Impfung von Randgruppen Das Virus macht keinen Unterschied, die Gesellschaft schon

Impfprogramme sollen die Europäer vor Covid-19 schützen – doch wer geimpft wird, hängt auch von der sozialen Herkunft ab. Migranten, Obdachlose und Roma warten oft vergeblich.
Leben im Zelt: Eine somalische Migrantin schaut in Paris aus ihrer improvisierten Unterkunft

Leben im Zelt: Eine somalische Migrantin schaut in Paris aus ihrer improvisierten Unterkunft

Foto: CHRISTOPHE ARCHAMBAULT / AFP
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Es ist ein Wettlauf mit der Zeit und bislang scheint nicht einmal sicher, ob überhaupt alle ins Ziel kommen. Seit Wochen werden Millionen Menschen in Europa geimpft, um die dritte Welle der Corona-Pandemie noch zu stoppen. Doch wer wann eine Impfung erhält, unterscheidet sich von Land zu Land oft erheblich. Während Großbritannien inzwischen fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung mindestens einmal geimpft hat, sind es in EU-Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Spanien bislang weniger als 15 Prozent.

Unterschiede gibt jedoch nicht nur zwischen den Ländern – auch in den europäischen Gesellschaften tun sich Gräben auf. Denn das Covid-19-Virus gefährdet nicht nur ältere Bürgerinnen und Bürger, auch Arme, Obdachlose und Angehörige diskriminierter Gruppen sind ihm oft schutzlos ausgeliefert.

Die EU-Kommission hat im vergangenen Jahr sechs Gruppen benannt, die besonders geschützt werden sollen. Neben medizinischem Personal, Vorerkrankten und Senioren sind darunter auch sozio-ökonomisch benachteiligte Personen, Häftlinge und Migranten in Massenunterkünften. Die Liste sei »ohne besondere Reihenfolge«, wie die Kommission betont. Wer alles genau zu den Benachteiligten gezählt wird, müssen die Mitgliedstaaten selbst bestimmen.

Warten auf Schutz: Migranten und Migrantinnen vor einem Impfzentrum in Belgrad

Warten auf Schutz: Migranten und Migrantinnen vor einem Impfzentrum in Belgrad

Foto: Marko Djurica / REUTERS

Doch in fast allen europäischen Ländern gibt es Hürden, die den besonders Schutzbedürftigen bislang den Zugang zu den Vakzinen erschweren. Manchmal sind es fehlende Sozialversicherungsnummer und Meldeadressen. Ein anderes Mal Sprachbarrieren oder Impf-Einladungen, die sich nur mit Computer oder Smartphone annehmen lassen. In manchen Ländern wiederum wird nur geimpft, wer zuvor einen Hausarzt aufsucht.

Es sind oft scheinbare Kleinigkeiten, die Menschen am Rand der Gesellschaft die Chance auf eine Impfung wieder nehmen – und sie weiterhin dem Risiko einer schweren, potenziell tödlichen Erkrankung aussetzen.

Roma: viele Probleme, wenig Schutz

Zu den wohl gefährdetsten Gruppen in Europa gehören die Roma, die größte ethnische Minderheit des Kontinents. Schon vor der Pandemie litten ihre zehn bis zwölf Millionen Angehörige unter gesellschaftlicher Ausgrenzung, schlechter Gesundheitsversorgung und wirtschaftlicher Not. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage weiter verschärft.

In Rumänien und Bulgarien beklagen Hilfsorganisation eine »Ethnisierung der Pandemie«, Angehörige der Roma würden zu Sündenböcken gemacht, obwohl sie durch prekäre, beengte Wohnverhältnisse und fehlende medizinische Hilfe selbst besonders bedroht sind. »Unsere Leute sterben wie die Fliegen«, warnte erst kürzlich der ungarische Roma-Aktivist Aladar Horvath.

Roma-Siedlung in Bulgarien: Viele klagen in der Pandemie über fehlenden Schutz und zunehmende Diskriminierung

Roma-Siedlung in Bulgarien: Viele klagen in der Pandemie über fehlenden Schutz und zunehmende Diskriminierung

Foto: Hristo Rusev / Getty Images

Als eigene Risikogruppe für die Impfungen berücksichtigt werden die Roma laut des »European Roma Rights Centre« bislang jedoch nur in der Slowakei. Viele NGOs fürchten derzeit eine Kettenreaktion: Der Verlust der meist ohnehin prekären Jobs und fehlende Möglichkeiten für Kinder, am Online-Unterricht teilzunehmen, grenzen viele Familien demnach zusätzlich aus. »Wir verlieren hier gerade Jahre, die Aufbauarbeit des vergangenen Jahrzehnts geht uns verloren«, befürchtet ein Roma-Aktivist. Ohne Einkommen und staatliche Hilfe drohe vielen Betroffenen mitten in der Pandemie Zwangsräumungen oder Obdachlosigkeit – und damit neue Gefahr.

Die Impfungen könnten zumindest die gesundheitlichen Risiken eindämmen, doch ohne amtliche Dokumente, Krankenversicherung und gezielte Ansprache wird es schwierig. Und aufgrund negativer Erfahrungen mit staatlichen Behörden und fehlender Bildung, sagen Hilfsorganisationen, seien viele Roma derzeit auch zögerlich, sich überhaupt impfen zu lassen.

