Russische Studenten im Corona-Einsatz Putins letzte Reserve

Präsident Putin hat das russische Gesundheitswesen zusammengekürzt. Das rächt sich in der Coronakrise: Es fehlen Ärzte und Pfleger. In den Krankenhäusern springen Studenten ein.
Ärzte und Pfleger machen sich bereit für den Einsatz auf einer Corona-Station in einer Moskauer Klinik

Ärzte und Pfleger machen sich bereit für den Einsatz auf einer Corona-Station in einer Moskauer Klinik

Foto: Yuri Kadobnov/ AFP

Die Patienten husten, fiebern, die meisten sind bereits positiv auf Covid-19 getestet worden. Manche brauchen sofort ärztliche Hilfe, wenn die Atemnot groß ist. Dann hilft Nikita Skitschko dem Arzt, sie an das Sauerstoffgerät zu schließen.

Skitschko ist 22 Jahre alt, studiert Zahnmedizin im fünften Jahr. Mehrmals die Woche ist er jetzt auf einer Aufnahmestation eines Moskauer Krankenhauses im Corona-Einsatz - freiwillig, wie Tausende Medizinstudentinnen und -studenten im Land. Hunderte helfen allein in Moskau in den Kliniken.

Die Zahl der Coronakranken wächst weiter, liegt bei offiziell rund 86.000, die Dunkelzimmer dürfte um einiges höher sein. In Russland gibt es inzwischen mehr aktive Krankheitsfälle  als in Deutschland. In der Hauptstadt, dem Hotspot mit über der Hälfte aller Infizierten, stieg die Zahl zuletzt etwas langsamer. Allerdings meldeten die Krankenhäuser mehr Covid-19-Patienten: Waren es vergangene Woche noch 1300 Menschen durchschnittlich am Tag, sprachen die Behörden Ende dieser Woche von schon 2000.

Wladimir Putin in seiner Residenz bei Moskau, von hier aus führt er per Videoschalte Russland

Wladimir Putin in seiner Residenz bei Moskau, von hier aus führt er per Videoschalte Russland

Foto: Alexei Druzhinin/ SPUTNIK/ REUTERS

Skitschko, Student an der Universität der Völkerfreundschaft Russlands, unterstützt Ärzte und Schwestern in der Kommunarka, jenem neuen Vorzeigekrankenhaus im Südwesten von Moskau, spezialisiert auf Corona-Kranke. Wladimir Putin besuchte dort im gelben Schutzanzug Infizierte.

Kurz danach meldete sich der Präsident erstmals Ende März zu Corona zu Wort, von einer Epidemie wollte man da im Kreml noch nichts wissen. Dabei stiegen die Fallzahlen stark an, es war klar, dass Betten und medizinisches Personal in Russland nicht ausreichen würden. Schon damals forderte Putin die Behörden dazu auf, auch Medizinstudenten bei der Behandlung von Patienten einzusetzen.

Nikita Skitschko (r.) in der Kommunarka-Klinik mit einem anderen Freiwilligen

Nikita Skitschko (r.) in der Kommunarka-Klinik mit einem anderen Freiwilligen

Foto: Nikita Skitschko

Hunderttausende Stellen gekürzt

Putin, der nicht von der Macht lässt und der sich den Russinnen und Russen als der einzig wahre Stabilitätsgarant zu verkaufen versucht, betonte zuletzt zu Ostern in einer Videoansprache vor dem Kamin: "Die Situation ist unter vollständiger Kontrolle."

Doch ist sie das? In Moskau fehlt in den Corona-Krankenhäusern überall Personal. Premier Michail Mischustin will nun auf Bitten von Bürgermeister Sergej Sobjanin per Erlass Medizin-Studierende des vierten und fünften Studienjahres zum Arbeitseinsatz in die Kliniken schicken. Dort sollen sie in der Praxis erfahren, "was echte Medizin ist", wie es Sobjanin ausdrückte, Putins Corona-Krisenmanager.

Putin wirkt in diesen Wochen seltsam entrückt und zögerlich. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass das Coronavirus allzu deutlich offenlegt, was unter seiner Führung vom Gesundheitssystem übrig geblieben ist. "Es wurde mehr oder weniger zerstört", sagt Semjon Galperin, der Vorsitzende der "Liga zum Schutz der Ärzte".

Am Limit

Seit 2012 ließ Putin das Gesundheitswesen einer sogenannten Optimierung unterziehen. Ziel war es, das aus Sowjetzeiten vererbte System zu modernisieren. Milliarden Rubel flossen - doch verbessert hat sich wenig. Die Reformen fielen kaum effektiv aus, Korruption grassierte, die Bürokratie ist immens. Nun fehlen nicht nur Zehntausende Betten. Auch gibt es viel zu wenige Mediziner, Pflegerinnen und Pfleger. Allein 6200 Stellen von Infektionsärzten fielen seit 2013 weg, Hunderttausende beim Pflegepersonal.

Das System sei "sehr anfällig für solch einen starken Anstieg der Belastung", sagt Andrej Klepatsch, Chefökonom des WEB.RF, einer staatlichen Entwicklungsgesellschaft. "Reserven gibt es nicht", sagt Galperin. Alle arbeiteten an der Belastungsgrenze. Bilder von Schlangen von Krankenwagen mit Patienten vor einem Moskauer Krankenhaus machten die Runde. "Die Führung mobilisiert jetzt jeden, der möglich ist - auch Studenten."

