Weltkarte der Impfstoffverteilung Es wäre genug für alle Menschen da – würden reiche Länder teilen

Weltweit wurde so viel Impfstoff bestellt, dass jeder Mensch zweimal geimpft werden könnte. Doch die Verteilung ist extrem ungleich: Welche Länder Impfstoff horten – und wo viel zu wenig ankommt. Der Überblick in Grafiken.
Globale Gesellschaft

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11,3 Milliarden.

So viele Dosen Corona-Impfstoff sind bis jetzt weltweit bestellt worden.

5,8 Milliarden.

So viele Menschen im Alter über 15 leben auf der Erde. Rein rechnerisch bedeutet das: Jeder Mensch kann etwa zweimal gegen das Virus geimpft werden. Jede und jeder Erwachsene kann im Schnitt 1,95 Shots erhalten. Vorausgesetzt, die bestellten Impfstoffe werden produziert und ausgeliefert.

Eine gute Quote, wenn man noch dazu bedenkt, dass bei manchen Impfstoffen bereits eine Dosis ausreicht. Für Kinder sind noch keine Impfstoffe zugelassen. Deshalb sind sie hier aus der Weltbevölkerung herausgerechnet.

Bei der Grafik ganz oben in diesem Text haben wir uns für ein sogenanntes Weltbevölkerungskartogramm entschieden. Die Größe einzelner Länder bemisst sich auf dieser Weltkarte nach deren Bevölkerungszahl. So lässt sich verdeutlichen, welche Staaten am meisten Impfstoff benötigen.

Den Grafiken im Text liegt die Annahme zugrunde, dass Indien und China 50 Prozent der Produktion im eigenen Land behalten werden und Russland zwei Dosen je Einwohner. Inspiration: »The Economist«

Jedoch basiert die Rechnung auf einer Idee, die zwar oft beschworen, jedoch in der Realität ganz und gar nicht umgesetzt wird: Die Impfstoffe gegen das Coronavirus gerecht zu verteilen. Damit nicht die zahlungskräftigsten Staaten als erste eine Herdenimmunität erreichen und zur Normalität zurückkehren können, sondern damit auch die Bevölkerungen aus Entwicklungs- und Schwellenländern geimpft werden.

Impfstoff fließt dahin, wo das Geld fließt

Welche Länder haben wie viele der elf Milliarden Impfdosen bestellt? Um das zu beantworten, hat der Daten-Dienstleister Airfinity Medienberichte und Recherchen ausgewertet. Das Ergebnis ist nicht lückenlos, zeigt aber verlässlich einen Trend. Legt man die Daten über eine Weltkarte, wird deutlich: Die Idee einer gerechten Impfverteilung ist bisher nichts als schöne Theorie.

  • Hingegen Indonesien, Argentinien, Venezuela oder die Philippinen: Hier werden die bestellten Kontingente eher nicht für alle Menschen ausreichen, jedenfalls nicht für einen zweiten Shot.

  • Die Afrikanische Union, mit mehr als einer Milliarde Menschen aus 55 Staaten, hat 0,5 Dosen pro Kopf bestellt. Wobei einige der Länder aber noch eigenständig Impfstoff bestellten und über »Covax« Dosen erhalten sollen.

  • Besonders prekär ist die Lage in der Ukraine, Pakistan, Bangladesch oder den Kriegsländern Jemen und Syrien. Dort wurde zwischen null und einem halben Shot pro Bürgerin und Bürger geordert.

Ausgerechnet in Ländern mit schlechten Gesundheitssystemen werden noch lange viele Menschen am Coronavirus erkranken, weiter viele sterben.

Uno-Generalsekretär António Guterres sagt am vergangenen Montag vor dem Uno-Menschenrechtsrat, zehn Länder hätten 75 Prozent der weltweit vorhandenen Impfstoffe verwendet. Mehr als 130 Länder hätten jedoch noch nicht eine einzige Dosis erhalten. Das sei, sagte Guterres, ein moralisches Versagen.

»Covax« droht Ziel zu verfehlen

Der Plan für Impfgerechtigkeit ging so: Unter Führung der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Impfallianz Gavi  und der Forschungsallianz Cepi wurde »Covax« gegründet, eine Einheit aus privaten und staatlichen Geldgebern, darunter auch die Bill & Melinda Gates-Stiftung.

Über »Covax« soll der Impfstoff gerecht, also auch an einkommensschwache Länder verteilt werden. Fast alle Staaten weltweit traten der Initiative bei. Bislang wurden über Covax zwei Milliarden Impfdosen bestellt. Die 92 ärmsten Staaten erhalten die Stoffe als Spenden. Bis Ende 2021 sollen alle Dosen ausgeliefert werden. Fraglich, ob dieses Ziel noch zu halten ist.

