Corona-Anstieg in Argentinien "Die Leute waren zu nachlässig"

In den meisten Ländern Lateinamerikas gehen die Corona-Zahlen zurück, nur in Argentinien nicht. Die Ärztin Carlota Russ berät den Präsidenten - hier spricht sie über die Gründe für die steigenden Zahlen.
Ein Interview von Jens Glüsing
Passanten in Buenos Aires: "Die Intensivstationen sind allmählich voll"

Passanten in Buenos Aires: "Die Intensivstationen sind allmählich voll"

Foto: Roberto Almeida / ZUMA Wire / imago images

SPIEGEL: In vielen Ländern Lateinamerikas gehen die Infektionszahlen zurück. Ausgerechnet in Argentinien, das anfänglich als vorbildlich im Umgang mit der Pandemie gepriesen wurde, steigen die Zahlen dagegen an. Wie erklären Sie sich das?

Carlota Russ: Wir haben bereits Mitte März eine strikte Quarantäne im Großraum Buenos Aires verhängt. Das hat uns Zeit verschafft, unser Gesundheitssystem auf die Pandemie vorzubereiten. Mit der Zeit wurden die Restriktionen etwas gelockert, die Leute sind nach und nach wieder ihren normalen Aktivitäten nachgegangen. Die Kurve stieg jedoch weiterhin permanent an. Deshalb wurden Mitte August neue Beschränkungen erlassen, aber die Leute haben sich nicht daran gehalten. Jetzt flacht zwar die Kurve im Großraum Buenos Aires langsam ab, gleichzeitig nehmen die Fälle im Landesinneren stark zu. Das liegt daran, dass viele Menschen die Quarantänebestimmungen nicht richtig eingehalten haben: Sie sind ausgegangen, haben sich mit Freunden und Verwandten getroffen. Die Fälle haben sich multipliziert.

SPIEGEL: Gibt es genügend Betten für die schweren Fälle?

Russ: Die Intensivstationen sind allmählich voll. Im Großraum Buenos Aires wurden zwar viele neue Betten und Beatmungsgeräte angeschafft. Aber jetzt fehlt Pflegepersonal. Im Landesinneren sind die Krankenhäuser den steigenden Krankheitsfällen nicht gewachsen.

SPIEGEL: Argentinien hat einen der längsten Lockdowns Lateinamerikas hinter sich, es werden jetzt sieben Monate. Hat das die Leute überfordert?

Russ: Wir sind Latinos, wir sind nicht sehr gehorsam. Den ersten Monat ist niemand auf die Straße gegangen, auch die Kontrolle hat funktioniert. Aber je mehr das gelockert wurde, desto weniger haben sich die Leute daran gehalten. Zum Schluss waren es eigentlich nur noch die alten Leute  - und selbst die gehen wieder immer öfter aus, um Verwandte oder Freunde zu besuchen. Sie behaupten, dass sie sich in Quarantäne befinden, aber das stimmt nicht: Die Straßen, Plätze und Bars sind voll. Diese Vorstellung, dass Argentinien einen der längsten Lockdowns der Welt durchmacht, ist sehr relativ.

SPIEGEL: Jetzt werden die Restriktionen nach und nach aufgehoben. Ist das nicht zu früh?

Russ: Die Pandemie wird uns noch lange begleiten. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben und die größtmögliche Anzahl von Aktivitäten erlauben - aber gleichzeitig müssen wir auch die Einhaltung der Regeln überprüfen, was wir bislang nicht geschafft haben. Die Leute sind die Quarantäne leid, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten war es sehr hart . Das muss man auch berücksichtigen.

SPIEGEL: Ist der Anstieg der Infektionen im Landesinneren die gefürchtete zweite Infektionswelle?

Russ: Nein, die Welle ist nur von Buenos Aires in die Provinzen geschwappt. Die Leute waren zu nachlässig, sogar Einkaufszentren wurden in manchen Städten wieder geöffnet.

SPIEGEL: Wie tödlich ist das Virus in Argentinien?

Russ: Wir haben ziemlich viele Tote, die Mortalitätsrate liegt bei etwa drei Prozent. Bei den Jüngeren ist sie niedriger, bei den über 60-Jährigen liegt sie bei bis zu fünf Prozent. Und sie steigt.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.