Coronazahlen in Indien Wenn die Omikron-Welle auf ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen trifft

Durch die Omikronvariante steigen auch in Indien die Infektionen. Erinnerungen an das Frühjahr 2021 kommen zurück, als die Delta-Welle das Land traf. Ein ängstlicher Inder hat sich offenbar elfmal impfen lassen.
Von Maria Stöhr, Bangkok
Seit Anfang Januar stecken sich in Indien wieder sehr viele Menschen mit dem Coronavirus an

Seit Anfang Januar stecken sich in Indien wieder sehr viele Menschen mit dem Coronavirus an

Foto: Bhushan Koyande / Hindustan Times / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Es gibt einen Mann in Indien, Brahmdeo Mandal, 65 Jahre, aus dem Bundesstaat Bihar, der sagt: »Ich habe mich elfmal gegen das Coronavirus impfen lassen.«

Mandal wurde Anfang Januar in einem Impfzentrum gestoppt, als er gerade drauf und dran war, seinen zwölften Shot abzuholen. Die Behörden untersuchen, wie er das geschafft hat: elf Impfdosen abzubekommen. Mandal selbst führt fein säuberliche handschriftliche Notizen zu den Daten, Uhrzeiten und jeweiligen Orten, an denen er sich zwischen Februar und Dezember 2021 eine Covid-Impfdosis erschlichen hatte.

Es gibt inzwischen auch von offizieller Seite die Bestätigung, dass die Zahl von Mandals Impfungen tatsächlich stimmen kann. Ein verantwortlicher Arzt sagte der BBC : »Wir haben Beweise, dass der Mann sich mindestens acht Shots an vier verschiedenen Impfzentren abgeholt hat.«

Ein Extrembeispiel, ganz sicher. Aber Brahmdeo Mandals Angst vor dem Virus und seine Hoffnung, durch die Impfung irgendwie verschont zu bleiben, zeigen, wie tief der Schrecken bei vielen Inderinnen und Indern sitzt, hervorgerufen aus dem vergangenen Frühjahr und Indiens zweiter, der Delta-Welle.

Ende Januar liefern Helfer einen Covidpatienten ins Civil Hospital von Ahmedabad ein

Ende Januar liefern Helfer einen Covidpatienten ins Civil Hospital von Ahmedabad ein

Foto: Ajit Solanki / AP

Im April und Mai 2021 waren schreckliche Bilder aus dem Land um die Welt gegangen. Von Menschen, die auf Krankenhausfluren erstickten, weil kein Sauerstoff mehr da war; Covid-Tote wurden in Massen auf Parkplätzen verbrannt. Ein indischer Intensivmediziner sagte dem SPIEGEL damals : »Wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie das.«

Die Statistik sagt zu Indien: knapp 500.000 Coronatote bisher. Mit 41 Millionen Infizierten haben sich im weltweiten Vergleich nur in den USA mehr Menschen mit dem Virus angesteckt. Die Dunkelziffer dürfte aber viel höher liegen , allein bei der Zahl der Toten: Die Rate der Übersterblichkeit im Land liegt in der Zeitspanne der Pandemie bei drei Millionen.

Was kann die Omikronvariante anrichten in dem Land mit seinen 1,4 Milliarden Menschen?

Seit Januar nun sind die Infektionszahlen wieder extrem steil angestiegen. Zwar sind die Neuinfektionen binnen 24 Stunden seit einigen Tagen leicht rückläufig. Das Gesundheitsministerium meldete am Sonntag 234.281 Neuansteckungen; während der heftigen Delta-Welle 2021 wurden in Höchstzeiten um die 400.000 Tagesneuinfektionen gemeldet. Dennoch sieht die Kurve bedrohlich ähnlich aus wie jene aus dem Frühling 2021. Und dass der Omikron-Trend bereits gestoppt sein könnte, davon geht aktuell noch niemand aus.

Vor allem auch deshalb, weil im Februar und März Wahlen in fünf Bundesstaaten anstehen. Einer davon ist Uttar Pradesh, der bevölkerungsreichste des Landes. 200 Millionen Menschen leben darin, knapp halb so viele wie in der gesamten Europäischen Union. Auch der vernichtenden zweiten Welle waren Wahlen in fünf Bundesstaaten vorausgegangen, dazu kamen riesige religiöse Versammlungen wegen des hinduistischen Pilgerfestes »Kumbh Mela« am Ufer des Ganges. All das hatte die Ansteckungen damals massiv in die Höhe getrieben.

Expertinnen und Experten befürchten, dass sich die Wahlen auch diesmal zu Superspreader-Events entwickeln könnten. Obwohl verboten, haben Parteien bereits Wahlkampfveranstaltungen abgehalten, zu denen massenhaft Anhänger kamen.

Bislang scheint die Zahl der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle auch in Indien in der dritten Welle viel niedriger zu sein als in der zweiten, als noch die wenigsten im Land geimpft waren.

Indien hat, was die Immunisierung angeht, in den vergangenen Monaten stark aufgeholt. Drei von vier Erwachsenen haben laut dem indischen Gesundheitsministerium inzwischen eine zweite Coronaimpfung erhalten, 95 Prozent der Über-18-Jährigen laut Gesundheitsminister Mansukh Mandaviya  zumindest eine Dosis.

Premierminister Narendra Modi schrieb am Sonntag auf Twitter: »Ich gratuliere unseren Mitbürgern zu dieser bedeutenden Leistung.« Die meisten Menschen haben die Vakzinen von AstraZeneca oder den lokalen Impfstoff Covaxin verabreicht bekommen. Beide werden im Land produziert.

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Seit etwa zwei Wochen werden »precaution doses« verteilt – Booster, zunächst an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen, bei der Polizei oder Armee sowie an gefährdete über 60-Jährige.

Jedoch: Die Impfquoten sind je nach Bundesstaat extrem ungleich. So sind in Bihar, dem Bundesstaat von Extrem-Impfling Mandal, inzwischen 50 Prozent der Menschen vollständig immunisiert. Das heißt auch: Omikron könnte verschiedene Teile des Landes unterschiedlich stark treffen.

Schulkinder in Mumbai nach der Wiedereröffnung des Präsenzunterrichts, Januar 2022

Schulkinder in Mumbai nach der Wiedereröffnung des Präsenzunterrichts, Januar 2022

Foto: INDRANIL MUKHERJEE / AFP

Bereits im August hatte der indische Immunologe Satyajit Rath darauf hingewiesen, dass es wenig Sinn ergebe bei einem so großen, so diversen Staat wie Indien, das ganze Land in einer Statistik zusammenzufassen. Oder in einer Infektionskurve: »Das Bild einer Welle tut so, als würden Infektionen landesweit gemeinsam steigen und danach wieder überall fallen. Aber so funktionieren diese Ausbrüche nicht. Sie finden in verschiedenen Teilen des Landes statt. In verschiedenen sozialen Gruppen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Kleinere, größere.«

In ländlichen Gebieten Indiens werde viel weniger getestet. Es könne sein, dass irgendwo auf dem indischen Land ein Ausbruch stattfände, der in den aktuellen Statistiken nicht auftauche.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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