Urlaub und Corona-Impfung für 3000 Euro »Shot-Trips« – was ist dran an Impfreisen?

Dubai, Israel, Kuba: Reiseanbieter werben mit Wellnessreisen inklusive Covid-Impfung. Die Sorge steigt, dass sich die Wohlhabenden der Welt bald die Immunisierung im Urlaubsparadies erkaufen könnten.
Strand in Eilat, Israel: »Nein, in Richtung Impftourismus nach Israel finden keinerlei Planungen statt«

Strand in Eilat, Israel: »Nein, in Richtung Impftourismus nach Israel finden keinerlei Planungen statt«

Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Auf der Webseite eines deutschen Reiseveranstalters mit der Überschrift »Impfreisen – lassen Sie sich im Urlaub gegen Corona impfen« lacht ein Mann mit sehr weißen Zähnen und einem Stethoskop um den Hals auf einem Bild, darunter steht folgende Erklärung:

»Eine Impfreise ist ein drei- bis vierwöchiger Erholungs- und Gesundheitsurlaub, bei der Reisende die Möglichkeit bekommen, sich im Rahmen von separaten Arztterminen gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Sie können folglich während der Reise zwei Arzttermine vereinbaren, bei denen Corona-Schutzimpfungen verabreicht werden können.«

Am Telefon sagt eine Kundenberaterin, es gebe eine große Nachfrage zu diesen Impfreisen, viele Leute riefen aktuell deswegen an. Als Reiseziel soll es unter anderem nach Israel und in die Vereinigten Arabischen Emirate gehen, wo große Teile der Bevölkerung bereits geimpft seien und die Impfkampagnen gut liefen. Zwischen 2000 und 3000 Euro würde die Reise kosten, dazu kämen die Kosten für die Impfung. Ein Shot am Anfang, einer gegen Ende des Aufenthalts. Soweit der Plan.

Drei Wochen Wellness plus zwei Corona-Shots – gibt es bald Impfreisen?

Weltweit warten Menschen auf ihre Impfungen. Wer zuerst drankommt, entscheidet sich in der Regel danach, wie alt oder krank man ist, welchem Infektionsrisiko man ausgesetzt ist, ob man im Medizinbereich arbeitet oder nicht. Wie viel Geld jemand auf den Tisch legen kann für eine Impfung, ist – bisher – kein Kriterium.

Doch schon länger wird vor einem sogenannten Impftourismus und erkauften Sonderregeln für Superreiche gewarnt. Der Gefahr also, dass sich Leute den Zugang zu Impfdosen erkaufen und so die Warteschlange überholen. Dass nicht die zuerst drankommen, für die eine Corona-Infektion besonders gefährlich wäre, sondern die mit den dicksten Brieftaschen.

Auf SPIEGEL-Nachfrage gibt es von dem Frankfurter Reiseanbieter eine sehr vage Antwort. Man könne noch keine »handfesten Informationen« liefern. Man stehe erst am Anfang der Planungen, »ob Impfreisen unter sinnvollen und seriösen Voraussetzungen möglich« seien. Auf die Frage, ob man als Impfreisende einer einheimischen Person die Impfung wegnehmen würde, schreibt das Unternehmen auf der Homepage: Impfungen für Touristen seien erst dann möglich, wenn die Bevölkerung des Landes weitestgehend geimpft sei. »Es ist uns sehr wichtig, dass niemand einen Nachteil erleidet.«

Eine klare Antwort kommt dafür von der israelischen Botschaft in Berlin. Dort weist man auf Anfrage solche Planungen entschieden zurück. »Nein, in Richtung Impftourismus nach Israel finden keinerlei Planungen statt«, sagte ein Pressesprecher dem SPIEGEL. Es gebe »keine Möglichkeit für Touristen in Israel, sich impfen zu lassen. Es werden keine Impfreisen angeboten.«

Impftourismus weltweit – viele Versprechungen, kein echtes Angebot

Die Idee des deutschen Reiseanbieters ist nur eins von immer mehr entsprechenden Angeboten. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich maximal als gutes Marketing. Denn solange Impfstoffe weltweit nicht für Privatzahler angeboten werden, sind solche Angebote nicht legal.

Unter »gutes Marketing« fällt auch das Beispiel des Knightsbridge Circle, eines Londoner Concierge-Klubs, dessen Mitglieder einen Jahresbeitrag von 25.000 Pfund zahlen. Der Circle erhielt angeblich Tausende neuer Mitgliederanfragen, nachdem sein Gründer Stuart McNeil behauptet hatte, der elitäre Klub könne Mitglieder im Alter von 65 Jahren und älter für »private Impftermine mit dem Pfizer-Impfstoff« in die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen.

