Kubas Gesundheitssystem auf dem Prüfstand Sozialismus unter Quarantäne

Kubanische Ärzte kämpfen in Italien und Andorra gegen das Coronavirus, Pfleger und Krankenschwestern bereiten sich auf den Einsatz in Deutschland vor. Doch die größte Herausforderung wartet in der Heimat.
Von Jens Glüsing Rio de Janeiro
Mit Castro gegen Corona: Kubanische Ärzte vor dem Abflug nach Italien

Mit Castro gegen Corona: Kubanische Ärzte vor dem Abflug nach Italien

Foto: Ismael Francisco/ dpa

In normalen Zeiten sieht man oft Touristen durch Havannas Stadtteil El Carmelo streifen. In der Gegend zwischen dem Malecón, der berühmten Strandpromenade, und dem Rio Almendares liegen zahlreiche Restaurants und Cafés, der nahe Platz der Revolution mit dem berühmten Porträt des Che Guevara ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Das ist vorbei: El Carmelo gilt neuerdings als Risikogebiet. Hier sind nach Angaben der Behörden so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert wie in keinem anderen Bezirk der kubanischen Hauptstadt. Und das liege vor allem an der häufigen Anwesenheit von Ausländern. Vergangenen Donnerstag verhängte die Regierung deshalb eine Quarantäne über den Stadtteil.

Die 27.000 Einwohner dürfen das Viertel nur noch mit Sondergenehmigung betreten oder verlassen und müssen sich einem Virustest unterziehen. Anwohner berichten allerdings, dass die Straßensperren schon nach einem Tag wieder abgebaut wurden. So streng wie angekündigt wird die Abriegelung offenbar nicht gehandhabt.

Bewährungsprobe für Kubas Gesundheitssystem

Dennoch ist es die bislang härteste Maßnahme der kubanischen Regierung gegen das Virus. Knapp 726 Menschen sind auf der Insel offiziellen Angaben zufolge mit dem Virus infiziert, 21 sind bislang an den Folgen von Covid-19 gestorben (Stand Dienstagmittag). Unter ihnen sind mehrere Ausländer, die das Virus vermutlich eingeschleppt haben. Die Regierung hat deshalb eine totale Einreisesperre für Touristen verhängt. Wer keinen Rückflug in seine Heimat bekommen hat, wurde in Hotels unter Quarantäne gestellt und darf das Gelände nicht verlassen, bis die Rückreise organisiert ist.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Coronakrise ist eine Bewährungsprobe für Kubas Gesundheitssystem, das bislang als Aushängeschild der sozialistischen Regierung galt.

"Das kubanische Gesundheitssystem ist auf die Coronakrise besser vorbereitet als jedes andere in Lateinamerika, weil die Maßnahmen einer militärischen Logik folgen", sagt Bert Hoffmann, Kuba-Experte am Giga-Institut in Berlin. Erfahrungen mit Hurrikankatastrophen und Epidemien wie dem Zikavirus hätten dazu beigetragen, dass die Insel für die Pandemie besser gewappnet sei als viele Nachbarländer. "Ein zentralistischer Staat wie Kuba kann drastische Maßnahmen schnell und ohne großen Widerstand verhängen, etwa wenn er ganze Regionen oder Bevölkerungsgruppen unter Quarantäne stellt", sagt Hoffmann.

Aber reicht das aus, um die Bevölkerung gegen Corona zu rüsten? Kuba hat mit strukturellen Problemen zu kämpfen, die die Verbreitung des Virus begünstigen könnten: Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sind älter als 60 Jahre. Viele Senioren leiden unter Vorerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck.

Pandemie kommt zu einem kritischen Zeitpunkt

Hinzu kommt, dass die Pandemie das Land in einem extrem kritischen Moment trifft: Schon vor dem Corona-Ausbruch versank Kuba in einer tiefen Wirtschafts- und Versorgungskrise. Vor den Staatsläden stehen die Menschen oft stundenlang an. Treibstoff ist knapp, weil Venezuela weniger Öl zu Vorzugspreisen liefert.

