Schwedens Corona-Stratege im Interview "Schulen zu schließen, ist überflüssig"

Johan Carlson ist Generaldirektor der schwedischen Behörde für Volksgesundheit. Er erklärt, warum sein Land gegen den Lockdown war und nun wahrscheinlich weniger Angst vor einer zweiten Welle haben muss als die Nachbarn.
Aus Stockholm berichtet Dietmar Pieper
Johan Carlson, Generaldirektor der schwedischen Behörde für Volksgesundheit

Johan Carlson, Generaldirektor der schwedischen Behörde für Volksgesundheit

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Stefan Bladh/ DER SPIEGEL

Schweden hat in der Popmusik, im Sport, in der Mode- und Möbelindustrie häufig Stars und Weltmarken hervorgebracht, weltweit setzt sich die Stockholmer Regierung für Gleichberechtigung und Menschenrechte ein. Aber während der Coronakrise stehen die Skandinavier im Blickpunkt wie noch nie. Vor zwei Monaten begab sich das Land auf einen Sonderweg, die Bewohner waren geringeren Einschränkungen unterworfen als die Menschen fast überall sonst.

Neben Bewunderung für den schwedischen Weg gab es auch harte Kritik, vor allem weil die Sterberate durch Covid-19 deutlich höher liegt als bei den nordischen Nachbarn und in Deutschland. Der Mann, der einen großen Teil der Verantwortung für diese Strategie trägt, ist kein gewählter Politiker, sondern ein Experte im Staatsdienst: Johan Carlson, ein weißhaariger Wissenschaftler von 66 Jahren, leitet seit 2014 die damals gegründete Behörde für Volksgesundheit ("Folkshälsomyndigheten").

SPIEGEL: Herr Carlson, am 30. Januar rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die höchste Alarmstufe aus, eine "gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite". Dennoch gingen Sie anschließend davon aus, dass für Schweden kaum Gefahr durch das Virus bestehen würde. Warum?

Carlson: Wir und andere hatten zu Beginn das Ziel, die Krankheit einzudämmen und ihre Ausbreitung im Land zu verhindern. Wir waren zudem davon überzeugt, dies erreichen zu können, solange die Epidemie sich nicht zu einer wirklichen Pandemie ausweiten würde. Diese Strategie war erfolgreich, bis der große Ausbruch in Italien stattfand. Der italienische Ausbruch veränderte in dieser Hinsicht alles und machte aus der Krankheit eine Pandemie mit dem Epizentrum Europa. Für uns war dies natürlich eine Überraschung, so wie für alle anderen europäischen Länder. Deshalb haben wir unsere Herangehensweise am 10. März von Eindämmung auf Abschwächung verändert.

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