitsleistungen im Allgemeinen werden gut angenommen. Doch auch das war ein Prozess. Ich denke, es wird noch lange dauern, bis das Vertrauen in die Coronaimpfung nach all der Propaganda wiederhergestellt ist. Das macht mir Sorgen.

Die Anführerin des Dorfes Monte Alegre, Myy'Paw betet auf einem Hügel zu Gott

Die Anführerin des Dorfes Monte Alegre, Myy'Paw betet auf einem Hügel zu Gott

Foto: Ian Cheibub

SPIEGEL: Brasilien ist eines der von der Pandemie am stärksten betroffenen Länder. Inzwischen sind laut offiziellen Zahlen 450.000 Menschen in der Folge einer Covid-Infektion gestorben, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Forscher befürchteten zu Beginn der Pandemie, es könnte unter der indigenen Bevölkerung zu einer furchtbaren Katastrophe kommen – doch die ist weitgehend ausgeblieben.

Costa Nascimento: Zu Beginn der Pandemie gab es hier viele Infizierte. Die Infektionszahlen und Sterbezahlen bei den Indigenen sind insgesamt überdurchschnittlich hoch. Allerdings haben sich die Indigenen von Beginn an sehr intelligent verhalten. Sie haben sich in ihre Dörfer zurückgezogen und isoliert. Sie haben die Städte gemieden und überwacht, dass keine Weißen in ihre Gebiete eindringen. Die Gavião und Guajajára haben den Kontakt mit der Außenwelt gemieden, denn im Gegensatz zur Mehrheitsbevölkerung wussten sie gleich: Diese Krankheit bringt Tod.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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