Putin bei seiner Osteransprache

Putin bei seiner Osteransprache

Foto: Alexei Druzhinin / SPUTNIK/ AFP
Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Vor Erschöpfung in Tränen ausgebrochen"

Fast vier Wochen hilft Darja Zudina, Studentin im vierten Jahr an der Pirogowki-Universität, Krankenpflegern. Sie schließt Infusionen an, versorgt Patienten mit Antibiotika und Malaria-Mitteln, das gegen Covid-19 eingesetzt wird. "Als ich anfing, gab es viel zu wenig Personal, gerade einmal eine Krankenpflegerin für 20 Patienten."

Die ersten beiden Wochen arbeitete sie praktisch durch, täglich, zwölf Stunden lang. Inzwischen legt sie Pausentage ein: "Ich wurde müde, habe verstanden, dass das noch lange mit Corona gehen wird und ich meine Kräfte einteilen muss. Ich studiere ja auch noch." Manchmal bleibe einfach keine Zeit für Pausen: "Du rennst und rennst", sagt Zudina: "Es lohnt sich oft nicht, die Schutzkleidung auszuziehen, um zu essen, und wieder neue anzulegen."

Studentin Darja Zudin: "Du rennst und rennst"

Studentin Darja Zudin: "Du rennst und rennst"

Foto: Darja Zudina

Meri Tschobanjan, 23 Jahre, unterstützt Ärzte und Krankenpflegepersonal im Filatowa Krankenhaus in Moskau. "Du bist zwölf Stunden auf den Beinen, kannst dich nicht mal hinsetzen", bestätigt die Studentin von der Ersten Moskauer Medizinischen Universität Setschenow. "Nach der zweiten Schicht konnte ich einfach nicht mehr, bin vor Erschöpfung in Tränen ausgebrochen. Die Schutzbrille hatte sich auf meinem Nasenrücken bis zum Knochen durchgedrückt." Jeder Patient, der gesund entlassen werde, sei ein "Sieg des ganzen Teams", sagt sie. Drei seien es im Schnitt immerhin pro Schicht, bei mehr als 60 Patienten auf der Station.

Einsatz in den roten Zonen

Während in den meisten Regionen Medizinstudenten nicht direkt mit Corona-Kranken arbeiten, werden sie in Krankenhäusern von Moskau, Sankt Petersburg und Krasnojarsk auch in den sogenannten roten Zonen eingesetzt.

Allerdings war ihr Einsatz gesetzlich nicht geregelt, Anfang April verbot das Gesundheitsministerium plötzlich die Arbeit der Freiwilligen mit Covid-19-Patienten. Medizinstudenten mussten für einen Tag die Stationen verlassen - Kliniken intervenierten. Nun geben die Krankenhäuser den Freiwilligen Verträge, sie erhalten symbolische 700 Rubel, rund neun Euro, im Monat. "Das Wichtigste ist, dass die Studierenden jetzt wie alle Mitarbeiter abgesichert sind, falls sie etwa erkranken", sagt Daria Belimowa, Koordinatorin bei der Gruppe Freiwillige Mediziner. Bisher sei das zum Glück nicht passiert.

Keine Tests

Schutzkleidung gebe es ausreichend, berichteten alle Freiwilligen. Mit sechs von ihnen sprach der SPIEGEL in Sankt Petersburg und Moskau ausführlich, die jüngste ist 18 Jahre alt. Die wenigsten wurden aber seit ihren Krankenhauseinsätzen auf Corona getestet: gerade einmal eine Freiwillige.

Dabei steigt die Zahl der infizierten Mediziner stark. "Das Risiko ist groß", warnt Galperin von der "Liga zum Schutz der Ärzte".

Im Veteranenkrankenhaus Nummer drei in Moskau erkrankten einem Medienbericht zufolge Dutzende Mitarbeiter. Ein Arzt ist gestorben. Nikolaj Zolotow von der Ersten Moskauer Medizinischen Universität Setschenow, 22 Jahre alt, arbeitet auch nachts in der Klinik, hilft Ärzten und Pflegern, ihre Schutzkleidung an- und auszuziehen. "Ich bin allein. Ein, zwei Freiwillige mehr würden die Arbeit leichter machen." Angst, sich mit Covid-19 anzustecken, habe er nicht, sagt Zolotow, er sei ja noch jung.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die meisten Studenten sorgen sich, andere zu infizieren - vor allem ihre Eltern, bei denen viele leben. Wie Nikita Skitschko. Gerade beim Ablegen der Schutzkleidung müsse man aufpassen, sagt er: "Du musst immer wachsam sein, darfst keinen falschen Handgriff machen."

Angst sei immer da, die Verwandten womöglich zu gefährden, so Meri Tschobanjan. "Aber sehr viel hängt von einem selbst ab." Sie werde immer wieder gefragt, warum sie das alles mache. "Ich sehe es als meine Pflicht an, zu helfen. Wenn ich es nicht mache, wer dann?"

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.