Erfolgreiche Coronastrategie Warum Chile schneller impft als jedes andere Land

Anderthalb Dosen pro hundert Einwohner täglich: Chile impft derzeit im Schnellverfahren. Die Public-Health-Expertin Soledad Martínez erklärt, wie das geht und welche Fehler europäische Länder gemacht haben.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Spritze im Auto: Drive-in-Impfstation in Santiago de Chile

Spritze im Auto: Drive-in-Impfstation in Santiago de Chile

Foto: Claudio Santana / Getty Images
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Frau Martinez, Chiles Impfprogramm ist im internationalen Vergleich sehr erfolgreich. Bereits ein Viertel der Bevölkerung hat die erste Dosis einer Coronaimpfung erhalten, ein Zehntel ist ganz immunisiert. Kein anderes Land impfte zuletzt so schnell, nämlich 1,5 Dosen pro 100 Einwohner täglich; nicht einmal Israel kam da hinterher. Wie haben Sie das geschafft?

Soledad Martínez: Ich sehe drei entscheidende Faktoren: Erstens haben wir genug Impfstoff. Zweitens haben wir die Infrastruktur, um ihn schnell zu verimpfen, und drittens haben wir kaum Probleme mit Impfskeptikern, weil die Pandemie hier nicht wie in anderen lateinamerikanischen Ländern politisiert wurde. Die Pandemie ist in Chile keine Glaubensfrage – wie etwa in Brasilien. Politik und Gesundheit sind getrennte Sphären.

Foto: María Soledad Martínez Gutiérrez

Soledad Martínez, geboren 1974, ist Public-Health-Expertin und lehrt an der Universität von Chile. Sie hat an der University of California in Berkeley zum Thema Gesundheitspolitik promoviert und die chilenische Regierung bei der Digitalisierung des öffentlichen Gesundheitssystems beraten. Während der Coronapandemie organisierte sie Fortbildungen zum Thema digitale Kontaktverfolgung.

SPIEGEL: Wie kommt es, dass Sie im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern auf dem Kontinent – und auf der Welt – genug Vakzinen haben?

Martínez: Chile hat eine Bevölkerung von knapp 19 Millionen Menschen. Wir haben so viel Impfstoff bestellt wie nötig, um alle Erwachsenen zweimal durchzuimpfen. Außerdem haben wir sehr früh Verträge abgeschlossen, schon bevor es Studien gab, und zwar mit allen potenziellen Herstellern, also mit Biontech/Pfizer, AstraZeneca, Johnson & Johnson. Wir haben Sputnik aus Russland bestellt und Sinovac aus China. Geopolitische Überlegungen spielten keine Rolle.

SPIEGEL: Sie hatten keine Angst, auf den Dosen sitzenzubleiben?

Martínez: Wir profitieren gerade davon, dass unser wirtschaftsnaher Präsident sehr gern shoppen geht (lacht). Nein, ernsthaft, es ist sein Verdienst, dass er so früh bei allen eingekauft hat. Und es besteht wirklich keine Gefahr, auf den Coronavakzinen sitzenzubleiben. Wenn wir eines Tages zu viel haben sollten, können wir sie entweder an andere lateinamerikanische Länder weitergeben, tauschen oder aber weiterverkaufen.

SPIEGEL: In Europa läuft die Impfkampagne schleppend. Die Europäische Union steht in der Kritik, weil zu wenige Dosen bestellt wurden. Was ist aus Ihrer Sicht in Europa falsch gelaufen?

Martínez: Europa zahlt gerade den Preis für eine gewisse westliche Arroganz. Es wurde vor allem bei Biontech und AstraZeneca bestellt. Gegenüber den östlichen Produkten gab es Vorbehalte. Das ist nicht rational. Man sollte sich in einer globalen Pandemie nicht nur auf einzelne oder die heimischen Hersteller versteifen, sondern vielmehr breit streuen. Nichts läuft nach Plan in so einer Situation. Es kann immer einen Brand in einer Firma geben, wie schon geschehen, oder aber Probleme wie jetzt bei AstraZeneca, und dann ist der ganze Plan dahin.

SPIEGEL: Welcher Impfstoff ist bei Ihnen gerade der Renner?

Martínez: Wir verimpfen hier in Chile gerade hauptsächlich den chinesischen Impfstoff Sinovac, der wird am schnellsten und in den größten Mengen geliefert. Das renommierte Butantan-Institut in Brasilien hat ihn getestet und anerkannt. Das war für uns genauso viel wert wie eine Anerkennung durch die amerikanische Arzneimittelbehörde. Wir nutzen außerdem seit Jahren erfolgreich die Grippeimpfstoffe von Sinovac.

SPIEGEL: Tatsächlich gibt es Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffes von Sinovac. Er soll nur etwas mehr als 50 Prozent aller Infektionen verhindern.

Martínez: Perfektion anzustreben, ist in dieser Situation nicht hilfreich. Sinovac verhindert fast 100 Prozent aller schweren Verläufe.

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SPIEGEL: Die Fallzahlen steigen aber auch in Chile derzeit rapide. Hilft die Impfkampagne doch nicht so gut?

Martínez: Die Vakzine von Sinovac verhindert schwere Verläufe, aber eben nicht Infektionen mit Covid-19 oder die Weitergabe des Virus. Es sind also weitere Maßnahmen nötig, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten, zumal es etwa für Kinder noch gar keine Impfung gibt.

SPIEGEL: In Deutschland gibt es zusätzlich das Problem, dass die vorhandenen Impfdosen zu langsam verabreicht wurden. Wieso ist Chile so schnell?