Denn an Teilen denkt schon lange niemand mehr. Während am Mittwoch Ghana als erstes Land weltweit Impfstoff aus der »Covax«-Initiative erhielt, sind westliche Länder seit Monaten dabei, ihre Bevölkerungen zu impfen. Viele haben sich über Kaufverbünde hinweggesetzt und separat bilaterale Deals mit den Herstellern ausgehandelt. Sie gefährden damit die »Covax«-Initiative.

Der britische »Economist« hat ausgerechnet, 85 Länder mit niedrigem Einkommen könnten womöglich erst 2023 damit beginnen, ihre Bevölkerung zu impfen . Der Impfstoff fließt dahin, wo das meiste Geld fließt.

Pandemie wird erst enden, wenn Impfstoffe global verteilt sind

Die Impfegoismen sind nachvollziehbar, auf der einen Seite. Politiker stehen weltweit unter Druck. In Deutschland wird über ein »Impfdebakel« diskutiert; es wird zu langsam geimpft, während gleichzeitig mehr als eine Million AstraZeneca-Dosen ungenutzt in den Kühlschränken der Republik liegen.

Auf europäischer Ebene steht Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wegen des Impfchaos und der Frage, ob zu wenig Dosen geordert wurden, massiv in der Kritik. Die Leute erwarten entschiedenes Handeln ihrer Regierungen. Sie erwarten, geschützt zu werden.

Impfegoismen sind aber, auf der anderen Seite, nicht nur unsolidarisch. Sie sind auch extrem kurzsichtig. Staaten, die sich vordrängeln, übersehen: Die Pandemie wird erst enden, wenn Impfstoffe global verteilt sind.

Die britische Fachzeitschrift »The Lancet « kam kürzlich zu dem Ergebnis: Staaten trieben mit bilateralen Impfdeals nicht nur die Preise für Impfstoffe in die Höhe. Die eigene Bevölkerung vor die Gesundheit von medizinischem Personal in armen Ländern zu stellen, fiele am Ende auch auf die reichen Länder zurück.

»Eine gerechtere Impfstoffverteilung«, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, »würde dazu beitragen, die Pandemie schneller einzudämmen  und das Risiko von weiteren Mutationen zu verringern, die Impfstoffe weniger wirkungsvoll machen könnten.« Todeszahlen würden weltweit schneller sinken, die Wirtschaften und Produktionsstätten könnten global schneller hochfahren. Endlich würden geschlossene Grenzen öffnen, Lieferketten wieder funktionieren.

Auch der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus forderte zusammen mit weiteren Expertinnen und Politikern im SPIEGEL eine Impfung für alle, denn: »Jede Art von Impfstoffprotektionismus würde schnell auf die reichsten Länder zurückschlagen: Er würde eine andere Gefahr beschleunigen, nämlich die Vervielfachung der Variantenzirkulation, die Versuche, sich zu schützen, zunichtemachen könnte. Über den Akt der Solidarität und den moralischen Imperativ hinaus ist die schnelle Impfung in den Ländern des Südens daher eine Frage der Sicherheit für alle.«

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sebnem Kalemli-Ozcan  von der University of Maryland sagte kürzlich der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, sollten Schwellenländer durch die Pandemie noch länger leiden, könne das die Weltwirtschaft im schlimmsten Fall 9,2 Billionen US-Dollar kosten .

Die G7-Staaten stehen wegen ihrer »First come, first serve«-Politik massiv in der Kritik. Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson hat nun angekündigt, einen kleinen Teil der in seinem Land verfügbaren Impfstoffe an ärmere Länder zu spenden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schlug vor, fünf Prozent von Europas Impfvorräten an afrikanische Länder zu schicken. Angela Merkel unterstütze den Plan. Man habe eine moralische und politische Verantwortung, so Macron. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln aber , dass diese Pläne die Ungleichheit merklich verringern können.

Macron wies zudem auf eine weitere Folge der ungleichen Verteilung von Impfstoff hin: Dieser, sagte er, ebne weltweit den Weg für einen »Krieg des Einflusses«.

Der Geiz westlicher Staaten könnte sich tatsächlich auch auf diplomatischer Ebene rächen. Russland, Indien und China liefern bislang als einzige Staaten Impfstoffe in Entwicklungsländer. Sie haben verstanden, dass Impfstoff-Lieferungen neue Abhängigkeiten schaffen. Dass die Impfdosen auch Einfallstore für mehr Macht und Einfluss in den Empfängerstaaten sein können – und das auf lange Zeit.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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