Coronadesaster in Afrika Das passiert, wenn die Delta-Variante auf eine ungeimpfte Bevölkerung trifft

In Afrika wütet eine dritte Coronawelle – in einigen Gegenden so schlimm wie nie zuvor. Die Delta-Variante ist bereits in 14 Ländern nachgewiesen, es fehlt an Sauerstoff und Intensivbetten.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Beim Uganda Funeral Service hat sich die Zahl der Beerdigungen inzwischen verfünffacht

Beim Uganda Funeral Service hat sich die Zahl der Beerdigungen inzwischen verfünffacht

Foto: Martin Kharumwa / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Catherine Kyobutungi ist eine der führenden Covid-Expertinnen Afrikas. Doch der Horror, den die Epidemiologin aus Uganda vergangene Woche erleben musste, traf auch sie unvorbereitet. In ihrem Heimatland wütet eine verheerende Coronawelle, die Infektionszahlen haben längst Rekordwerte erreicht. Dann traf es Kyobutungis Vater, er erkrankte an Covid-19. Als Risikopatient, 82 Jahre alt, mit Diabetes.

»Seine Sauerstoffwerte gingen in den Keller, er aß und trank gar nichts mehr. Es war wirklich ernst. Doch jeder Arzt hat uns gesagt: Kümmert euch besser zu Hause um ihn, die Krankenhäuser sind voll, denkt gar nicht erst daran, ihn herzubringen.« Daraufhin versuchte Kyobutungi selbst, einen Sauerstoffzylinder aufzutreiben – vergeblich. Am Ende hatte sie doch noch Glück: Sie fand einen Geschäftsmann, der ihr einen Konzentrator vermietete. Solche Geräte reichern Sauerstoff aus der Umgebungsluft an. »Daran haben wir meinen Vater angeschlossen, nach ein paar Tagen ging es ihm zum Glück wieder besser. Doch andere, die nicht über das nötige Geld und medizinische Wissen verfügen, müssen ihren Angehörigen beim Sterben zuschauen«, sagt Kyobutungi.

Semu Nsibirwa betreibt eigentlich einen Computerladen. Inzwischen ist er rund um die Uhr mit der Betreuung von Covid-19-Patienten beschäftigt

Semu Nsibirwa betreibt eigentlich einen Computerladen. Inzwischen ist er rund um die Uhr mit der Betreuung von Covid-19-Patienten beschäftigt

Foto: Martin Kharumwa / DER SPIEGEL

Semu Nsibirwas Telefon klingelt unentwegt. Der kräftige grauhaarige Mann sitzt in seinem Technikladen in Ugandas größter Metropole Kampala, vor sich mehrere Stapel mit Patientenakten. Denn der Geschäftsmann hat umgesattelt, ist inzwischen rund um die Uhr mit der Betreuung von Covid-Patienten beschäftigt. »Ich kümmere mich derzeit um so viele Leute, dass mein Kopf explodiert«, sagt er. Nsibirwa ist der Mann, der die Konzentratoren vermietet – für 70 US-Dollar pro Tag. Vergangene Nacht um zwei Uhr habe ihn eine Angehörige gefragt, ob er Sauerstoff habe. Doch er war zu erschöpft, um rauszufahren.

Jetzt ist Nsibirwa kurz in seinem Laden in der Hauptstadt Kampala, aber für Papierkram bleibt dem Gesundheitsdienstleister kaum Zeit. Während des Interviews mit dem SPIEGEL platzen Patienten herein, wollen sich testen lassen. Auch diesen Service bietet Nsibirwa an. Es seien verrückte Tage, sagt er. Zwischendurch versucht er, schwer kranke Patientinnen und Patienten an Krankenhäuser zu vermitteln. Meist ohne Erfolg. »Die Ärzte fragen dann, ob die oder der Betroffene Sauerstoff benötigt. Wenn ich das bejahe, sagen sie: Bring den nicht, wir haben nichts.«

Die Mitarbeiter der Krankenhäuser mussten in der Stadt herumfahren, um Sauerstoffzylinder aufzutreiben

Die Mitarbeiter der Krankenhäuser mussten in der Stadt herumfahren, um Sauerstoffzylinder aufzutreiben

Foto: Martin Kharumwa / DER SPIEGEL

Ein Bett in der Intensivstation gebe es erst, wenn über Nacht jemand gestorben sei, erzählt Nsibirwa. Mehr als 80 Covid-19-Schnelltests führt er derzeit täglich durch – und erlebt verzweifelte Angehörige. »Vor Kurzem habe ich eine Frau positiv getestet, die konnte kaum noch atmen. Ihre Verwandten wollten, dass ich sie in meinem Auto mitnehme. Aber im Krankenhaus war nichts frei«, berichtet er. Jetzt wird auch diese Patientin zu Hause notdürftig mit einem seiner Geräte versorgt.

