Corona-Impfkampagne in Dänemark »Viele Ungeimpfte misstrauen nicht der Impfung, sondern unserer Gesellschaft«

Dänemark hat schnell sehr viele Menschen geimpft, auch in sogenannten Problembezirken. Der Medizinexperte Morten Sodemann erklärt, wie er Ungeimpfte überzeugt hat und warum er eine Impfpflicht ablehnt.
Ein Interview von Jan Petter
Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen bei einer Groß-Impfaktion in Roskilde: »Wir sind seit Monaten in Moscheen, Vereinen und Einkaufszentren unterwegs, um für die Impfung zu werben«

Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen bei einer Groß-Impfaktion in Roskilde: »Wir sind seit Monaten in Moscheen, Vereinen und Einkaufszentren unterwegs, um für die Impfung zu werben«

Foto: Mads Claus Rasmussen / EPA-EFE
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Herr Sodemann, Dänemark hatte schon Anfang September eine Impfquote von mehr als 75 Prozent erreicht. Daraufhin wurden sämtliche Pandemiebeschränkungen aufgehoben. Inzwischen wurde dieser Schritt wieder revidiert, auch bei Ihnen hat sich das Impftempo verlangsamt. Wer ist jetzt noch ungeimpft?

Sodemann: Das sind sehr unterschiedliche Gruppen: Menschen mit Vorerkrankungen, die noch nicht geimpft werden können oder Nebenwirkungen fürchten. Arbeitsmigranten aus Rumänien, Polen oder Estland, die als Hilfsarbeiter oder in der Landwirtschaft arbeiten und keinen festen Wohnort haben. Und Menschen aus sozialen Brennpunkten, die nicht richtig Dänisch sprechen und vielen Falschinformationen ausgesetzt sind.

SPIEGEL: Spielen dezidierte Impfgegner oder Coronaleugner bei Ihnen keine Rolle?

Sodemann: Nicht so wie bei Ihnen. Das erscheint mir tatsächlich ein Phänomen aus dem deutschsprachigen Raum und aus den Niederlanden. Aber es gibt überall einen harten Kern, den sie kaum erreichen können. Ich spreche von den teuren fünf Prozent, weil Sie so ungleich mehr Aufwand betreiben müssen, um diese Menschen zu überzeugen.

SPIEGEL: Sie sind Chefarzt an der Universitätsklinik Odense, in der einzigen Abteilung für Einwanderungsmedizin in Dänemark. Was für Erfahrungen machen Sie, wenn es ums Impfen geht?

Sodemann: Die Menschen sind sehr unterschiedlich, aber ihre Befürchtungen ähneln sich. Unwahrscheinlich viele Menschen sorgen sich um ihre Fruchtbarkeit – was erwiesenermaßen unbegründet ist. Diese Angst gab es jedoch auch schon bei anderen Impfungen. Auch unter Däninnen und Dänen. Viele sind bis heute nicht gut informiert. Meist schauen sie Privatfernsehen aus anderen Ländern oder konsumieren Nachrichten auf Facebook. Viele Patientinnen und Patienten sind dann überfordert. Außerdem wollen viele wissen, warum sie bei uns nicht die Vakzinen bekommen, die in ihren Heimatländern verimpft werden, wie Sputnik oder Sinovac. Was die meisten Menschen aber verbindet, ist, dass sie immer noch für gute Argumente ansprechbar sind. Sie wollen persönlich überzeugt werden.

SPIEGEL: Wurde die Pandemie nicht lange genug erklärt? Man hat doch den Eindruck, seit zwei Jahren über nichts anderes mehr zu reden.

Sodemann: Das mag für Sie und mich stimmen. Aber die Menschen, die jetzt noch ungeimpft sind, schauen eben keine Abendnachrichten. Und selbst wenn wir dort alles fünfmal wiederholen: Diese Gruppe erreichen wir so nicht. Viele Ungeimpfte misstrauen nicht den Corona-Vakzinen, sondern unserer Gesellschaft. Sie haben andere Erfahrungen gemacht als die Mehrheit. Diese Erkenntnis wollen viele Politiker nicht wahrhaben. Aber wir müssen mit den Menschen so arbeiten, dass sie uns verstehen. Dafür braucht es weniger allgemeine Informationen und mehr Angebote vor Ort.

SPIEGEL: An was denken Sie konkret?

Sodemann: Es braucht aktive, aufsuchende Angebote. Sie müssen die Impfung zu den Menschen bringen, denn von selbst kommen sie nicht. Wir sind seit Monaten in Moscheen, Vereinen und Einkaufszentren unterwegs, um für die Impfung zu werben. Dafür braucht es Personen, denen vertraut wird. Ein Imam oder eine dunkelhäutige Ärztin, die die Impfung erklären, sind oft mehr wert als jede Regierungsansprache. Oft hängt es an einzelnen Personen, ob eine Gruppe geimpft wird. Ein Friseur, ein Fußballballtrainer oder ein Familienoberhaupt kann am Ende entscheiden, ob sich der halbe Block die Spritze geben lässt oder nicht. Diese Menschen muss man überzeugen. Wir haben außerdem arabischsprachige Sprachnachrichten aufgenommen und über WhatsApp verteilt. Mehrere Kolleginnen haben Videos in ihren Muttersprachen aufgenommen. Beides wurde sehr gut aufgenommen und tausendfach geteilt.

Ein staatliches Informationsteam vom »Amt für Patientensicherheit« bei der Arbeit in Vollsmose, März 2021

Ein staatliches Informationsteam vom »Amt für Patientensicherheit« bei der Arbeit in Vollsmose, März 2021

Foto: Tim Kildeborg Jensen / Ritzau Scanpix / IMAGO

SPIEGEL: Dänemark ist nicht für seine Nachsicht gegenüber Zugewanderten bekannt. Hat das Land in der Pandemie seine Haltung geändert?

