Kampf gegen die Pandemie in Afrika Wo der Impfstoff knapp ist – und doch weggeschmissen wird

In Afrika kommt viel zu wenig Impfstoff an. Doch die Skepsis der Menschen ist in einigen Ländern so groß, dass nun Tausende Dosen vernichtet werden müssen. Das liegt auch an verheerenden Kommunikationspannen.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wurden die ersten Impfdosen in Malawi in Empfang genommen. Inzwischen müssen Tausende Dosen entsorgt werden.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wurden die ersten Impfdosen in Malawi in Empfang genommen. Inzwischen müssen Tausende Dosen entsorgt werden.

Foto: Thoko Chikondi / AP
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Am 3. März kam die Hoffnung in Kinshasa an. Verpackt in verschnürte Kisten, gerollt aus dem Bauch eines Frachtflugzeugs. Es war eine der ersten Lieferungen von Corona-Impfdosen nach Afrika, begleitet von Fotografen und Pressemitteilungen. »Diese Impfungen werden es uns ermöglichen, Leben zu retten«, wurde der Gesundheitsminister des Kongo zitiert.

Ähnliche Szenen wiederholten sich kurz darauf in zahlreichen weiteren afrikanischen Ländern, die Initiative Covax schien endlich anzulaufen. Sie soll ärmeren Staaten Zugang zu den lang ersehnten Impfstoffen ermöglichen.

Seither sind sieben Wochen vergangen. Erst am Montag hat die Regierung der Demokratischen Republik Kongo die Impfkampagne feierlich eröffnet. Keine einzige Spritze war zuvor verabreicht worden. Schuld daran ist vor allem das wochenlange Hin und Her um den AstraZeneca-Impfstoff in Europa. Denn wie in den meisten afrikanischen Ländern kamen in der Hauptstadt Kinshasa Dosen dieses Herstellers an.

Mit großem Medienrummel wurde die Ankunft der ersten Impfdosen in der Demokratischen Republik Kongo gefeiert

Mit großem Medienrummel wurde die Ankunft der ersten Impfdosen in der Demokratischen Republik Kongo gefeiert

Foto: UNICEF/UN0424984/Desjardins

Die Berichterstattung über seltene Fälle von Blutgerinnseln hat auch in Afrika das Vertrauen in den Impfstoff erschüttert. Der Kongo hat daraufhin die Impfkampagne auf Eis gelegt, aus den hoffnungsfrohen Botschaften Anfang März wurden Wochen des Wartens. Nun soll es endlich losgehen, eine nationale Taskforce hat dem AstraZeneca-Impfstoff inzwischen Unbedenklichkeit bescheinigt. Doch schon droht ein weiteres Problem: Ende Juni laufen die ersten Impfdosen bereits ab.

»Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit«, sagt Freddy Nkosi, der für die Organisation VillageReach die Impfkampagne im Kongo mitbetreut. Denn zum einen muss der Impfstoff nun in die entlegenen Regionen des Landes gebracht werden. Zum anderen wartet eine noch größere Herausforderung: die Impfskeptiker.

»Die Debatte über AstraZeneca hat ihnen in die Hände gespielt«, meint Nkosi. »Es gibt zahlreiche Verschwörungserzählungen und Missverständnisse, vor allem in den sozialen Medien.« Durch Aufklärungskampagnen in den Dörfern will das Land nun sicherstellen, dass die Impfungen vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums auch wirklich gespritzt werden können.

Die Sorge ist nicht unberechtigt. Die Regierung von Malawi hat gerade verkündet, dass circa 16.000 AstraZeneca-Impfdosen entsorgt werden müssen – wegen abgelaufenen Verfallsdatums. Die Lieferung war von der Afrikanischen Union organisiert worden und Ende März in Malawi angekommen, mit lediglich knapp drei Wochen Resthaltbarkeit. Die Dosen kamen aus Südafrika, wo zuvor sämtliche Impfungen mit AstraZeneca eingestellt worden waren.

»Wir haben unser Bestes versucht, aber es war in der kurzen Zeit nicht möglich, die Dosen alle zu verimpfen«, erzählt ein verantwortlicher Beteiligter der Impfkampagne. Die Impfskepsis spiele dabei auch eine Rolle: »Wir haben bislang noch nicht viel Aufklärungsarbeit leisten können. Das ändert sich nun.«

Vor allem die Debatte über AstraZeneca in Europa hat in Afrika tiefe Spuren hinterlassen – viele sind verunsichert und trauen dem Impfstoff nicht mehr

Vor allem die Debatte über AstraZeneca in Europa hat in Afrika tiefe Spuren hinterlassen – viele sind verunsichert und trauen dem Impfstoff nicht mehr

Foto: Thoko Chikondi / AP

Von den insgesamt mehr als 500.000 gelieferten Impfdosen wurde in Malawi bislang nicht einmal die Hälfte gespritzt. Vor einigen Tagen hat das Gesundheitsministerium den Kreis der Berechtigten eilig auf alle volljährigen Einwohner erweitert, Tausende Impfungen konnten trotzdem nicht mehr rechtzeitig genutzt werden.

