Chinas Afrika-Investment "Die Pandemie könnte viele Jahre des Fortschritts zunichtemachen"

China leiht afrikanischen Regierungen Milliarden, um Infrastruktur und Industrie zu finanzieren. Warum sich das nun wegen der Coronakrise ändern könnte, erklärt die Politikwissenschaftlerin Yunnan Chen.
Ein Interview von Benjamin Breitegger
Bahnhof in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba im September 2020: Hier fahren die Züge in Richtung Dschibuti

Bahnhof in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba im September 2020: Hier fahren die Züge in Richtung Dschibuti

Foto: Michael Tewelde / Xinhua / imago images
Globale Gesellschaft

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Durch Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba rattert eine vollelektrische Tram. Über eine moderne Bahnstrecke erreicht man Dschibuti, den ostafrikanischen Kleinstaat am Golf von Aden. Und im Nordwesten Äthiopiens könnte ein Megadamm auf dem Blauen Nil künftig Strom für die rund 110 Millionen Einwohner produzieren.

Äthiopiens Infrastrukturprojekte sollen das von Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed regierte Land einen Riesenschritt voranbringen. Ihre Gemeinsamkeit: Sie wurden mit Geld aus China realisiert. 

Die Volksrepublik stieg in den vergangenen 20 Jahren zum wichtigen Player in Afrika auf. Zwischen den Jahren 2000 und 2018 wurden 152 Milliarden US-Dollar an - teilweise inzwischen zurückgezahlten – Krediten vergeben. Das errechnete die "China Africa Research Initiative" der US-amerikanischen Johns Hopkins University. Offizielle Zahlen aus China sind nicht verfügbar. Das größte Empfängerland ist mit Abstand das ölreiche Angola, danach folgt Äthiopien. In dem nach Nigeria bevölkerungsreichsten Land Afrikas wuchs die Wirtschaft 2019 um mehr als acht Prozent. Nun prognostiziert die Weltbank eine Rezession für Subsahara-Afrika. 

Mit der Coronakrise ändern sich auch die Beziehungen zwischen Afrika und China, sagt die Politikwissenschaftlerin Yunnan Chen.

SPIEGEL: Frau Chen, China ist ein wichtiger Geldgeber für afrikanische Regierungen. Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Beziehungen aus?

Yunnan Chen: Die Pandemie hat der langjährigen finanziellen Beziehung zwischen Afrika und China in seiner jetzigen Form sicherlich ein Ende gesetzt. Afrika ist im vergangenen Jahrzehnt unter anderem dank chinesischer Kredite stark gewachsen. Aber schon vor der Coronakrise hatten viele afrikanische Staaten Probleme damit, ihre Schulden zurückzuzahlen oder neue Schulden aufzunehmen. Die Coronakrise hat die Risiken dieses Finanzierungsmodells noch mal deutlicher gemacht.

SPIEGEL: Inwiefern?

Chen: Afrikanische Staaten sind jetzt finanziell enorm belastet: Sie brauchen Geld für den Gesundheitssektor, für den Neustart der Wirtschaft. Viele sind aufgrund bestehender Kredite stark verschuldet. Weitere Schulden aufzunehmen, wäre für sie schwierig. China sieht Kreditvergaben wie bisher inzwischen ebenso skeptisch. Daher wird schon länger über andere Finanzierungsmodelle diskutiert. Direktinvestitionen von chinesischen Firmen sind etwa in den vergangenen Jahren gestiegen.

SPIEGEL: Sind denn steigende ausländische Direktinvestitionen in der aktuellen Krise realistisch?

Chen: Nein. Ich befürchte, dass ein Großteil dieser Investitionen des Privatsektors nachlässt, ausländische Investoren risikoscheuer werden und sich aus Schwellenländern in sichere Märkte zurückziehen. Die Pandemie könnte viele Jahre des Fortschritts afrikanischer Länder zunichtemachen.

SPIEGEL: Welche Fortschritte wurden erzielt?

Chen: Nehmen Sie das Beispiel Äthiopien: Die Wirtschaft wuchs teils im zweistelligen Prozentbereich. Das Land errichtete Straßen und Industrieparks. Niederländische Unternehmen investierten in das Geschäft mit Blumen, chinesische und amerikanische Firmen in das Textilgeschäft. Das brachte Geld und Jobs. Das Ziel, zum afrikanischen Produktionszentrum zu werden, erreichte Äthiopien bisher zwar nicht. Aber man war zu Recht optimistisch, dass sich das Land weiterentwickelt. Dieser Optimismus hat nun nachgelassen.