Sodemann: Das bezweifle ich. Ein älterer Mann sagte mir vor einiger Zeit auf einer Bürgerversammlung: Ihr interessiert euch doch nur für uns, weil euch jetzt auch betrifft, was wir tun. Ich fürchte, das ist eine sehr realistische Beobachtung. Wir haben lange gerungen, bis es zweisprachiges Informationsmaterial gab. Es herrscht in Dänemark, wie auch in anderen Ländern, die sehr starke Überzeugung vor, dass sich alle nur anpassen müssten. Das funktioniert bei ungefähr einem Drittel der Zugewanderten, die 110 Prozent Dänisch werden wollen. Der Großteil passt sich teilweise an, tut sich aber oft schwer mit dieser Härte. Und ein kleiner Teil verweigert sich komplett und schottet sich ab. Inzwischen gibt es aber die Erkenntnis, dass wir alle Menschen gewinnen müssen, wenn wir möchten, dass die Gesellschaft geschützt ist.

SPIEGEL: Trotz der Probleme hat Ihr Land eine deutlich bessere Impfquote als andere Länder. Wie haben Sie das geschafft?

Sodemann: Man muss sich im Frieden für den Krieg vorbereiten. Wir haben genauere Daten und haben früh gehandelt. In Dänemark sind sehr viele persönliche Gesundheitsinformationen mit der Sozialversicherungsnummer verknüpft. So wussten wir von Anfang, wer zu einer Risikogruppe zählt und konnten die Menschen gezielt ansprechen. Zudem wird in Echtzeit gemeldet, in welchen Vierteln oder gar Straßenblöcken es viele Coronainfektionen gibt. Dieses System ist selbst in Nordeuropa einzigartig. Die Behörden haben außerdem zu Beginn der Pandemie eigene staatliche Testzentren errichtet. Die Stadtteile, in denen sich damals nur wenige Menschen testen ließen, sind die, in denen heute auch weniger Einwohner geimpft wird. Wir wissen also seit einem Jahr, in welchen Vierteln es Probleme gibt: Tendenziell dort, wo Menschen in sozial schwachen Verhältnissen und mit Sprachbarrieren eher abgeschottet leben. Die Behörden haben auch dazu konkrete Daten, die uns zeigten, mit welchen Sprachen wir diese Menschen erreichen können.

SPIEGEL: Was haben Sie dann vor Ort getan?

Sodemann: Ich arbeite viel in Vollsmose, einem Stadtteil von Odense mit überdurchschnittlich vielen Zugewanderten. Zu Beginn der Pandemie gehörten wir zu den fünf Orten mit der niedrigsten Testquote in ganz Dänemark. Wir haben daraufhin in diesem Jahr versucht, besonders viele Menschen zu erreichen, auch indem wir an möglichst vielen Orten geimpft und informiert haben. Es gibt in Dänemark etliche Arzthelferinnen, deren Muttersprache nicht Dänisch ist. Wir haben sie gezielt angesprochen und um Hilfe gebeten. Genau wie Medizinstudierende und Sozialarbeiter. Im Juli waren dann auch hier zwei Drittel geimpft.

SPIEGEL: Was können andere Länder wie Deutschland davon lernen?

Sodemann: Die Politik muss erkennen, dass die Menschen ihr nicht uneingeschränkt vertrauen. Unsere Regierung ist konsequent mit Expertinnen aufgetreten und hat sich um eine evidenzbasierte Coronapolitik bemüht. Es gab aber auch unpopuläre Schritte: Dänemark war der größte Produzent von Nerzpelzen in Europa. Im vergangenen Jahr wurden alle Tiere getötet, um eine Übertragung des Virus zu stoppen. Das ist bis heute extrem umstritten, eine komplette Industrie ist tot. Aber es war damals ein klares Zeichen, dass die Politik Verantwortung übernimmt.

Wartende in einem Impfzentrum in Kopenhagen

Wartende in einem Impfzentrum in Kopenhagen

Foto: PHILIP DAVALI / AFP

SPIEGEL: Inzwischen sind wir mitten in der vierten Welle. In Deutschland wird über eine allgemeine Impfpflicht nachgedacht. Auch in Dänemark sind mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung immer noch ungeimpft. Geht es überhaupt noch ohne Zwang?

Sodemann: In bestimmten Berufen mag das helfen. Aber wie wollen Sie eine allgemeine Impfpflicht denn durchsetzen? Man kann damit die Zahlen vielleicht aufhübschen. Doch ich bezweifle, dass es die Mehrheit der Ungeimpften erreicht. Die verstecken sich dann und wir verlieren sie für immer. Auch in Zukunft wird es Viruserkrankungen geben. Wir brauchen Vertrauen.

SPIEGEL: Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat unlängst erklärt, am Ende des Winters seien die Menschen hierzulande entweder geimpft, genesen oder tot. Was folgt aus dieser drastischen Einsicht?

Sodemann: Verzeihung, aber Ihr Gesundheitsminister redet wie ein alter Hausarzt, der seine Patienten zum Abnehmen bewegen will. Ich glaube, das ist nicht der richtige Weg. Solche Drohungen nutzen sich ab. Was will man denn bei der nächsten Welle sagen? Impfexperte zu sein, heißt, Gesellschaftsexperte zu sein. Es geht nur mit Vertrauen, zumindest in einer Demokratie. Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Zum Glück ist uns in Dänemark das Gemeinschaftsgefühl noch nicht abhandengekommen. Wir halten weiterhin daran fest, dass wir als Gesellschaft nur zusammen durch diese Krise kommen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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