In vielen Häusern gibt es kein fließendes Wasser, Seife ist knapp, vor allem in der Altstadt von Havanna leben oft mehr als zehn Menschen in einer einzigen Wohnung. Viele Kleinunternehmer und Privatrestaurants, die von der vorsichtigen Öffnung der Wirtschaft der vergangenen Jahre profitiert hatten, stehen jetzt vor dem Nichts. "Die moderaten Marktöffnungen, die der frühere Präsident Raúl Castro mit seinen Reformen betrieben hatte, werden voraussichtlich nach und nach einer Notstandswirtschaft weichen, die auf der zentralen Verteilung von Gütern basiert", schreibt das Analyseinstitut Oxford Analytics.

Warteschlange vor Staatsladen in Havanna: Das Virus trifft das Land mitten in der Wirtschaftskrise

Warteschlange vor Staatsladen in Havanna: Das Virus trifft das Land mitten in der Wirtschaftskrise

Foto: ALEXANDRE MENEGHINI/ REUTERS

Einnahmequellen versiegen

Der Tourismus, eine wichtige Devisenquelle, war schon vor der Coronakrise eingebrochen. Kubas Tourismusmanager hatten auf einen Zustrom von US-Amerikanern gehofft, nachdem Donald Trumps Amtsvorgänger Barack Obama Reiseerleichterungen für US-Bürger verhängt hatte. Doch Trump hat viele dieser Maßnahmen zurückgenommen und die Wirtschaftssanktionen verschärft. Die Corona-Epidemie hat jetzt auch den Tourismus aus Kanada, Europa und Lateinamerika zum Erliegen gebracht.

Auch die wichtigste Einkommensquelle des Landes ist in den vergangenen Jahren geschrumpft: die Entsendung von Ärzten ins Ausland. Kuba lässt sich in den reicheren Ländern den Einsatz der Mediziner in Devisen vergelten, arme Nationen brauchen nichts zu bezahlen.  

Bis vor wenigen Jahren waren Zehntausende kubanische Ärzte in mehr als 40 Ländern im Einsatz, darunter Portugal und viele Schwellenländer. Allein in Brasilien arbeiteten während der Regierungszeit der linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff zeitweise mehr als 15.000 kubanische Mediziner.

Als der rechtsextreme Populist Jair Bolsonaro an die Macht kam, zog Kuba seine Ärzte ab. Auch in Bolivien, wo kubanische Ärzte während der Amtszeit des linken Präsidenten Evo Morales mehr als 700.000 Menschen kostenlos am grauen Star operiert hatten, kündigte die rechte Interimspräsidentin Jeanine Anez das Abkommen mit den Kubanern auf.

In diesem Feldkrankenhaus in Italien werden die kubanischen Ärzte Corona-Patienten behandeln. Die Mediziner von der Insel sind Kriseneinsätze gewohnt

In diesem Feldkrankenhaus in Italien werden die kubanischen Ärzte Corona-Patienten behandeln. Die Mediziner von der Insel sind Kriseneinsätze gewohnt

Foto: Matteo Corner/EPA-EFE/Shutterstock

Das Comeback der kubanischen Ärzte

Das wird sie womöglich noch bereuen: Angesichts der Corona-Epidemie wächst in aller Welt das Interesse an den kubanischen Ärzten. In Italien und Andorra sind bereits Kubaner gegen Corona im Einsatz; Mexiko und Argentinien haben Interesse bekundet. Brasiliens Bolsonaro will rund 1500 kubanische Mediziner, die im Land geblieben sind, wieder anstellen. Viele schlagen sich als Straßenhändler oder Kellner durch, weil ihre Diplome in Brasilien derzeit nicht anerkannt werden.

