Unfaires Impfsystem Warum weltweit Millionen Impfstoffdosen im Müll landen

Auf der ganzen Welt verfallen Millionen Impfdosen und müssen entsorgt werden – während in vielen Staaten Vakzinen fehlen. Warum funktioniert die Verteilung so schlecht und wie könnte es besser laufen?
In wohlhabenderen Staaten wandert Impfstoff in den Müll, afrikanische Länder hoffen jetzt auf Spenden – doch auch dort müssen Dosen weggeworfen werden

In wohlhabenderen Staaten wandert Impfstoff in den Müll, afrikanische Länder hoffen jetzt auf Spenden – doch auch dort müssen Dosen weggeworfen werden

Foto: Robert Bonet / NurPhoto / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Als Ende April die dritte Welle über sein Land fegte, machte sich Marco Blanker bereit, seinen Teil zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Der niederländische Arzt aus Zwolle organisierte Impfstoff, lud 250 ältere Patientinnen und Patienten in seine Praxis. Doch von den Geladenen kamen gerade einmal 72. Dutzende Fläschchen Impfstoff wanderten schließlich in den Müll – für Blanker ein Skandal. In den Niederlanden ist die Bereitschaft der Menschen, sich impfen zu lassen, rapide gesunken, wie der Arzt beobachtet – vor allem mit AstraZeneca. »Wir gehen davon aus, dass hier allein bei Hausärzten und Apotheken noch bis zu 200.000 Impfdosen von AstraZeneca ungenutzt im Kühlschrank lagern«, sagt er.

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»Bis zu 200.000 Impfdosen ungenutzt im Kühlschrank«: Der Arzt Marco Blanker kämpft gegen die Impfdosen-Verschwendung

»Bis zu 200.000 Impfdosen ungenutzt im Kühlschrank«: Der Arzt Marco Blanker kämpft gegen die Impfdosen-Verschwendung

Foto: Nout Steenkamp

Zusammen mit Kollegen startete Blanker deshalb »Prullenbak Vaccin«. Auf der Website  können die Niederländer sehen, wo gerade Impfstoff zur Verfügung steht. Die Karte ist so gut gefüllt, dass Blanker und seine Kollegen jetzt auch gern Impfwilligen in anderen Ländern helfen würden. »Wenn die Kühlkette eingehalten wird, könnten die ungenutzten Ampullen auch wieder eingesammelt und nach Afrika transportiert werden«, sagt er.

Eine Spezialspedition bot bereits ihre Unterstützung an – doch die niederländische Regierung stellte sich dem Arzt zufolge gegen die Idee; sie berief sich auf rechtliche und logistische Probleme. »Stattdessen soll ungenutzter Impfstoff zerstört werden«, sagt Blanker resigniert. Doch noch habe er die Hoffnung nicht aufgegeben: »Impfung ist doch ein Menschenrecht.«

In manchen Ländern warten Ärzte auf Impfwillige, in anderen warten sie verzweifelt auf Impfstoff

In manchen Ländern warten Ärzte auf Impfwillige, in anderen warten sie verzweifelt auf Impfstoff

Foto: Andreea Alexandru / AP

Die Realität sieht derzeit anders aus: Weltweit verfallen Millionen Impfdosen und müssen entsorgt werden – während in vielen Ländern Vakzinen fehlen. Eine zentrale Datenbank, die den globalen Impfstoff-Verlust dokumentiert, gibt es nicht, doch Daten aus einzelnen Ländern und Schätzungen sind alarmierend.

