Covid in Afrika Heilkräuter statt Sauerstoff

In Afrika wütet die Delta-Variante, in einigen Ländern sind die Gesundheitssysteme überlastet. Doch das Sterben findet oft im Verborgenen statt.
Von Heiner Hoffmann und Henry Wasswa
»Die Situation ist eine Katastrophe. Das Gesundheitssystem ist kollabiert« – so beschreibt das tunesische Gesundheitsministerium die Lage im nordafrikanischen Land

»Die Situation ist eine Katastrophe. Das Gesundheitssystem ist kollabiert« – so beschreibt das tunesische Gesundheitsministerium die Lage im nordafrikanischen Land

Foto: Jdidi Wassim / SOPA / LightRocket / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Es klingt wie ein Wunder. Zwar wurde Uganda Mitte Juni von einer neuen Coronawelle getroffen, getrieben von der Delta-Variante. Sauerstoff wurde zur Mangelware, die Krankenhäuser waren am Limit und darüber hinaus, Patienten mussten zu Hause versorgt werden. Und dennoch: Laut offizieller Statistik beklagt das ostafrikanische Land gerade einmal etwas mehr als 2.000 Covid-Tote – seit Ausbruch der Pandemie. Zum Vergleich: In Deutschland sind es rund 91.000.

Lange hielt sich im Globalen Norden die Erzählung, dass Afrika vom Coronavirus vergleichsweise verschont geblieben sei. Die gemeldeten Zahlen klangen vielversprechend, die Argumente einleuchtend: Ein junges Durchschnittsalter, viel Aktivität an der frischen Luft dank hoher Temperaturen. Doch diese Erzählung bröckelt. »Afrika hat gerade die bitterste Woche seit Beginn der Pandemie erlebt. Aber das schlimmste kommt noch«, fasste die WHO-Regionaldirektorin Matshidiso Moeti die Lage Ende vergangener Woche zusammen.

Mitte Juni kamen die ersten Schreckensmeldungen aus Ländern wie Namibia – die Krankenhäuser mussten Patienten abweisen, Angehörige versuchten verzweifelt, selbst Sauerstoff aufzutreiben, zahlreiche Prominente erlagen dem Virus. Seither frisst sich die Pandemie immer weiter in immer mehr Länder des Kontinents vor. »Die Situation ist eine Katastrophe. Das Gesundheitssystem ist kollabiert«, teilte das tunesische Gesundheitsministerium kürzlich mit. In Ruanda wurden die Covid-Behandlungszentren wieder reaktiviert – und sind bereits voll.

Im ugandischen Dorf Bwefulumya wird eine Bewohnerin beerdigt, die laut Angehörigen an Covid19-Komplikationen verstorben ist. Besondere Schutzvorkehrungen gibt es nicht.

Im ugandischen Dorf Bwefulumya wird eine Bewohnerin beerdigt, die laut Angehörigen an Covid19-Komplikationen verstorben ist. Besondere Schutzvorkehrungen gibt es nicht.

Foto: PLUSTWOFIVE / DER SPIEGEL

Und dennoch klingen die offiziell gemeldeten Todeszahlen in vielen Ländern erstaunlich niedrig. Wohl zu gut, um wahr zu sein. Denn es gibt einige Hinweise darauf, dass die tatsächliche Opferzahl deutlich höher liegt, Hinweise wie diese Meldung aus der Provinz Gauteng in Südafrika, der Gegend um Johannesburg: Dort wurde Anfang Juli die höchste Übersterblichkeit seit Beginn der Pandemie verzeichnet. Forscher registrierten 3.200 Tote mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wären – in einer Woche. Die Behörden weisen für den gleichen Zeitraum aber nur 700 offizielle Covid-Tote aus.

»Ich gehe davon aus, dass die Situation in anderen Ländern ähnlich ist. Es ist ganz klar, dass es eine Übersterblichkeit quer durch den afrikanischen Kontinent gibt. Aber sie wird in der Regel nicht erfasst«, sagt Githinji Gitahi. Er ist Mitglied der Covid19-Kommission der Afrikanischen Union.

Südafrika gehört zu den wenigen Ländern des Kontinents, die immerhin zuverlässige Sterberegister führen. Wenn es die nicht gibt, lässt sich auch keine Übersterblichkeit berechnen. Der Economist hat ein eigenes Datenmodell entwickelt und schätzt, dass die tatsächliche Sterberate in Subsahara-Afrika 14-mal höher liegt als von den Behörden angegeben.

