Schweizer Intensivmediziner schlagen Alarm »Lebensverlängernde Maßnahmen erhalten – oder nicht«

Die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz ist hoch, doch die Politik lehnt strenge Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung ab. Intensivmediziner warnen vor Engpässe in den Kliniken – und formulieren einen drastischen Appell.
Aus Zürich berichtet Charlotte Theile
Passanten in Genf mit Mund-Nasen-Schutz: »Unsere Botschaft war: Es ist 5 vor 12«

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Foto: Salvatore Di Nolfi / dpa

Die Corona-Zahlen in der Schweiz sind seit Wochen hoch, zwischenzeitlich stiegen die Infektionen so schnell wie in kaum einem anderen europäischen Land. Doch während in Frankreich, Griechenland, Österreich oder Tschechien strenge Maßnahmen beschlossen wurden, um den Trend zu brechen, ließen die Schweizer den Dingen weitgehend ihren Lauf. Restaurants, Großraumbüros und Fitnessstudios sind – mit Masken und Schutzkonzepten – weiterhin geöffnet, kleine private Feiern bleiben erlaubt, auch aus finanziellen Überlegungen. Man könne sich keinen »zweiten Lockdown leisten«, erklärte der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer. 

Die Neuinfektionen in der Schweiz gehen inzwischen langsam zurück. Dennoch schlagen Intensivmediziner des Landes Alarm. Anfang der Woche verschickte die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) eine Pressemeldung, die wie ein Hilferuf klang.

Alle 876 zertifizierten Intensivbetten der Schweiz seien belegt, in mehr als 500 dieser Betten liegen Corona-Patienten. Einige mussten zuletzt in einen anderen Kanton oder sogar eine andere Sprachregion verlegt werden, da in ihrer Nähe keine Versorgung mehr möglich war. Es sei nun von »allergrößter Wichtigkeit«, die Pandemie einzudämmen und »nicht dringende Eingriffe und Behandlungen schweizweit zu verschieben, um Qualitätseinbußen in der intensivmedizinischen Behandlung zu verhindern«, heißt es in dem Schreiben.

Finanzminister Ueli Maurer: Die Schweiz könne sich keinen »zweiten Lockdown leisten«

Finanzminister Ueli Maurer: Die Schweiz könne sich keinen »zweiten Lockdown leisten«

Foto: Alex Halada / imago images

In der Aufregung, die auf diese Meldung folgte, erklärten Politiker, dass – noch – alles im grünen Bereich sei: Es gebe eine große Reserve an nicht zertifizierten Intensivbetten, sodass die Behandlung weiter gewährleistet werden könne. 

Antje Heise, Leiterin der Intensivstation am Spital Thun und Präsidentin der Ärzteschaft der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin bestätigt das in einem Telefonat am Donnerstag. Doch Heise schränkt auch ein: Die nicht zertifizierten Intensivbetten seien kurzfristig geschaffen worden und verfügten womöglich nicht über die gleiche fachliche Betreuung, wie diejenigen, die von der SGI zertifiziert worden sind.

»Ich habe bei mir auf der Station auch mehr Betten geschaffen«, sagt Heise. Von der Infrastruktur her sei das kein Problem: Betten und Geräte ließen sich finden. Doch um Patienten intensivmedizinisch zu betreuen, brauche es hoch qualifiziertes Personal. Und dieses Personal ist schon seit Jahren knapp. »Vereinzelt kann man Kräfte aus anderen Stationen und Bereichen hinzuziehen«, sagt Heise. »Aber grundsätzlich gilt: Je mehr Betten ich zusätzlich schaffe, desto mehr leidet die Qualität.«

Mit der Veröffentlichung Anfang der Woche habe man Bevölkerung und Politik aufrütteln und klarmachen wollen, dass die Intensivstationen vielerorts am Limit seien. Die Intensivmedizinerin sagt: »Unsere Botschaft war: Es ist 5 vor 12.« Ob Antje Heise glaubt, dass die Schweiz insgesamt strengere Maßnahmen brauche? »Vor einer Woche hätte ich persönlich gesagt: Ja, das wäre gut. Im Moment sehen wir aber, dass die Neuinfektionen nach unten gehen. Insofern habe ich inzwischen das Gefühl, die Schutzmaßnahmen in der Schweiz reichen vielleicht doch aus.« 

Tatsächlich hat sich die Lage in der Schweiz in der vergangenen Woche etwas entspannt:

  • Während nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit in der ersten Novemberwoche noch mehr als 51.000 neue Infektionen registriert wurden,

  • waren es zwischen dem 9. und dem 15. November knapp unter 40.000 Neuinfektionen.

Die Schweiz lag damit bei 455 Fällen pro 100.000 Einwohner. Ähnlich wie in Deutschland, wo die Inzidenz stets lokal betrachtet wird, steht es auch in der Schweiz den kantonalen Behörden frei, mit härteren Maßnahmen zu reagieren, wenn die Lage vor Ort besonders kritisch ist.

Das war im französischsprachigen Westen des Landes der Fall, wo es Anfang November vielerorts mehr als 1000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gab. Der Kanton Genf etwa hatte Anfang November den Ausnahmezustand ausgerufen, Restaurants, Friseure und Fitnessstudios mussten schließen. Inzwischen gehen auch in Genf die Neuinfektionen zurück.

Ungeachtet des leichten Aufwärtstrends: Der SGI ist es ernst mit ihrer Publikation. Wie ernst, zeigt sich in dem Aufruf, mit dem das Schreiben endet. Dort heißt es, jede und jeder solle sich überlegen, ob er oder sie »im Falle einer schweren Erkrankung lebensverlängernde Maßnahmen erhalten« wolle oder nicht. 

Antje Heise sagt, dieser Hinweis habe auch international für Aufsehen gesorgt. »Eigentlich handelt es sich dabei aber um ein Thema, das uns seit vielen Jahren am Herzen liegt. Wir können heute intensivmedizinisch sehr viel mehr machen als noch vor 20 Jahren – aber wir müssen wissen, ob die Patienten das überhaupt wollen.« Ihre persönliche Beobachtung sei: Viele Patienten, die sich mit dieser Frage beschäftigt hätten, würden für sich keine Maximaltherapie wünschen. 

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