Der WHO  zufolge könnten weltweit bis Ende August eine Million AstraZeneca-Dosen unbrauchbar werden, weil deren Haltbarkeit abläuft. Fast 700.000 Dosen Impfstoff  wanderten in diesem Jahr allein im US-Bundesstaat Georgia in den Müll; Experten warnen davor , dass in den USA bald Impfdosen verfallen, mit denen rund 13 Millionen Menschen gegen Corona geimpft werden könnten. Polen musste bis Ende Juli fast 73.000 Dosen  verschiedener Hersteller entsorgen; in Hongkong stapeln sich überschüssige Bestände  von Sinovac und Biontech/Pfizer, die ungenutzt verfallen könnten . Auch in Deutschland bleibt derzeit jede zehnte Impfdosis nach SPIEGEL-Informationen in den Arztpraxen liegen, rund 3,2 Millionen Dosen lagern dort. Impfstoff, der in anderen Ländern fehlt.

Rund ein Drittel der Weltbevölkerung habe der Plattform »Our World in Data« zwar inzwischen mindestens eine Dosis eines Covid-19-Impfstoffs erhalten – doch in ärmeren Ländern wurden bisher nur 1,4 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft. Und in Nigeria etwa sind nur 0,7 Prozent der Bevölkerung  vollständig geimpft – in Haiti gerade einmal 0,01 Prozent.

Die internationale Initiative Covax von der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie den globalen Impfinitiativen Gavi und Cepi hat es bisher nicht geschafft, ein faires, globales Impfsystem aufzubauen: Impfstoff fließt bis heute vor allem in die Länder, in denen das Geld fließt. Der Großteil der weltweit fast fünf Milliarden  verabreichten Dosen wurde in wohlhabenderen Ländern verimpft, viele Staaten verhandeln an Covax vorbei direkt mit den Herstellern und schließen bilaterale Verträge ab. Bis Ende 2021 wollte die globale Impfkampagne zwei Milliarden Dosen für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen finanzieren – geliefert wurden bisher rund 209 Millionen .

Hersteller wie Moderna haben zwar angekündigt, die Produktion hochzufahren und viele Staaten wollen überschüssige Dosen an ärmere Länder spenden, um die Engpässe zu lindern. Doch wenn Impfstoff innerhalb eines Landes erst einmal an einzelne Bundesstaaten und Gemeinden verteilt wurde, ist es meist kompliziert und teuer, ihn wieder an eine zentrale Stelle zurückzuschicken – und dann ins Ausland. Andererseits spielen auch rechtliche Hindernisse eine Rolle: Die geheimen Verträge mit den Herstellern sind offenbar meist so gestaltet, dass überflüssiger Impfstoff nicht einfach ins Ausland abgegeben werden darf.

Der Rechtswissenschaftler Persad Govind von der Universität Denver ist von diesen Argumenten nur begrenzt überzeugt: Die Dosen einzusammeln und ins Ausland zu senden hält er für »nicht ganz einfach, aber nicht unmöglich«. Dass Hersteller deswegen klagen würden, hält er für unwahrscheinlich – allein aus PR-Gründen wäre das schwierig für die Firmen. Staaten sollten also zumindest versuchen, Impfungen, bevor sie ablaufen an Nachbarländer weiterzugeben. »Und sie sollten solche Abkommen schon im Vorfeld aushandeln«, sagt Govind.

Junge Mexikaner freuen sich in der Grenzstadt Tijuana über den Johnson-&-Johnson-Impfstoff, den die USA gespendet hat

Junge Mexikaner freuen sich in der Grenzstadt Tijuana über den Johnson-&-Johnson-Impfstoff, den die USA gespendet hat

Foto: Francisco Vega / Getty Images

Die USA haben angekündigt, insgesamt 500 Millionen Dosen spenden zu wollen; die Regierung in Washington hat Vertragsklauseln bereits kreativ umgangen, indem sie an Kanada und Mexiko Impfungen »verliehen«  hat. Auch Israel hat mit Südkorea eine Vereinbarung getroffen : Demnach erhält das asiatische Land 700.000 Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs mit baldigem Ablaufdatum – und Israel im Gegenzug Impfungen aus einer zukünftigen Lieferung an Seoul.