Auch die offiziell gemeldeten Todeszahlen in Uganda sind wohl weit von der Realität entfernt, fürchten Expertinnen und Experten. »Wenn das Gesundheitsministerium 25 Tote pro Tag gemeldet hat, kam von Einwohnern die Reaktion: Ich kenne doch selbst 10 Menschen, die an Covid gestorben sind. Wie können es dann nur 25 im ganzen Land sein? Das ist lächerlich«, sagt Catherine Kyobutungi, Leiterin des African Population and Health Research Centers und eine der führenden Gesundheitsforscherinnen des Kontinents. Der Grund für die Diskrepanz: Gezählt werden oft nur Menschen, die auf den Covid-Stationen der großen Krankenhäuser dem Virus erlegen sind.

Behandlung für 2.000 Euro – pro Tag

Absolum Muyanja hatte keine Chance, in einem Krankenhausbett zu sterben. Nachdem er positiv auf das Virus getestet wurde, wollte ihn sein Sohn Dan behandeln lassen – doch der Plan sei gescheitert. »Stunde um Stunde wurden neue Patienten eingeliefert, die waren wirklich krank. Also hat man uns geraten, lieber nach Hause zu gehen. Außerdem konnten wir uns eine lange Behandlung auf der Isolierstation ohnehin nicht leisten«, erzählt Dan. Zu Hause habe sich der Zustand seines Vaters schnell verschlechtert, die Angehörigen mussten ein Beatmungsgerät auftreiben. Doch auch das geriet bald an seine Grenzen.

»Als es gar nicht mehr ging, haben wir versucht, einen Krankenwagen zu organisieren. Doch der war 20 Kilometer weit weg. Während wir warteten, hat mein Vater seinen letzten Atemzug getan«, sagt Dan. So wie seinem Vater erging und ergeht es vielen Uganderinnen und Ugandern. Die großen Krankenhäuser galten im Juni als hoffnungslos überfüllt, viele Angehörige haben es erst gar nicht versucht. Zudem belaufen sich in den besser ausgestatteten privaten Kliniken die Behandlungskosten teils auf mehr als 2000 Euro – pro Tag.

In mehreren Fällen wurden laut Medienberichten die Leichen von Verstorbenen nicht herausgegeben, weil die Angehörigen die horrenden Gebühren nicht begleichen konnten. Ein Gericht hat die ugandische Regierung nun angewiesen, dem Wucher einen Riegel vorzuschieben.

Doch für viele Patientinnen und Patienten kommt diese Intervention zu spät. Sie mussten auf eines der unzähligen lokalen Gesundheitszentren ausweichen, die oft völlig unzureichend ausgestattet sind. Getestet wird dort nur selten. Manche starben wie Absolom Muyanja zu Hause, versorgt von ihren Angehörigen. »Diese Sterbefälle werden aber meist nicht an die Regierung übermittelt. Was wir in den offiziellen Statistiken sehen, ist also nur die Spitze des Eisbergs, nicht die wirklichen Zahlen«, sagt Catherine Kyobutunga.

Warten auf einen Covid-Test in der namibischen Hauptstadt Windhuk. Namibia verzeichnet eine der höchsten Covid-Sterberaten des Kontinents

Warten auf einen Covid-Test in der namibischen Hauptstadt Windhuk. Namibia verzeichnet eine der höchsten Covid-Sterberaten des Kontinents

Foto: Musa C Kaseke / picture alliance / Xinhua News Agency

Die epidemiologische Beraterin der ugandischen Regierung Monica Musenero räumt im Gespräch mit dem SPIEGEL ein, dass die gemeldeten Zahlen nur ein Teil der Wahrheit seien: »Wir haben immer ehrlich gesagt, die Zahlen sind nur ein Richtwert. Wir testen nicht sehr viel.« Doch die ugandische Regierung versuche inzwischen, auch die Verstorbenen in den Tausenden kleinen Kliniken zu erfassen – als »wahrscheinliche Sterbefälle«. Immerhin habe sich die Situation in den letzten Tagen verbessert, auch wenn die Sterberate noch hoch sei: »Jetzt gibt es wieder Krankenhausbetten, die Leute fahren nicht mehr rum auf der Suche nach einem Behandlungsplatz und Sauerstoff.«

Semu Nsibirwa kennt sich aus mit dem verborgenen Sterben. Er liefert Sauerstoff an Patientinnen und Patienten, die keinen Zugang zu den großen Krankenhäusern haben. »Die offiziellen Infektionszahlen sind runtergegangen, weil die Leute nicht mehr in die Klinik können«, sagt er. Schuld daran sei ironischerweise auch der Lockdown, der die Pandemiewelle brechen sollte: »Wenn du unterwegs erwischt wirst, dann belästigt dich die Polizei. Also bleiben viele lieber zu Hause und nehmen Antibiotika. Einige sterben dann und werden nicht erfasst.«