In Deutschland gibt es seit einem Jahr Kontakte zwischen Berlin und Havanna zur Entsendung von Pflegekräften, die ersten Interessenten büffeln bereits Deutsch. "Die Notsituation wegen Corona hat dazu geführt, dass jetzt auch über die Entsendung von Ärzten nachgedacht wird", sagt Gunther Neubert, der Vertreter der deutschen Handelskammer in Havanna.

Kubanische Ärzte genießen weltweit einen guten Ruf: "Kuba hat viele Ärzte mit Krisenerfahrung", sagt Neubert. Sie haben unter anderem bei der Bekämpfung des Ebolavirus in Westafrika mitgearbeitet, bezahlt wurde der Einsatz von der Weltgesundheitsorganisation. 256 kubanische Mediziner waren in Sierra Leone, Liberia und Guinea im Einsatz.

Improvisation ist gefragt: Kubaner basteln sich ihren Mundschutz selbst

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Foto: Ramon Espinosa/ dpa

"Das kubanische Gesundheitssystem ist auf Prävention angelegt"

Davon könnte auch das eigene Volk profitieren. "Das kubanische Gesundheitssystem ist auf Prävention angelegt, das hilft bei der Corona-Bekämpfung", sagt Neubert. Die Regierung wartet nicht ab, wie sich die Krankheit entwickelt, sondern schickt Medizinstudenten von Haus zu Haus, um zu sehen, ob jemand Symptome zeigt.

Der Erfolg des kubanischen Gesundheitssystems basiert auf dem flächendeckenden Einsatz der sogenannten Familienärzte: In jedem Viertel gibt es Mediziner, die systematisch den Kontakt zu den Anwohnern pflegen. "Es gibt intensive Gespräche zwischen Arzt und Patient", sagt Neubert.

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Das Modell ist so erfolgreich, dass es von vielen Ländern übernommen wurde. Kritik an der kubanischen Gesundheitspolitik entzündet sich denn auch nicht an dem Gesundheitssystem an sich, sondern an der Kommerzialisierung des Ärzteexports. US-Präsident Trump und Brasiliens Präsident Bolsonaro sehen in den kubanischen Medizinern im Ausland "Sklaven in Weiß". Sie argumentieren, dass der Staat den größten Teil der Gehälter einbehält.

"Die Bezahlung der ins Ausland entsandten Ärzte ist nicht transparent", sagt Kuba-Experte Hoffmann. Für die Mediziner bleibe der kubanische Staat der Arbeitgeber, nicht das Land, in dem sie eingesetzt würden. "Die Regierung argumentiert, dass der Staat für die Ausbildung und Logistik aufgekommen ist, was ja auch plausibel ist", sagt Hoffmann.

Propagandaerfolg für die sozialistische Regierung

Die Entsendung der Ärzte bringt nicht nur begehrte Devisen in die Staatskasse, sie ist auch ein riesiger Propagandaerfolg für die sozialistische Regierung. Auf dem Flughafen von Mailand wurden die Kubaner mit Applaus und Gesängen begrüßt.

Doch entschieden wird die Corona-Schlacht im eigenen Land. Kuba gibt zwar Angaben der Weltgesundheitsbehörde zufolge mehr Geld pro Kopf für das Gesundheitssystem aus als jedes andere lateinamerikanische Land, es verfügt auch über die meisten Krankenhausbetten pro Einwohner. Ärzte und Pflegepersonal gibt es ebenfalls reichlich. Vor allem im Landesinnern sind die Kliniken jedoch oft veraltet und unzureichend ausgestattet. Über die Anzahl der Beatmungsgeräte und die Ausstattungen der Intensivstationen ist wenig bekannt.

Eines haben die Kubaner jedenfalls Europa und den USA voraus: In Jahrzehnten der Mangelwirtschaft haben sie gelernt zu improvisieren. An Schutzmasken mangele es deshalb in Havanna nicht, berichten Anwohner: Die nähen sie in Heimarbeit aus alten Hemden und Gardinen.

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