SPIEGEL: Bereits im März haben die Finanzminister afrikanischer Staaten für ein Konjunkturpaket in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar plädiert . Wie wahrscheinlich ist ein Schuldenerlass?

Chen: Der Blick in die Vergangenheit zeigt: China ist bereit, Zugeständnisse zu machen und die Rückzahlung von Schulden auszusetzen, aber nicht, Schulden komplett zu streichen. Äthiopien etwa verlängerte China vor zwei Jahren die Rückzahlungsfrist für das Darlehen, das für den Bau der Eisenbahn verwendet wurde - von ursprünglich zehn auf 30 Jahre.

SPIEGEL: Die 750 Kilometer lange Bahnlinie verbindet Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba mit Dschibuti. Wie steht es um das drei Milliarden Dollar teure Prestigeprojekt?

Chen: Das Bahnprojekt ist bislang nicht erfolgreich. Internationale Unternehmen investieren nicht so stark wie erhofft in die Industriegebiete entlang der Bahntrasse. Das Land exportiert nicht so viel wie geplant. Vergangenes Jahr stand der Zug wegen Unruhen außerdem längere Zeit still. Lkw sind noch immer das attraktivere Transportmittel. China hat deshalb beschlossen, keine weiteren Eisenbahnen in Äthiopien zu finanzieren.

Ingenieure aus China und Tansania in Daressalam

Ingenieure aus China und Tansania in Daressalam

Foto: Xinhua / imago images

SPIEGEL: China hilft afrikanischen Staaten mit Geld, will aber profitieren.

Chen: Genau. Was die Kredite aus China für afrikanische Staaten attraktiv macht: Regierungen bekommen diese Gelder schneller als ein Darlehen von der Weltbank. Ein Beispiel: Kamerun wollte ein Wasserkraftwerk finanzieren und bewarb sich erfolgreich um einen Kredit bei der Weltbank. Experten führten Machbarkeitsstudien durch, die Regierung musste Umweltauflagen erfüllen, dann den Auftrag ausschreiben. Sechs Jahre vergingen bis Baubeginn. Wenn hingegen die kamerunische Regierung einen Auftrag direkt ausschreibt, bewerben sich chinesische Baufirmen und sagen: Das ist unser Angebot, und ihr müsst nicht um Geld betteln gehen, wir kümmern uns um die Finanzierung. Die chinesische Eximbank vergibt Kredite mit niedrigerem Zinssatz als sonst am Markt verfügbar. Und zwischen Vertragsunterzeichnung und Baubeginn liegen nur ein bis zwei Jahre. Als Präsident oder Premier können Sie somit bis zum Ende Ihrer Amtszeit ein sichtbares Infrastrukturprojekt vorweisen.

SPIEGEL: Sie forschen seit mehr als sechs Jahren zu Afrika-China-Beziehungen. Was halten Sie für den größten Mythos über Chinas Engagement auf dem afrikanischen Kontinent?

Chen: Es gibt die Vorstellung, dass China eine Gesamtstrategie fahre, um afrikanische Länder zu kontrollieren. Die Vorstellung geht vom Staat als alleinigen Akteur aus und ignoriert, wie viele nicht staatliche Akteure auf dem Kontinent aktiv sind. Und die befinden sich manchmal im Konflikt mit Peking. Ein Beispiel: Peking feierte die kenianische Eisenbahn als Symbol für die Partnerschaft zwischen Afrika und China, das Staatsfernsehen berichtete. Aber das diplomatische Verhältnis war belastet, weil korrupte chinesische Baufirmen Schmiergelder an Kenianer gezahlt hatten, um an Aufträge zu kommen.

SPIEGEL: Wie geht es nun in Zukunft weiter?

Chen: Das Interesse chinesischer Firmen, auf dem afrikanischen Kontinent zu investieren, ist nicht ganz weg: Die China Harbour Engineering Company beteiligte sich erst im Mai mit 221 Millionen Dollar an einem Tiefseehafen bei Lagos, Nigeria. Corona stellt aber sicher eine Zäsur dar und ist katastrophal für afrikanische Volkswirtschaften. Äthiopien etwa wird nicht weiter auf Exportwachstum setzen können, weil die Nachfrage aus dem Westen wohl einbricht und das Geld fehlt, um weitere Infrastruktur aufzubauen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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