Experte über Corona-Eindämmung "Die sozialen Folgekosten sind enorm"

Der britische Mathematiker Dr. Thomas House gehört zu den Wissenschaftlern, die das Konzept der "Herdenimmunität" verteidigen. Hier sagt er, warum.
Ein Interview von Jörg Schindler, London
Passagiere in der Londoner U-Bahn: Die Gefahren der Herden-Immunitätsstrategie wurden von Premier Johnson mit dem Spruch "We could take it on the chin" verteidigt

Passagiere in der Londoner U-Bahn: Die Gefahren der Herden-Immunitätsstrategie wurden von Premier Johnson mit dem Spruch "We could take it on the chin" verteidigt

Foto: Justin Setterfield/ Getty Images

9529 Infizierte, 465 Tote: Auch im Vereinigten Königreich geht die Corona-Kurve steil nach oben. Premierminister Boris Johnson hat die 66 Millionen Briten am Montagabend zwar faktisch unter Hausarrest gestellt. Aber Kritiker glauben, das könnte zu spät gewesen sein – mit seinem ursprünglichen Konzept der "Herdenimmunität" habe Johnson zu viel Zeit verstreichen lassen.

Dieses Konzept sah vor, nur Alte und Kranke in eine monatelange Quarantäne zu zwingen, damit der Rest der Bevölkerung sich nach und nach infizieren und so auf Dauer immunisieren könne. Nur noch wenige Wissenschaftler verteidigen diesen Ansatz.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Einer von ihnen ist Thomas House, ein Experte für mathematische Epidemiologie an der Universität Manchester. Der 39-Jährige hat Prognosemodelle erstellt, denen zufolge die nun europaweit praktizierte Kontaktsperre zwischen Menschen womöglich kontraproduktiv sein könnte. House ist sich sicher: Ohne "Herdenimmunität" wird sich die Coronakrise nicht bewältigen lassen.

SPIEGEL: Dr. House, die britische Regierung ist für ihr Konzept, in der Bevölkerung für eine "Herdenimmunität" zu sorgen, massiv angegangen worden. Sie kritisieren die Kritiker. Warum?

House: Weil der derzeitige Versuch, die Ausbreitung des Virus radikal zu unterdrücken, nicht endlos anhalten kann. Wir müssen systematisch darüber nachdenken, wie wir dafür sorgen können, dass die Menschen sich immunisieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir noch in einem Jahr an einem Punkt sind, an dem sich die wenigsten infiziert haben werden. Herdenimmunität  bedeutet das Gegenteil. Boris Johnson hat nur einen schlechten Weg gewählt, dieses Konzept zu erläutern.

SPIEGEL: Inwiefern?

House: Er hat den englischen Ausdruck "We could take it on the chin" benutzt (etwa: "Wir werden's mit Fassung tragen"). Das ist unsensibel und wäre nicht meine Wortwahl. Aber es ist unfair, deshalb das wissenschaftliche Konzept der Herdenimmunität zu kritisieren. Das Ziel ist, die Situation mit einem Minimum an Leid in den Griff zu kriegen.

SPIEGEL: Halten Sie die Auflagen, dass alle Menschen auf Abstand voneinander gehen sollen, für falsch?

House: Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Maßnahmen enorme soziale Folgekosten haben. Und diese Kosten müssen sich in einem vernünftigen Rahmen halten.

"Wir sollten nach China schauen"

SPIEGEL: Von welchen Kosten reden Sie?

House: Nun, wir sind alle Teil eines sehr komplexen Wirtschaftssystems. Für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen müssen bestimmte Bedingungen gegeben sein. Wenn diese Bedingungen nicht mehr existieren, wird es ökonomische und soziale Folgen haben. Wenn wir die Wirtschaft nachhaltig beschädigen, dezimieren wir auch unsere Möglichkeiten, die Menschen gesund und zufrieden zu machen. Je länger der jetzige Zustand anhält, desto mehr werden wir von anfälligen Leuten hören, die zu Hause allein leiden, und von vielem mehr. Das heißt nicht, dass das Gebot, soziale Distanz zu halten, falsch sein muss. Aber wir müssen uns eingestehen, dass es keine perfekte Lösung gibt.

SPIEGEL: In Ihren Prognosemodellen rechnen Sie vor, dass das Virus in verheerender Weise wüten könnte, sobald die jetzigen Maßnahmen wieder aufgehoben werden. Warum?

House: Wenn wir das Virus jetzt sehr hart unterdrücken, wird es sein jetziges Zerstörungspotenzial behalten. Aber die Reserven der Gesellschaft könnten in einer zweiten Distanzierungsphase nachgelassen haben.

"Wir müssen uns eingestehen, dass es keine perfekte Lösung gibt"

SPIEGEL: Sie sprechen von physischen und psychischen Reserven?

House: Zum Beispiel. Aber womöglich auch von wirtschaftlichen Reserven. Ich bin kein Ökonom, aber nehmen wir nur einmal an, dass in einer zweiten Phase die Lagerhallen mit lebensnotwendigen Produkten bereits merklich geleert sein sollten.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

House: Wie gesagt, ich habe auch keine ideale Lösung. Aber wir sollten derzeit ganz genau nach China schauen, wo die Infizierungsraten drastisch nach unten gegangen sind. Es ist möglich, dass sich zahllose Chinesen inzwischen angesteckt haben, was man nicht mitbekommen hat, weil sie keine Symptome entwickelt haben. Dann wäre China nahe dran an einer Herdenimmunität. Vielleicht wird es aber auch dort eine zweite Welle geben. Wir sollten hoffen, dass dem nicht so ist.

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