Deutschland will der Bundesregierung zufolge bis Ende des Jahres 30 Millionen Impfdosen aus den eigenen Vorräten  vorrangig an Entwicklungsländer abgeben; 80 Prozent davon über Covax, der Rest soll über bilaterale Abkommen an Staaten wie Namibia, die Ukraine, Armenien und die Balkanländer verteilt werden. Schon jetzt seien 1,3 Millionen Dosen AstraZeneca an Covax übergeben worden, die in Afghanistan, Äthiopien, dem Sudan, Tadschikistan und Usbekistan ausgeliefert werden sollen.

Auch Großbritannien hat neun Millionen Dosen  als Impfspenden angekündigt und bereits einige Lieferungen auf den Weg gebracht.

AstraZeneca-Dosen, die im Westen kaum mehr jemand will, spenden Länder wie Deutschland oder England nun an Entwicklungsländer

AstraZeneca-Dosen, die im Westen kaum mehr jemand will, spenden Länder wie Deutschland oder England nun an Entwicklungsländer

Foto: Brian Inganga / AP

So herrschte am internationalen Flughafen Jomo Kenyatta in Kenias Hauptstadt Nairobi am vergangenen Dienstag große Freude: Kurz vor 22 Uhr wurden aus dem Frachtraum einer KLM-Maschine 407.000 Dosen AstraZeneca-Impfstoff aus Großbritannien entladen. Politiker und Fotografen standen bereit, um die kostbare Fracht in Empfang zu nehmen. »Ich bin froh, dass wir unseren Teil beitragen können«, sagte der stellvertretende britische Botschafter vor Ort.

Doch die Sache hat einen Haken: Nach SPIEGEL-Recherchen verfallen die gerade angekommenen Dosen bereits Ende September – nicht viel Zeit, um die Ware in entlegene Regionen zu bringen, Impfwillige zu mobilisieren und die nötige Infrastruktur aufzubauen. »Kenia schafft es bisher noch, alles rechtzeitig zu verimpfen«, sagt Rudi Eggers, kenianischer Landesdirektor der WHO.

Wettlauf gegen die Zeit: Die Impfdosen, die an Kenia gespendet wurden, müssen schnell verbraucht werden – sonst landen sie hier auf dem Müll

Wettlauf gegen die Zeit: Die Impfdosen, die an Kenia gespendet wurden, müssen schnell verbraucht werden – sonst landen sie hier auf dem Müll

Foto: SIMON MAINA / AFP

»Die Regierung würde gern auf längere Haltbarkeit bestehen, doch derzeit muss das Land nehmen, was es bekommt.« In Kenia sind gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung geimpft. Wie viele afrikanische Länder setzte Kenia lange vergebens auf Covax, hoffte vor allem auf in Indien produzierten AstraZeneca-Impfstoff. Doch zwischenzeitlich kamen die Lieferungen von dort fast komplett zum Erliegen – Indien brauchte die Dosen selbst, weil die Delta-Variante im Land wütete.

Inzwischen kommen wieder Impfspenden aus mehreren Ländern in Kenia an. Doch bereits Mitte Juli hatte die WHO auf das Problem der kurzen Haltbarkeit aufmerksam gemacht. Die Leiterin der Impfkampagne der Afrikanischen Union, Ayoade Alakija, nannte die Lieferungen sogar ein »Trojanisches Pferd« . Bis Anfang August mussten bereits 470.000 Dosen in Afrika vernichtet werden, weil sie ihre Haltbarkeit überschritten hatten. Liberia zum Beispiel blieben laut Medienberichten nur 15 Tage, um Zehntausende Dosen zu verimpfen, am Ende mussten 27.000 weggeschmissen werden. »Wir hatten nicht genug Zeit«, rechtfertigte sich Gesundheitsministerin Wilhelmina Jallah .

Zu dem nahenden Verfallsdatum kommt ein weiteres Problem: Verschwörungsmythen rund um die Vakzinen sind in vielen afrikanischen Ländern weitverbreitet. Auf WhatsApp kursieren Videos von Einstichstellen, die angeblich magnetisch werden. Die Impfung töte die Alten und mache die Jungen unfruchtbar, behaupten viele.