Die Lage in Uganda sei äußerst ernst, betont auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie streitet allerdings ab, dass Betroffene einfach abgewiesen würden. Doch in den sozialen Netzwerken berichten Angehörige davon, wie sie über Stunden von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt worden seien – ohne Erfolg. Lokale Medien berichten über Druckabfall in der Sauerstoffversorgung der Kliniken, weil zu viele Patienten an den Geräten hängen.

Und das größte Krankenhaus des Landes musste diese Woche zugeben, dass das System streckenweise überlastet ist. Einige Patienten bräuchten bis zu 70 Liter Sauerstoff – pro Minute. Eilig wurde ein neuer Tank installiert. »Es gibt wirklich einen Unterschied zu den vorhergehenden Wellen«, sagt Verwaltungschef David Nuwamanya. »90 Prozent der Patienten, die bei uns ankommen, sind auf Sauerstoff angewiesen. Wir mussten in der Stadt rumfahren und nach Zylindern suchen, um unser internes System zu ergänzen.«

Und die ugandische Gesundheitsministerin Jane Aceng räumt ein: »Wir haben Probleme mit der Verfügbarkeit von Sauerstoff. Natürlich bedeutet solch ein Mangel, dass es mehr Tote geben wird.« Es fehle vor allem an den Zylindern, in denen der Sauerstoff bereitgestellt werden könne. Auch das Personal sei inzwischen »sehr erschöpft«. Doch sie bestreitet, dass in den staatlichen Krankenhäusern Patienten abgewiesen würden, weil keine Betten frei seien. Am Freitagabend hat Präsident Yoweri Museveni schließlich die Notbremse gezogen und einen strengen Lockdown in Uganda verhängt.

Coronainfektionen in Uganda

Auch in den Bestattungsfirmen von Kampala ist die Covid-Welle längst angekommen. Im größten Institut der Metropole hat sich die Zahl der täglichen Beerdigungen verfünffacht. »Wir begraben mittlerweile sehr junge Menschen, einige von ihnen erst 15 oder 20 Jahre alt«, erzählt der Chef von Uganda Funeral Services, Joseph Nsubuga. Dieses Mal sei es wirklich anders. Am schlimmsten für die Angehörigen sei, dass sie wegen der Coronamaßnahmen nicht zur Beerdigung kommen dürfen – mehr als 20 Teilnehmer sind derzeit nicht erlaubt.

Kein langsam fortschreitendes Wachstum der Patientenzahlen hat in Uganda vor einer solchen Katastrophe gewarnt. Vielmehr sind die verzeichneten Infektionen Mitte Mai plötzlich explodiert, wachsen seither ungebremst weiter. Ähnliches ließ sich in Indien im April beobachten, ausgelöst von der sogenannten Delta-Variante. Auch in Uganda ist die inzwischen nachgewiesen, die WHO untersucht derzeit, ob sie das Infektionsgeschehen dominiert.

Laut Experten liegt das nahe: »Wir sehen, dass es sich wie ein Waldbrand ausbreitet, viel mehr jüngere Menschen betrifft und schwere Verläufe verursacht. Ich gehe davon aus, dass die Delta-Variante dahintersteckt«, sagt Epidemiologin Catherine Kyobutungi. Sie leitet das African Population and Health Research Center (APHRC), eine der führenden Forschungseinrichtungen Afrikas. Auf der anderen Seite der Grenze, im Westen Kenias, ist man einen Schritt weiter: Hier sind sich die Behörden bereits sicher, dass die Delta-Variante hinter dem massiven Anstieg der dort verzeichneten Fälle steckt.

»Afrika ist mitten in einer dritten Welle, die mit voller Wucht zuschlägt. Das rasante Wachstum der Fallzahlen sollte alle zu sofortigem Handeln veranlassen. Wir haben in Indien gesehen, wie schnell die Gesundheitssysteme überlastet sein können«, sagt die WHO-Regionaldirektorin Mathsidiso Moeti. Auch sie geht davon aus, dass Mutationen eine wesentliche Rolle spielen. Die Delta-Variante ist mittlerweile in 14 afrikanischen Ländern nachgewiesen.

