René Pfister

Impfkampagne in den USA America First

René Pfister
Ein Kommentar von René Pfister
Joe Biden hat sich bei seiner Impfkampagne zu Recht erst einmal auf Amerika konzentriert. Doch wenn das so bleibt, nimmt seine Präsidentschaft irreparablen Schaden.
Impfzentrum im US-Bundesstaat Virginia: Die US-Regierung hat dafür gesorgt, dass zuerst der heimische Markt bedient wird

Impfzentrum im US-Bundesstaat Virginia: Die US-Regierung hat dafür gesorgt, dass zuerst der heimische Markt bedient wird

Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

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Zeigt Joe Biden sein hässliches Gesicht? Offenbart die ebenso erfolgreiche wie eigennützige Impfkampagne der USA, dass der neue Präsident zwar freundlicher im Ton ist, im Kern aber doch nur die nationalistische Politik seines Vorgängers Donald Trump fortsetzt? Wenn man die Klagen aus Berlin und Brüssel über die neue US-Administration hört, könnte man auf diese Idee kommen.

Schon im März schimpfte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn, die USA würden Rohstoffe für die Impfstoffproduktion horten; EU-Ratspräsident Charles Michel sprach sogar von einer »regelrechten Sperre« für den Export von Vakzinen. Daran ist richtig, dass die US-Regierung in den Verträgen mit den Impfstoffherstellern dafür gesorgt hat, dass zuerst der heimische Markt bedient wird. Und mit dem sogenannten Defense Production Act hat die US-Regierung auch ein Instrument in der Hand, um Rohstoffe im Land zu halten.

Während die Europäer noch glaubten, sie könnten bei der Bestellung feilschen (...), setzten die USA alle Hebel in Bewegung.

Was an den Klagen aber verwundert, ist die Blauäugigkeit, die aus ihnen spricht. Die Amerikaner haben die Impfstoffproduktion von Anfang an als das betrachtet, was sie ist: als Frage der nationalen Sicherheit oder, um es deutlicher zu sagen, als eine Entscheidung über Leben und Tod.

Bei all seinen Fehlern und Irrungen hat Donald Trump nicht gezögert, schon im Frühjahr vergangenen Jahres zehn Milliarden Dollar in die Entwicklung und Produktion von Vakzinen zu investieren. Während die Europäer noch glaubten, sie könnten bei der Bestellung feilschen wie bei der Order von Kopierpapier, setzten die USA alle Hebel in Bewegung, um das Land so schnell wie möglich mit einer Impfkampagne aus der Pandemie zu führen.

Joe Biden ist zuerst dem amerikanischen Volk verpflichtet

Ist das nun Impfnationalismus, wie viele in Europa beklagen? Eher umgekehrt: Nur jene politische Naivität, die so kennzeichnend ist für das Brüsseler Biotop, kann zu der Annahme verleiten, dass die USA in so einer existenziellen Frage nicht zuerst an sich denken. Es war ein epochales Versagen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, nicht rechtzeitig genügend Impfstoff bestellt zu haben – und sich gleichzeitig kaum Gedanken darüber zu machen, ob Europa über genügend Produktionskapazitäten verfügt.

US-Präsident Biden: Mit Egoismus wird Biden jeden Kredit verspielen

US-Präsident Biden: Mit Egoismus wird Biden jeden Kredit verspielen

Foto: Stefani Reynolds - Pool Via Cnp / imago images/ZUMA Wire

Es hätte in der Hand der Europäer gelegen, dem Mainzer Pharmaunternehmen Biontech einen europäischen Kooperationspartner zur Seite zu stellen. Stattdessen wird der in Deutschland entwickelte Impfstoff nun von dem amerikanischen Konzern Pfizer produziert – mit dem bekannten Ergebnis.

Joe Biden ist zuerst dem amerikanischen Volk verpflichtet. In der aufgeheizten Atmosphäre Washingtons wäre es einem politischen Selbstmord gleichgekommen, hätte der frisch gewählte Präsident Impfdosen großzügig in der Welt verteilt. Nur ein Autokrat wie Wladimir Putin kann es sich leisten, einen in der Heimat produzierten Impfstoff als Mittel der politischen Diplomatie einzusetzen, während gleichzeitig nur knapp fünf Prozent der Russen vollständig geimpft sind. In den USA sind es inzwischen 29 Prozent.

Das heißt natürlich nicht, dass die USA sich zurücklehnen können, während die Welt von der Pandemie geplagt wird. Biden hat erklärt, dass er bereit ist, die freie Welt wieder anzuführen. Das schließt nackten Egoismus aus. Die USA sind in ihrer Impfkampagne an einem Punkt angelangt, wo es an der Zeit ist, über die nationalen Grenzen hinwegzublicken. Schon jetzt haben viele US-Bundesstaaten Mühe, noch Impfwillige zu finden. Bald wird die US-Regierung Vakzinen in solchen Massen übrighaben, dass das Argument fadenscheinig wird, man müsse noch eine Reserve für Kinder und Jugendliche zurückhalten, die im Moment noch nicht geimpft werden dürfen.

Mit Egoismus wird Biden jeden Kredit verspielen

Zu den großen moralischen Fragen der nächsten Monate wird gehören, wie diese Vorräte verteilt werden. Sollte Biden im Stile Trumps Impfstoff nur deshalb horten, um sich Kritik aus dem rechten Lager zu ersparen, dann wird er zu Recht jeden moralischen Kredit verspielen. Die Vereinigten Staaten haben sich immer dann das Ansehen der Welt erworben, wenn sie Stärke mit Großzügigkeit verbunden haben – etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie mit dem Marshallplan Westeuropa wieder aufgebaut haben, statt es seinem Schicksal zu überlassen. Es wäre fatal, sollten Entwicklungsländer aus der Pandemie die Lehre ziehen, dass man sich in der Not eher auf Moskau und Peking verlassen kann als auf Washington.

Biden hat Indien, wo die Pandemie derzeit am heftigsten wütet , mehrere Millionen Impfdosen versprochen, außerdem Rohmaterialien für die Vakzinenproduktion sowie Masken und Beatmungsgeräte. Das sind die richtigen Prioritäten – auch wenn sich erst noch zeigen muss, was das Versprechen in der Praxis Wert ist. Natürlich kann Biden mit dem bald überschüssigen Impfstoff auch die Partner in Europa versorgen. Aber trotz der Brüsseler Versäumnisse nimmt nun auch in Europa die Impfkampagne langsam Fahrt auf. Es ist deshalb richtig, dass sich Biden auf Länder konzentriert, die sich auf absehbare Zeit nicht selbst helfen können.

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