Martínez: Wir haben die Infrastruktur für große Immunisierungskampagnen bereits vor Jahrzehnten geschaffen. Wir impfen jedes Jahr gegen Grippe. Selbst in ländlichen Regionen gibt es Gesundheitszentren, die jeweils für ein bestimmtes Gebiet zuständig sind. Damit die Menschen jetzt nicht zusammen in geschlossenen Räumen warten müssen, wird auch in Fußballstadien und Schulen geimpft oder es werden Drive-ins organisiert. Ein Schlüssel zum Erfolg ist aber auch die Terminvergabe.

Warten auf die Impfung mit Sinovac: Ein Impfzentrum in Chile am 16. März 2021

Warten auf die Impfung mit Sinovac: Ein Impfzentrum in Chile am 16. März 2021

Foto: CLAUDIO REYES / AFP

SPIEGEL: Wie funktioniert die?

Martínez: Es gibt keine Impftermine. Es gibt einen zentralen, öffentlichen Kalender mit Tagen, an denen jeweils eine sehr spezifische Gruppe geimpft wird. Etwa alle 65-Jährigen am Dienstag, 16. Februar – das ist jetzt nur ein ausgedachtes Beispiel. Jeder 65-Jährige kann dann mit seinem Ausweis – mehr braucht er nicht – zu einem Gesundheitszentrum gehen, an seinem Wohnsitz oder irgendwo anders, und sich impfen lassen. Manche machen das am Urlaubsort.

SPIEGEL: Bis Juni will Chile 80 Prozent aller Erwachsenen geimpft haben. Ist das realistisch?

Martínez: Ja, das ist es. Man darf aber nicht vergessen, dass das Ganze durchaus einen Preis hat. Unser Gesundheitspersonal ist stark überlastet. Es gibt viele psychische Probleme wie Burn-outs.

SPIEGEL: Chile ist ein sehr ungleiches Land. Etwa 80 Prozent der Menschen sind im öffentlichen System versichert, rund 18 Prozent rein privat, was ihnen Zugang zu besseren Leistungen ermöglicht. Macht sich dieser Unterschied auch bei der Impfkampagne bemerkbar?

Martinez: Kaum. Unser Gesundheitssystem ist sehr ungleich, das stimmt. Die Impfkampagne allerdings ist es nicht. Impfungen werden über das öffentliche System organisiert. Einige reichere Gemeinden bieten Tango-Shows zur Unterhaltung während der Impfung oder Drive-ins. Das gibt es vielleicht in den ärmeren Gegenden nicht.

Drive-in-Impfung: Das Gesundheitspersonal Chiles ist derzeit stark überlastet

Drive-in-Impfung: Das Gesundheitspersonal Chiles ist derzeit stark überlastet

Foto: Esteban Felix / AP

SPIEGEL: Die Reichen werden also nicht schneller geimpft oder mit anderen Stoffen?

Martínez: Grundsätzlich gilt: Mit welcher Vakzine man geimpft wird, kann man sich nicht aussuchen. Biontech nutzen wir derzeit zum Beispiel für Menschen mit besonderen Schwierigkeiten des Immunsystems. Die zentralen Impftermine gelten landesweit, das heißt, eine reichere Gemeinde kann ihre 65-Jährigen nicht im großen Stil früher impfen. Es gibt etwa ein Prozent Abweichung von dieser Reihenfolge, die wohl auf örtliche Korruption zurückzuführen ist. Aber das ist ein eher geringes Problem.

SPIEGEL: Werden auch Flüchtlinge geimpft oder Menschen, die sich illegal im Land aufhalten?

Martínez: Zu Anfang wurde jeder geimpft, das war auch die öffentlich erklärte Strategie. Dann zeigte eine peruanische Fernsehshow unglücklicherweise, dass man sich in Chile auch als Ausländer immunisieren lassen kann, und rief zum Impftourismus auf. Unser Außenminister erklärte daraufhin, es würden nur noch Chilenen behandelt. Seitdem ist die Lage unklar und wird wohl vor Ort im Einzelfall entschieden.

SPIEGEL: Vor der Pandemie kam es zu sozialen Unruhen in Chile und Protesten gegen den amtierenden Präsidenten, Sebastián Piñera. Profitiert er vom guten Impfmanagement?

Martínez: Der Präsident ist wirtschaftsnah und daher kein Anhänger von Lockdowns. Er fährt einen Schlingerkurs mit Öffnungen und Verschärfungen. Teilweise waren die Einkaufszentren geöffnet und die Erholungsparks in der Natur geschlossen. Das hatte wenig Logik. Die Impfkampagne ist ein Erfolg. Der Präsident profitierte davon bisher noch nicht sehr stark. Allerdings bin ich besorgt, weil er nun versucht, den Triumph stärker politisch auszunutzen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Martinez: Tatsächlich versucht Piñera gerade, eine große Welle zu machen mit der Impfkampagne. »Wir sind Weltmeister!«, lautet das Mantra. Unterdessen sind 95 Prozent der Intensivbetten belegt, einerseits mit jenen Patienten, die schon vergangenes Jahr eine Behandlung aufgeschoben haben und nun nicht mehr warten können. Wir haben aber zudem so viele Neuinfektionen mit Corona, dass jetzt immer mehr Junge in den Krankenhäusern liegen, auch Menschen um die 30, die noch nicht geimpft sind. Leider ist der angebliche Weltmeister gerade dabei, in der 87. Minute alles zu verspielen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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