Neben Uganda wird vor allem Namibia heftig von der Pandemie erschüttert, weist eine der höchsten Sterblichkeitsraten des Kontinents auf. Mit prominenten Opfern: Am Freitag wurde der Tod des Paramount Chiefs der Herero, Vekuii Rukoro, verkündet. Er war die oberste traditionelle Autorität der Volksgruppe, die Anfang des 20. Jahrhunderts einem deutschen Völkermord zum Opfer fiel. Rukoro war zudem einer der lautesten Kritiker des Deutsch-Namibischen Versöhnungsabkommens. Der SPIEGEL hatte ihn noch vergangene Woche in Windhuk getroffen, er zeigte zu dieser Zeit keinerlei Symptome. Nun, zehn Tage später, ist er an Covid-19 verstorben.

Ein weiterer prominenter Herero kämpft derzeit wohl um sein Leben: Zedekia Ngavirue liegt laut Medienberichten in kritischem Zustand mit Covid-19 auf der Intensivstation. Er hatte die Verhandlungen über eine Wiedergutmachung für den Völkermord mit der deutschen Bundesregierung geführt. Rukoro und Ngavirue sind nur zwei prominente Beispiele, die zeigen, wie die Pandemie derzeit im Land wütet. Man untersuche noch, welche Rolle dabei die Delta-Variante spiele, teilte die Universität von Namibia auf SPIEGEL-Anfrage mit. Dort werden Coronaproben per Genomsequenzierung untersucht.

Coronainfektionen in Namibia

Ähnlich wie in Uganda gibt es auch aus Namibia Berichte über einen Mangel an medizinischem Sauerstoff und Intensivbetten, was laut Experten zur hohen Sterblichkeit beiträgt. Und Namibia und Uganda teilen noch ein weiteres Problem: Nur ein verschwindend geringer Anteil der Bevölkerung ist geimpft.

In Namibia haben gerade einmal 18.000 Einwohnerinnen und Einwohner ihre zweite Dosis erhalten, knapp 100.000 die erste. Das sind nicht einmal sieben Prozent der impffähigen Bevölkerung. Es kommen gleich zwei Probleme zusammen: Zum einen fehlt es nach wie vor an Impfdosen. Die namibische Regierung hofft nun demnächst auf Nachschub, plant unter anderem 150.000 Dosen des chinesischen Impfstoffs Sinopharm ein

Zum anderen werden aber selbst die wenigen vorhandenen Vakzinen nicht genutzt. Mehr als 80.000 Impfdosen sind noch nicht in den Oberarmen der Namibier gelandet, die Impfskepsis ist riesig. Auch etwas bemüht wirkende Fernsehansprachen ändern daran nichts.

Impfkampagne in Uganda: Von der Herdenimmunität meilenweit entfernt

Impfkampagne in Uganda: Von der Herdenimmunität meilenweit entfernt

Foto: Luke Dray / Getty Images

Zahlreiche afrikanische Länder haben bislang nicht einmal die Hälfte ihrer gelieferten Impfstoffe nutzen können, Aufklärungskampagnen gehen nur äußerst stockend voran. »Das wundert mich überhaupt nicht«, sagt die Leiterin des APHRC Catherine Kyobutungi. »Wenn keine Regierung weiß, wann jemals wieder Impfdosen kommen, dann können sie auch nicht in teure Impfkampagnen und Aufklärung gegen Impfskepsis investieren.« Es sei ein Teufelskreis, der auch durch die angekündigten Impfspenden aus den USA und Europa kaum zu durchbrechen sei, die Mengen würden nicht ansatzweise ausreichen. Solange der Globale Norden weiter selbst bestellt und Impfdosen hortet, geht Afrika weitestgehend leer aus.

Indien hatte den Ausbruch der Delta-Variante nach einigen Wochen wieder im Griff. »Sie konnten mit einer massiven Impfkampagne gegensteuern«, sagt die Epidemiologin Kyobutungi. »Wir können nur dasitzen und hoffen, dass es vorbeigeht.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es zur Versorgung Namibias mit Corona-Impfstoffen, Nachschub sei nicht in Sicht. Wir haben ergänzt, dass die namibische Regierung auf Lieferungen von neuen Impfstoffen hofft und diese einplant.

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