Dagegen helfen nur Aufklärungskampagnen – in Kenia ziehen Teams von Haus zu Haus, um über die Coronaimpfung zu informieren. Die kenianische Regierung forderte auch alle Beamten auf, sich impfen zu lassen – andernfalls drohten disziplinarische Konsequenzen.

»Aber es ist ein Teufelskreis«, sagt die Gesundheitsexpertin Catherine Kyobutungi. »Niemand kann planen, wann die nächste Lieferung kommt, also weiß auch niemand, wann und wie viele Menschen mobilisiert werden müssen.« Nichts sei frustrierender, als jemanden zum Impfen zu ermuntern – und dann keinen Impfstoff mehr für ihn übrigzuhaben.

Um die ganze Weltbevölkerung zu immunisieren, müssten auch die Hersteller ihre Prozesse verändern

Um die ganze Weltbevölkerung zu immunisieren, müssten auch die Hersteller ihre Prozesse verändern

Foto: Jens Schlueter / Getty Images

»Die Situation wird sich eher verschlechtern als verbessern«, warnt Javier Guzman, Direktor für globale Gesundheitspolitik bei dem US-amerikanischen Thinktank Center for Global Development. Die Kapazitäten der Hersteller könnten nur bis zu einem gewissen Grad hochgefahren werden, die Impfdosen-Spenden seien zu gering, um den Bedarf der Entwicklungsländer zu decken – und auch die Debatte über Drittimpfungen besorgt den Experten. »Wohlhabende Länder werden ihre Vorräte jetzt vor allem für Booster-Impfungen für ihre eigene Bevölkerung einsetzen und auch an immer jüngere Kinder verimpfen«, glaubt er.

Guzman zufolge könnten nur Veränderungen auf Herstellerseite die Engpässe langfristig auflösen. Um die Impfstoff-Produktion weltweit zu beschleunigen, müssten Regierungen und internationale Organisationen auf die Hersteller einwirken und auch Anreize für sie schaffen, mehr Lizenzverträge mit Partnern in Entwicklungs- und Schwellenländern zu schließen, die lokal Vakzinen produzieren könnten. »Zurzeit bleibt das den Herstellern völlig überlassen«, sagt Guzman. »Aber sie sind nicht daran interessiert, weil sie keinen Gewinn machen, wenn sie Impfstoff für ärmere Länder produzieren und ihn dort verkaufen.«

Pharmakonzerne und viele Industrienationen  sperren sich bisher auch gegen den Vorschlag eines von Indien und Südafrika angeführten Bündnisses, den Patentschutz für Corona-Impfstoffe auszusetzen. Auch deutsche Politiker sehen das Vorhaben kritisch; eine schnelle Einigung ist nicht in Sicht .

Kurzfristig sei es Javier Guzman zufolge wichtig, bereits bestehende geeignete Produktionsstätten für die Impfstoff-Herstellung zu nutzen – so wie bei dem US-Pharmakonzern Merck, der zwar selbst an der Impfstoffentwicklung scheiterte, aber mittlerweile Anlagen für die Fertigung der Janssen-Vakzine  umgerüstet hat. Ähnlich könnten Kapazitäten des Tübinger Pharmaunternehmens Curevac künftig auf andere Impfstoffe umgestellt werden – Curevacs eigener Impfstoff CVnCoV ist von Rückschlägen geprägt.

Auch die angekündigte Einrichtung des »Tech Transfer Hubs « in Südafrika, der die lokale Produktion von mRNA-Impfstoffen vorantreiben soll, hält Guzmann für einen Schritt in die richtige Richtung. »Alle müssen jetzt mit anpacken«, sagt er. »Denn die Pandemie wird uns noch Jahre beschäftigen und die nächste Variante kommt sicher bald.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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