Migranten ohne Papiere: gute Absichten, gezielte Ausgrenzung

Auch für das Impfen von Migranten und Migrantinnen ohne Papiere sind fehlende Informationen und Skepsis gegenüber den Behörden eine Herausforderung. Je nach Land unterscheiden sich die Impfangebote bislang beträchtlich. In neun EU-Ländern, sagt die Hilfsorganisation Picum, würden auch Menschen ohne Papiere ausdrücklich in den Impfstrategien berücksichtigt. »Das ist ein entscheidendes Zeichen«, sagt Alyna Smith, die bei Picum den Austausch verschiedener NGOs im Gesundheitsbereich koordiniert. »Diese Erklärungen sind ein Versprechen, dass der Schutz der Gesundheit vor allem anderen kommt.«

Freiwillige sprechen mit Obdachlosen in Brüssel, um die Zahl der Bedürftigen zu zählen

Freiwillige sprechen mit Obdachlosen in Brüssel, um die Zahl der Bedürftigen zu zählen

Foto: Chloé Thôme / Bruss'Help

Doch das Schutznetz hat große Lücken, bislang sind nur westeuropäische wie Spanien, Portugal, Frankreich, Italien sowie Finnland dabei. In anderen Ländern gibt es deutliche Vorbehalte, das Gesundheitssystem auch für Menschen ohne gültigen Aufenthaltstitel zu öffnen. In Polen ging die rechtskonservative Regierung noch einen Schritt weiter und erklärte, ausdrücklich nur Personen mit gültigem Aufenthaltstitel impfen zu lassen. Ein riskantes Manöver in der Pandemie.

Obdachlose: vage Hilfen, hohe Hürden

Obdachlose sind in der Pandemie ebenfalls besonders gefährdet, zahlreiche Studien zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und Infektionsrisiko. Obwohl es kaum belastbare Zahlen gibt, geht die EU davon aus, dass die Zahl der wohnungslosen Menschen im vergangenen Jahrzehnt in 24 von 28 EU-Staaten zugenommen hat.

Flüchtlingsunterkunft in Belgrad: Eine Bewohnerin wird mit dem Vakzin von AstraZeneca geimpft

Flüchtlingsunterkunft in Belgrad: Eine Bewohnerin wird mit dem Vakzin von AstraZeneca geimpft

Foto: Marko Djurica / REUTERS

Auch hier reagieren die EU-Staaten unterschiedlich: In Dänemark können Obdachlose seit Kurzem in der Impfreihenfolge vorgezogen werden, müssen dafür jedoch erst einen Arzt aufsuchen. In Rumänien wurden nach Protesten Mitte Februar 300 Bedürftige kurzfristig direkt auf der Straße geimpft. In Großbritannien bemüht sich die Regierung ebenfalls, Obdachlose schneller zu impfen. Anfang März empfahl die britische Impfkommission, auf etwaige Hürden wie Hausarztbesuche oder das Vorzeigen einer Versicherungsnummer zu verzichten. Um bestehende Vorbehalte abzubauen, gibt es in Großbritannien inzwischen auch Impfungen in Taxis, Zelten und Gemeindezentren.

In Belgien ist es mittlerweile Konsens, dass es nicht ausreicht, Betroffene nur zur Impfung aufzufordern. Laut einer aktuellen Statistik stieg die Zahl der Obdachlosen in Brüssel allein seit der letzten Zählung 2018 um 27 Prozent. Bislang ist niemand von ihnen gezielt geimpft, vermutlich am 20. April soll es die ersten Termine in Notunterkünften geben. »Es gibt eine hohe Mauer zwischen den Bedürftigsten und dem Rest der Gesellschaft«, sagt Frank Vanbiervliet von der Hilfsorganisation »Bruss'Help«. »Wir können uns keine Ungleichbehandlung erlauben, das Virus macht auch keinen Unterschied.«

Um Bedürftige besser zu erreichen, gibt es inzwischen ein achtköpfiges Team, das in Unterkünften wie dem Hotel »Saint-Nicolas« mehrsprachige Broschüren austeilt, Arzttermine vermittelt und bei der Anmeldung für eine Gesundheitskarte hilft. Auch hier werden die Helfer oft von der Bürokratie ausgebremst. Für die Karte selbst wird kein Aufenthaltsdokument abgefragt. Doch um die Gesundheitskarte zu bekommen, müssen sich Obdachlose und Migranten erst online registrieren. Viele hätten jedoch keinen Zugang zum Internet, klagt Vanbiervliet.

Um die geplanten Impfungen organisieren zu können, bekommt er in Kürze ein zweites Team, das auf den Straßen unterwegs sein soll. Weil die sonst übliche zweite Impfung für viele Personen ohnehin unrealistisch scheint, ist das Ziel, sie wenigstens einmal zu impfen. Vanbiervliet setzt große Hoffnungen in das Programm: »Eine Impfung ist im Zweifel besser als keine Impfung.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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