Covid-19 in den USA Wie Amerikas Rechtsextreme die Coronakrise ausnutzen

Panik stiften, die Gesellschaft spalten, die Wirtschaftskrise zum Rekrutieren nutzen: Rechtsextreme Gruppen in den USA wollen während der Corona-Pandemie ihre Agenda vorantreiben.
"Weiße Nationalisten" bei Ausschreitungen in Charlottesville (August 2017)

"Weiße Nationalisten" bei Ausschreitungen in Charlottesville (August 2017)

Foto: JOSHUA ROBERTS/ REUTERS

Ungewissheit, Isolation, Angst: Die Corona-Pandemie stellt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Sie ist nach Einschätzung von Experten und Behördenvertretern in den USA für rechtsextreme Gruppen aber auch eine Gelegenheit, um Verschwörungstheorien zu verbreiten, Chaos zu säen und zu Gewalttaten aufzurufen.

"Viele von ihnen sehen die USA derzeit in einer Lage, in der das Vertrauen in den Staat abnimmt, hinzu kommt der große wirtschaftliche Abschwung", sagt Joshua Fisher-Birch vom Counter Extremism Project (CEP) dem SPIEGEL.

Die Organisation, Ende 2014 vom früheren US-Senator Joe Lieberman sowie Ex-Regierungsvertretern und Diplomaten gegründet, hat sich der Bekämpfung extremistischer Ideologien verschrieben: vom radikalen Islamismus bis hin zu Neonazi-Gruppen.

Fisher-Birch beobachtet Kanäle und Gruppenchats im Messengerdienst Telegram. Diese werden unter anderem von rechtsextremen Gruppen genutzt, welche die moderne amerikanische Gesellschaft dem Ende nahe wähnen, ihren Zusammenbruch beschleunigen und an ihrer Stelle einen weißen Ehtno-Staat errichten wollen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Ein Mittel, das sie nutzen, um diesen Prozess zu beschleunigen, sind Verschwörungstheorien: Zum Teil würden Chinesen, Amerikaner mit chinesischen Wurzeln oder Asiaten im Allgemeinen für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht, zum Teil Juden oder der Staat Israel, sagt Fisher-Birch.

Das Ziel dieser Art von Hetze: in der Coronakrise Panik stiften. In einem rechtsextremen Kanal mit knapp 1400 Mitgliedern wird das Virus als Teil eines jüdischen Komplotts bezeichnet, das Weiße dazu bringen solle, sich zu Hause einzuschließen, während die Regierung sie entrechte.

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Es wird unter anderem dazu aufgefordert in die Öffentlichkeit zu gehen, selbst wenn man krank sei. Andere Kanäle rufen dazu auf, die Tätigkeit der Nationalgarde zu stören und mit kleinen, selbstgebauten Sprengkörpern für Panik zu sorgen. Auch die Wirtschaftskrise, das zeigen andere Posts, wird als Chance gesehen, um Anhänger zu rekrutieren.

Seitdem soziale Medien wie Facebook und Twitter sowie Googles Videoplattform YouTube verstärkt gegen Hetze und Extremismus vorgingen, sagt Fisher-Birch, habe die Bedeutung von Telegram mit seinen Kanälen und Chatgruppen zugenommen.

Auch hier könne man viele Nutzer erreichen. Fisher-Birch beobachtet nach eigenen Angaben rund 100 Telegram-Kanäle, die dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind. Die größten davon hätten zwischen 3000 und 5000 Mitglieder, kleinere 200 bis 300.

Leere Straßen in Los Angeles: Das Virus als Chance

Leere Straßen in Los Angeles: Das Virus als Chance

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Die Vorgänge, die Fisher-Birch und andere Beobachter verfolgen, haben auch die Behörden auf dem Schirm. Einem Bericht des Senders ABC  zufolge versandte das New Yorker Büro des FBI im März Warnungen an örtliche Polizeibehörden. Demnach riefen rechtsextreme Gruppen Mitglieder, die sich mit dem Virus infizieren sollten, dazu auf, das Coronavirus unter Polizisten und Juden zu verbreiten: "durch Körperflüssigkeiten und persönliche Interaktionen".

Auch das Southern Poverty Law Center warnte Ende März, dass Rassisten und Rechtsextremisten sich durch die Pandemie in ihrem Glauben gestärkt fühlten, die moderne Gesellschaft stehe kurz vor dem Kollaps. Sie hofften, dass die Regierung das Virus nicht unter Kontrolle bekomme, weitere Teile der Bevölkerung dadurch radikalisiert würden und sie selbst dieses Chaos ausnutzen könnten, heißt es in einer Mitteilung der Organisation, die sich dem Schutz von Bürgerrechten und dem Kampf gegen Rassismus verschrieben hat. 

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Ein ähnliches Weltbild scheint einen Mann im US-Bundesstaat Missouri motiviert zu haben, der Ende März getötet wurde. Die Schüsse wurden abgefeuert, als FBI-Beamte versuchten, ihn zu verhaften. Der 36-jährige Timothy Wilson plante laut der Bundespolizei einen Bombenanschlag auf ein Krankenhaus.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Doch das FBI hatte Wilson im Rahmen einer sogenannten Sting-Operation über Monate beobachtet. Die Vorrichtung, die er für eine Bombe hielt und mit der er die Tat begehen wollte, war nach Behördenangaben eine Attrappe des FBI.

Über einen Zeitraum von Monaten, so die Bundespolizei, habe Wilson eine Reihe von Anschlagzielen ins Auge gefasst. Am Ende habe er sich für ein Krankenhaus entschieden - wegen der erhöhten Aufmerksamkeit, die dem Gesundheitssektor infolge der Corona-Pandemie zuteil wird.

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