»Es ist auch eine Frage der richtigen Planung«, meint der kenianische Gesundheitsexperte Githinji Gitahi. Er ist Vorsitzender des nicht kommerziellen Medizindienstleisters Amref und berät unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO. »Viele Länder mussten die Zielgruppen schnell ausdehnen, damit die Impfungen verbraucht werden.«

Gitahi macht neben den Berichten über die Nebenwirkungen vor allem Verschwörungsmythen für die Impfskepsis verantwortlich. So kursieren insbesondere auf WhatsApp zahlreiche Gerüchte über angebliche Unfruchtbarkeit, verursacht durch Corona-Impfungen. »Die Menschen haben kaum verlässliche Informationen, viele vertrauen ihren Regierungen nicht«, so der Gesundheitsexperte.

Und obwohl durch Initiativen wie Covax inzwischen einige Impfdosen in Afrika angekommen sind, fehlen in vielen Ländern Geld und Wille, selbst Aufklärungskampagnen zu finanzieren. Die gefährlichen Fehlinformationen können sich teils ungehemmt verbreiten.

Die Konsequenz: Auch in anderen afrikanischen Ländern drohen Zehntausende Impfdosen abzulaufen. An der Elfenbeinküste wurden bis Ende März von 500.000 gelieferten Ampullen gerade einmal 40.000 verimpft. Geht es in diesem Tempo weiter, muss ein beträchtlicher Teil der Lieferung spätestens im September weggeschmissen werden. »Ich gebe zu, dass ich gestresst bin«, wird der Leiter des nationalen Impfprogramms in Medienberichten zitiert.

Verantwortlich für die Ängste der Bevölkerung seien auch die Äußerungen eines französischen Forschers aus dem vergangenen Jahr, die in Afrika für Entsetzen gesorgt hatten. Der Wissenschaftler hatte in einem Interview vorgeschlagen, Impfstoffe zuerst an der afrikanischen Bevölkerung zu testen. Diese Aussagen führten zu flächendeckender Kritik und Sorge, man wolle die Bewohner des Kontinents als Versuchskaninchen missbrauchen. Der Forscher ruderte umgehend zurück, doch das Narrativ verbreitet sich in vielen Ländern rasant.

Ein Impfzentrum in Malawi: Die Impfkampagne geht nur schleppend voran

Ein Impfzentrum in Malawi: Die Impfkampagne geht nur schleppend voran

Foto: Thoko Chikondi / AP

Mit bitteren Konsequenzen auch im Südsudan. 60.000 Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs müssen dort entsorgt order zurückgeschickt werden, sie sind wie in Malawi abgelaufen. Die Impfungen wurden Ende März von einem großen Telekommunikationsunternehmen gespendet, allerdings standen sie laut Gesundheitsministerium bei Ankunft im Land bereits zwei Wochen vor Ablauf der Haltbarkeit. Wegen der schleppend verlaufenden Impfkampagne konnten sie nicht mehr rechtzeitig gespritzt werden.

Es ist ein paradoxes Phänomen in vielen afrikanischen Ländern: Bislang sind viel zu wenige Impfdosen eingetroffen, um auch nur annähernd die angestrebte Herdenimmunität zu erreichen. In Ländern wie Kenia droht der Impfstoff in wenigen Tagen komplett auszugehen. Die Initiative Covax hat akute Lieferprobleme – unter anderem weil aus dem Herstellerland Indien viel weniger Impfdosen exportiert werden. Indien kämpft selbst mit explodierenden Infektionszahlen , will die eigene Bevölkerung zuerst schützen. Alternativen wie die Biontech/Pfizer-Vakzine sind für weite Teile Afrikas untauglich, weil die nötigen Kühlketten nicht eingehalten werden können.

Diese akute Knappheit an Impfstoffen sei das Hauptproblem, meint Gesundheitsexperte Githinji Gitahi. Gleichzeitig werden jedoch wegen der Impfskepsis in ersten Ländern bereits jetzt Tausende Dosen weggeschmissen. »Wir müssen zwei Dinge tun: Selbst Impfungen in Afrika herstellen und die Bevölkerung viel stärker einbinden. Nur so kommen wir voran«, sagt Gitahi.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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