Der britische »Guardian« hat McNeils Behauptung überprüft  und als falsch entlarvt. Demnach sagte Pfizer auf Anfrage, man liefere den Impfstoff aktuell nur an staatliche Impfprogramme aus. Es gebe keine »private Impfmöglichkeit«. Die fünf Knightsbridge-Mitglieder, die geimpft wurden, besitzen einen Aufenthaltstitel in den Emiraten – und hätten daher auch ohne Hilfe des illustren Zirkels eine Impfung bekommen. McNeil war für ein SPIEGEL-Interview nicht erreichbar, er nehme sich eine Auszeit.

Auch in Indien hatten einige Reiseunternehmen über sogenannte »Shot Trips«  für zahlungsfähige Inder ins Ausland spekuliert. Nach Großbritannien, Russland oder in die USA, Flug plus Verpflegung und Besuche von Impfzentren vor Ort. Bisher: nichts als haltlose Versprechungen.

Nicht nur private Unternehmen, auch einige Staaten haben die Idee des Impftourismus für sich entdeckt, gerade, um die strauchelnden nationalen Wirtschaften und den Reisesektor anzukurbeln.

  • Kuba testet gerade seinen eigenen nationalen Impfstoff Soberana. Er wird in Phase 3 getestet, soll sehr effizient sein und ab dem Frühjahr tatsächlich auch Touristen gespritzt werden.

  • In Indien hatte es die Idee gegeben, den Impfstoff auch über das private Krankenhaussystem abzugeben. Ende des vergangenen Jahres kündigte das Serum Institute of India, der weltgrößte Impfstoffhersteller, an, den Impfstoff auch an private Kunden auszuliefern. Aber dazu wird es vor dem Sommer nicht kommen.

  • In Dubai startete die Regierung im Oktober eine Initiative, um digitale Nomaden, Unternehmerinnen, Kreative ins Land zu locken. Eine Voraussetzung für das »Virtual Working Programme «: ein Monatsgehalt von mindestens 5000 Dollar. Neben einer zwölfmonatigen Aufenthaltsgenehmigung erhalten Bewerber auch: eine kostenlose Corona-Impfung.

In Dubai, hier ein Wasserpark für Touristen, bekommen Ausländer über das »Virtual Working Programme« ein Jahresvisum, inklusive kostenloser Corona-Impfung

In Dubai, hier ein Wasserpark für Touristen, bekommen Ausländer über das »Virtual Working Programme« ein Jahresvisum, inklusive kostenloser Corona-Impfung

Foto: Staffan Widstrand / Nature Picture Library / imago images

Pläne befeuern Debatte über gerechte Verteilung des Impfstoffs

Diese Impftourismuspläne, ob realistisch oder nicht, befeuern die Debatte über eine gerechte Verteilung des Impfstoffs. Überall auf der Welt ist der Impfstoff knapp, gibt es Lieferschwierigkeiten. Und schon jetzt zeigt sich ein großes Ungleichgewicht zwischen reicheren und ärmeren Staaten: Denn zwar sind weltweit bereits mehr als 100 Millionen Dosen verabreicht worden. Die Impfkampagnen laufen allerdings recht unterschiedlich an. Während einige Länder bereits seit Monaten einen heimischen Impfstoff einsetzen, gibt es anderswo Lieferengpässe. Für viele weitere Länder stehen die Impfstoffe bisher nicht einmal zur Verfügung.

Sollten Superreiche in nächster Zeit tatsächlich die Warteschlange überspringen und sich mit Geld eine bevorzugte Impfung erkaufen, würde die Ungerechtigkeit noch größer. Fachleute warnen, ein Impftourismus führe unweigerlich zur Verschlechterung der Gesundheitsversorgung der einheimischen Bevölkerung, insbesondere der Ärmeren.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält solche Reisen für »sehr problematisch«: Als Reisebüros oder Veranstalter Touristen anzulocken, indem man ihnen die Impfung verspricht, sei ein »unethisches Geschäftsmodell«, sagte er dem WDR . Grundsätzlich sollten überschüssige Impfdosen anderen, bedürftigeren Ländern zur Verfügung gestellt werden, die große Schwierigkeiten hätten, die Menschen zu impfen, so Lauterbach.

Zum Schluss noch einmal ein Blick auf die Webseite des Frankfurter Reiseveranstalters. Dort, auf einem grünen Button ganz unten, kann man schon mal unverbindlich Interesse an der Impfreise anmelden. Und sich »einen der begehrten Plätze sichern«.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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