Schockierende Bilder wie aus Indien gab es bislang nicht in Uganda oder den meisten anderen afrikanischen Ländern: keine Massenbegräbnisse, keine langen Schlangen von Krankenwagen vor den Kliniken. Ein Grund dafür laut Experten wie Githinji Gitahi: Die Bevölkerung ist deutlich ländlicher geprägt, weniger mobil als in den indischen Metropolen. Das Virus finde dadurch weniger Angriffsfläche. Zudem ist die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner und damit auch die absolute Zahl der Infizierten geringer als in Indien. Die große, sichtbare Katastrophe ist bislang ausgeblieben. Aber das Sterben gibt es trotzdem, es ist nur weniger offensichtlich und medienwirksam. »Afrika wurde nicht verschont – Afrika wartet nur«, sagt Githinji Gitahi. Mit jeder Welle werde die Situation schlimmer.

Die vierte Beerdigung im Dorf Bwefulumya binnen weniger Tage

Die vierte Beerdigung im Dorf Bwefulumya binnen weniger Tage

Foto: PLUSTWOFIVE / DER SPIEGEL

Im Dorf Bwefulumya wird gerade wieder ein Sarg in die Erde gehievt, eine ältere Dame ist an Covid gestorben. »Das ist die vierte Beerdigung in den letzten Tagen«, sagt Dorfvorsteher Francis Ntakamaro. »Während der ersten Welle haben wir niemanden verloren, aber jetzt sind so viele krank. Sie husten und später begraben wir sie.«

Hilda Nakayiza, die Tochter der Verstorbenen, ist selbst Krankenschwester an einer örtlichen Klinik. »Viele sterben, weil sie zu spät in die Klinik kommen. Und einige sterben, bevor sie auf Covid getestet wurden«, berichtet sie. Sie tauchen in keiner Statistik auf. Früher seien die Leichen noch von speziell ausgerüsteten Taskforce-Teams bestattet worden. Doch momentan seien es zu viele. Der Sarg ihrer Mutter wurde eilig desinfiziert und direkt den Angehörigen übergeben. Schutzanzüge trägt auf der Beerdigung niemand.

Dorfvorsteher Ntakamaro beschreibt noch ein weiteres Problem: Viele Bewohner würden inzwischen auf Heilkräuter zur Covid-Bekämpfung setzen. Ein regelrechter Boom hat in Uganda eingesetzt, die Menschen inhalieren und trinken Kräutermixturen und hoffen auf Heilung oder Schutz vor dem Virus. »Es ist auch der Verzweiflung geschuldet. Die Krankenhäuser sind zu teuer, Impfstoffe kaum verfügbar. Aber die Menschen wollen nicht sterben. Also halten sie sich an dem fest, was ihnen Hoffnung gibt«, sagt Gesundheitsexpertin Kyobutungi. Die ugandische Regierung facht diese Hoffnung selbst an – sie hat gerade eines der vermeintlichen Kräuterheilmittel als Covid-Medikament zugelassen. Die klinischen Studien laufen noch, auf die Ergebnisse wurde nicht gewartet.

»Es ist ein Schlamassel. Wenn die Menschen glauben, dass es vor Covid schützen oder heilen kann, dann denken sie, die vorbeugenden Maßnahmen seien nicht mehr so wichtig. Sie glauben ja, dass sie nun eine Wunderwaffe im Schrank haben«, sagt Kyobutungi.

Heilkräuter als große Hoffnung: Hadija Nangobi inhaliert jeden Tag

Heilkräuter als große Hoffnung: Hadija Nangobi inhaliert jeden Tag

Foto: PLUSTWOFIVE / DER SPIEGEL

Hadija Nangobi geht regelmäßig auf die Suche nach den vermeintlichen Wunderwaffen. Sie pflückt Blätter von Eukalyptus-, Mango- und Avocadobäumen, zerkleinert sie in einem Topf und kocht sie auf. Ihre Kinder lässt sie den Dampf einatmen und anschließend den Sud trinken. »Diese Medizin schützt uns in finsteren Zeiten«, sagt sie. »Ich habe kein Geld für ein Taxi ins Krankenhaus, also pflücke ich diese Kräuter.«

Schon jetzt wütet die neue Coronawelle in Afrika heftiger als die vorherigen, die Delta-Variante treibt die Zahl der Infektionen in die Höhe. Sie trifft auf eine Bevölkerung, die kaum Zugang zu Impfstoffen hat und auf Heilkräuter setzen muss. Githinji Gitahi von der Corona-Taskforce der Afrikanischen Union ist wenig hoffnungsfroh: »Hinsichtlich Indien haben sich die Menschen noch im letzten Jahr gefragt: Warum wurde es bislang verschont? Das würde jetzt keiner mehr fragen. Ich fürchte, uns könnte das gleiche Schicksal ereilen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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