Flüchtlingslager in Griechenland »Wir durchseuchen die Lager langsam, auch wenn das keiner ausspricht«

Zehntausende Migranten leben in Griechenland bis heute ungeimpft in überfüllten Lagern. Nun soll endlich eine Impfkampagne starten – doch mehr als die Hälfte möchte die Spritze nicht.
Flüchtlingslager in Ritsona: Seit Monaten gibt es immer wieder neue Coronafälle

Flüchtlingslager in Ritsona: Seit Monaten gibt es immer wieder neue Coronafälle

Foto: Andreas Tsaknaridis / EPA-EFE
Globale Gesellschaft

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Dass das Virus nun auch bei ihr angekommen war, realisierte Parwana Amiri, als sie am 5. April 2021 eine Kiste mit Reis, Zucker und Dosenfisch in die Hand gedrückt bekam. Das übliche Quarantänepaket für die Bewohner des Camps Ritsona, 20 Kilometer nördlich von Athen. »Kein Öl, kein Mehl«, klagt die 17-Jährige noch heute, »wie soll man davon zwei Wochen lang leben?«

Den ersten Positivtest hatte kurz zuvor die Mutter bekommen, danach folgten der Vater, Parwana und die vier Geschwister. Ihren 30-jährigen Bruder brachte man mit akuter Atemnot ins Krankenhaus. Diagnose: ebenfalls Covid-19. Die Amiris leben mit zwei anderen afghanischen Familien in einer Baracke, das Lager gehört zu den besseren, mit den Zuständen in den griechischen Hotspots ist es kaum zu vergleichen. Und doch ist die Pandemie auch hier eine allgegenwärtige Gefahr, das Abstandhalten nahezu unmöglich. Wer das Virus bekommt, steckt fast zwangsläufig andere an.

Helfer verteilen Hilfsgüter in Ritsona: Die ersten Coronafälle gab es bereits im April 2020

Helfer verteilen Hilfsgüter in Ritsona: Die ersten Coronafälle gab es bereits im April 2020

Foto: YANNIS KOLESIDIS / EPA-EFE

Die ersten Coronafälle gab es in Ritsona bereits im April 2020. Parwana flehte die Öffentlichkeit damals tagelang mit einem selbst bemalten Schild um Hilfe an: »Wir sind nicht sicher hier drinnen«, warnte sie damals am Lagereingang. Medien berichteten über ihren Protest und die Lage im Camp. Doch passiert ist seitdem wenig. Sogar Desinfektionsmittel müssten sie sich immer noch selbst kaufen, klagt Parwana, deren Familie inzwischen als genesen gilt. Ohne Spätfolgen, wie sie hofft. Doch so viel Glück dürften nicht alle haben.

In fast allen Camps gab es zuletzt neue Ausbrüche. Allein am Dienstag verzeichnete Kara Tepe auf Lesbos laut griechischen Medien 18 neue Coronafälle. Bei gerade einmal 322 Tests ergab das eine Positivquote von mehr als fünf Prozent. Wie groß die Dunkelziffer der Infizierten tatsächlich ist, lässt sich nur erahnen.

Im Lager leben mehr als 7000 Menschen. Das Zeltcamp gilt als vollkommen überfüllt und menschenunwürdig, die Lage als am schlimmsten. Es gibt Berichte über Rattenbisse an Kindern und Vergewaltigungen. Im Februar zündete sich eine schwangere Frau selbst an. Die Pandemie ist nur ein weiteres Elend.

»Niemand hält sich an die Quarantäne«

Während im Rest Europas über Urlaubsreisen für Geimpfte diskutiert wird, leben in den griechischen Flüchtlingscamps weiterhin Zehntausende Menschen ungeimpft auf engstem Raum. Die Situation könnte so weitergehen. Nur die Ältesten und am schwersten Erkrankten erhielten bislang eine Impfung.

Dort, wo das Virus entdeckt wird, kommen Betroffene in Quarantänebereiche oder werden wie die Amiris gebeten, selbstverantwortlich für zwei Wochen in ihrer Unterkunft zu bleiben. Geprüft werde das jedoch nicht. »Niemand hält sich an die Quarantäne«, sagt Parwana Amiri. »Es gibt keine Aushänge und kaum Aufklärung. Die Leute können und wollen es nicht verstehen.«

Lager in Kara Tepe: »Wir durchseuchen die Lager langsam, auch wenn das keiner ausspricht«

Lager in Kara Tepe: »Wir durchseuchen die Lager langsam, auch wenn das keiner ausspricht«

Foto: Eurokinissi / ZUMA Wire / imago images

Erst Anfang Mai begannen in den griechischen Camps Vorbereitungen für eine breite Impfkampagne. Seit vergangenem Mittwoch erhielten die ersten Bewohner auf Lesbos nach SPIEGEL-Informationen eine Benachrichtigung: »Diejenigen, die sich gegen Covid-19 impfen lassen möchten, sollen ins Ärztezelt kommen und sich anmelden.« Je ein Erwachsener pro Familie könne sich anstellen, um einen Termin zu vereinbaren und eine vorläufige Sozialversicherungsnummer zu bekommen. Schwangere und Minderjährige sollen auch hier vorerst nicht geimpft werden.

Kein Impfstoff, wenig Vertrauen

Wenn alles klappt, könnten, so heißt es vonseiten der Behörden, die Impfungen in den Camps in zwei Wochen beginnen. Das ist der Plan. Wie er praktisch funktionieren soll, ist jedoch völlig unklar: Aktuell steht noch nicht einmal der Impfstoff fest. Und auch, wenn es ihn bereits gäbe, fänden sich bislang wohl kaum Abnehmer. Nicht einmal die Hälfte der Bewohner hat sich bislang gemeldet, nach SPIEGEL-Informationen lag die Anmeldequote in dieser Woche bei unter 40 Prozent. Sollte es so bleiben, wäre ein gegenseitiger Impfschutz der Bewohner auch in Zukunft nicht möglich.

Das Impfchaos ist das Ergebnis eines monatelangen Zickzackkurses. Die griechische Regierung erklärte sich früh bereit, Geflüchtete mitzuimpfen, und bekam dafür Vorschusslorbeeren von der Weltgesundheitsorganisation. Zugleich leugnete Migrationsminister Notis Mitarakis noch im März, dass für die Bewohner der Camps überhaupt ein besonderes Risiko bestünde: »Die Daten zeigen, dass die Camps mit keinem besonderen Problem bei der Verbreitung von Covid-19 konfrontiert sind.« Deshalb, so der Minister, gebe es »keinen Grund«, die Impfungen in den Lagern zu beschleunigen.

Experten: Ansteckungsrisiko bis zu dreimal so hoch

Eine Diagnose, die Apostolos Veizis noch heute wütend macht. Der Mediziner hat mit anderen Experten anhand von Fallzahlen untersucht , wie groß das Ansteckungsrisiko in den griechischen Flüchtlingslagern wirklich ist. Das alarmierende Ergebnis: Verglichen mit dem Rest der Bevölkerung ist demnach das Ansteckungsrisiko in den Camps auf dem Festland etwa doppelt so hoch. In den Hotspots, auf Inseln wie Lesbos und Samos, sei die Wahrscheinlichkeit einer Covid-Infektion etwa dreimal so hoch.

Tatsächlich räumte die Regierung in der Vergangenheit bereits selbst ein, dass die Verhältnisse in den Camps eine wirkliche Isolation kranker Bewohner kaum zuließen.

»Es ist eine Schande, wie mit diesen Menschen umgegangen wird«, findet Veizis, der für die italienische NGO Intersos arbeitet. »Dass die Lage nicht dramatischer wirkt, liegt nur daran, dass die meisten Fälle wohl unentdeckt bleiben. Wir durchseuchen die Lager langsam, auch wenn das keiner ausspricht«, sagt er.

Marine Berthet, Koordinatorin bei »Ärzte ohne Grenzen« auf Samos, sieht es ganz ähnlich. Wer auch in einer Pandemie täglich dreimal für Essen anstehen müsse, habe keine Chance dem Virus aus dem Weg zu gehen. »Uns fehlen bis heute selbst die Masken«, klagt sie. »In überfüllten Zelten mit zwanzig Personen ist Schutz nicht möglich.«

Bewohner fürchten, dass sie geimpft nach Syrien müssen

Zugleich glaubt sie, dass die Regierung in einem Dilemma stecke. In ganz Griechenland gebe es aktuell etwa 900 Intensivbetten für Covid-Patienten. Um einen Kollaps des maroden Gesundheitssystems zu verhindern, hätten die Behörden die Camps lange Zeit abriegeln müssen. Der Preis dafür sei, dass man die Flüchtlingslager sich selbst überlassen habe und Misstrauen entstanden sei. Daran, sagt Berthet, trage die Regierung durchaus eine Mitschuld.

Bewohner im Camp Promahonas: Eine Corona-Infektion ist laut Experten zwei- bis dreimal wahrscheinlicher als für den Rest der Bevölkerung

Bewohner im Camp Promahonas: Eine Corona-Infektion ist laut Experten zwei- bis dreimal wahrscheinlicher als für den Rest der Bevölkerung

Foto: Panagiotis Balaskas / AP

Bis heute kursieren rund um die Pandemie etliche Verschwörungsgeschichten und Gerüchte. Viele Bewohner fürchten, die Impfung könne sie unfruchtbar machen. Andere, so berichten Helfer auch vom Festland, leben in der Angst, dass sie geimpft schneller abgeschoben werden könnten und zurück in die Hotspots oder nach Syrien und Afghanistan müssten. Die täglichen Erfahrungen in den Camps verstärken Misstrauen und Angst gegenüber den Behörden.

In Ritsona fürchten die Bewohner derzeit, dass der Ausnahmezustand auch nach der Pandemie weitergeht. Seit kurzer Zeit wird eine drei Meter hohe Betonmauer um das Camp errichtet. Dort, wo derzeit noch Kinder und Jugendliche am Zaun spielen, dürfte bald nichts mehr von der Umgebung zu sehen sein. Die Baumaßnahme soll laut griechischen Behörden den Zugang zum Lager regulieren und die Bewohner schützen. Von innen, sagt Parwana Amiri, fühle es sich jedoch wie ein Gefängnis an. »Ich habe Angst, dass unser Lockdown für immer weitergeht.«

Mitarbeit: Giorgos Christides

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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