Serbien, Mazedonien, Kroatien Warum die Pandemie den Balkan so hart trifft

Österreich hat eine Reisewarnung für den Westbalkan ausgesprochen. Lange blieb die Region weitgehend verschont von der Pandemie, nun steigen die Covid-Infektionen dramatisch. Woran liegt das?
Vor dem Belgrader Tropenkrankenhaus warten Menschen auf einen Corona-Test

Vor dem Belgrader Tropenkrankenhaus warten Menschen auf einen Corona-Test

Foto: Oliver Bunic/ AFP

Er sei sich bewusst, sagte der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg, dass das keine leichte Entscheidung sei, man sei ja auch menschlich so eng mit dem Balkan verbunden. Aber die Corona-Situation in Europa gleiche derzeit einer "sehr fragilen Porzellankiste".

Österreich verhängte am Mittwoch die höchste Reisewarnstufe für die Länder des Westbalkan. Lange sah es so aus, als bliebe die Region vergleichsweise verschont von der Pandemie. Doch nun steigen die Neuinfektionen dort dramatisch:

  • in Serbien im Vergleich zur Vorwoche um 125 Prozent,

  • in Bosnien-Herzegowina um 75 Prozent,

  • in Kroatien gar um 232 Prozent.

Mit diesen Zahlen begründet die Regierung in Wien die Sicherheitsstufe sechs für Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Albanien und Kosovo. Österreicher, die sich noch in den entsprechenden Ländern aufhielten, sollten "dringend" das Land verlassen. Wer zurückkehrt, muss sich in 14-tägige Quarantäne begeben, oder aber einen negativen Covid-19-Test vorweisen. Man fürchte, so der Außenminister, dass sich Urlauber in der Balkanregion anstecken und das Coronavirus wieder nach Hause schleppen könnten.

In einer gemeinsam beschlossenen EU-Empfehlung von dieser Woche wurde den Mitgliedstaaten empfohlen, die Einreiseverbote in 14 Drittstaaten aufzuheben - darunter auch Serbien und Montenegro.

Woher kommen die hohen Zahlen so plötzlich?

Man kann am Balkan nicht von einer zweiten Welle sprechen. Das Coronavirus kommt dort einfach verzögert an. Die Regierungen haben, weil sie um ihre schwachen Gesundheitssysteme wissen, früh einen harten Lockdown verordnet, und hielten die Zahlen so lange auf einem niedrigen Niveau. In den vergangenen Wochen dann gaben sie dem Druck von Wirtschaft und Bevölkerung nach, in einigen Ländern standen außerdem Wahlen an.

In Serbien etwa nannte ein führender Lungenfacharzt das Coronavirus noch im Februar das "lustigste Virus der Weltgeschichte", Präsident Aleksandar Vucic machte Witze über Covid-19. Dann die Kehrtwende: Grenzen und Flughäfen wurden geschlossen, genauso Schulen, Restaurants und Einkaufszentren. Menschen über 65 durften ihre Wohnungen nicht verlassen, für alle anderen galt eine nächtliche Ausgangssperre. Soldaten patrouillierten mit Sturmgewehren in den Straßen.

Volle Zuschauerränge bei Novak Djokovic' Adria-Tour in Belgrad Mitte Juni

Volle Zuschauerränge bei Novak Djokovic' Adria-Tour in Belgrad Mitte Juni

Foto:

Darko Vojinovic/ AP

So strikt der Lockdown war, so umfassend waren die Lockerungen: Anfang Juni fanden wieder Massenveranstaltungen wie das Belgrader Fußballderby statt. 20.000 Zuschauer wohnten dem Spiel bei, von Mindestabstand keine Spur.

Serbiens wohl bekanntester Bürger, Tennisstar Novak Djokovic, lud zu einem Charity-Turnier. Die Sportler posten in inniger Umarmung; Videos in sozialen Medien zeigen einige von ihnen beim Feiern. Wenig später gab Djokovic bekannt, dass er sich angesteckt hatte.

"Die Straßen sind voll, die Plätze in den Restaurants bis auf den letzten Platz gefüllt. Als hätte es Corona nicht gegeben."

Die Journalistin Saska Cvetkovska über die Lage in Nordmazedonien

Die Regierung in Belgrad, so der Epidemiologe Zoran Radovanović, habe den Lockdown von heute auf morgen aufgehoben - damit im Juni die Wahlen stattfinden konnten. "Nach der Wahl konnten wir einen weiteren Corona-Anstieg beobachten", sagt er. Radovanović war 1972 maßgeblich an der Bekämpfung eines Pockenausbruchs in der Region beteiligt.

Er drängt darauf, das öffentliche Leben in Serbien wieder zurückzufahren, das Gesundheitssystem sei einem großen Ausbruch nicht gewachsen. "Aus meiner Sicht sollten Festivals und ähnliche Aktivitäten nicht stattfinden", sagt der Mediziner. Doch er glaubt nicht daran, dass das öffentliche Leben noch einmal ausgebremst werden kann: Die serbische Wirtschaft könne einem weiteren Lockdown nicht mehr standhalten.

Volle Restaurants in Nordmazedonien

"In Nordmazedonien sind die Straßen voll, die Plätze in den Restaurants bis auf den letzten Platz gefüllt", sagt die Journalistin Saska Cvetkovska, "ganz so, als hätte es Corona nicht gegeben." Seit drei, vier Wochen steigen die Corona-Fälle in dem Land, sagt sie.

Die Regierung habe den Lockdown plötzlich aufgehoben - vor allem, um dem Wählerwillen zu genügen. Denn: Am 15. Juli wird in dem Land gewählt. Bis dahin hätten strenge Ausgangsbeschränkungen gegolten, die Leute seien ungeduldig geworden und besorgt um ihre Geschäfte, ihren Arbeitsplatz.

Ärzte schlagen Alarm, sagt Cvetkovska, denn die Zahl der Corona-Toten steige - und die Kapazitäten in den Krankenhäusern sei sehr begrenzt. Ihr Land sei gerade von der ganzen Welt abgeschnitten, "überall gelten Reisewarnungen für Nordmazedonien", so die Journalistin.

In Serbien indes gerät die Regierung angesichts der steigenden Infektionen immer stärker in die Kritik. Bei einem Besuch in der mehrheitlich von ethnischen Bosniaken bewohnten Provinz Sandschak wurde Premierministerin Ana Brnabic jüngst von wütenden Bürgern empfangen. Aktivisten warnen vor einem Kollaps des Gesundheitssystems in der Region. Ärzte beklagen, dass es an Schutzkleidung, Masken und Handschuhen ebenso fehle wie an Beatmungsgeräten.

Außerdem gibt es Zweifel an der offiziellen Corona-Statistik. Das "Balkan Investigative Reporting Network" kam zu dem Ergebnis , dass die tatsächliche Zahl der Toten mehr als doppelt so hoch sei. Einem Bericht zufolge sind inzwischen auch Parlamentspräsidentin Maja Gojkovic und Verteidigungsminister Aleksandar Vulin positiv auf das Virus getestet worden.

Slowenien und Kroatien: Was bedeutet der Ausbruch für den bevorstehenden Urlaub?

Die Europäische Union hat die weltweite Reisewarnung innerhalb Europas weitgehend aufgehoben. Für Drittstaaten gilt sie aber weiter bis Ende August. Auch das Auswärtige Amt in Berlin warnt vor nicht notwendigen Reisen in die Länder des Westbalkan aufgrund der Covid-19-Situation.

Sorge bereiten die Entwicklungen der Fallzahlen in den EU-Ländern Kroatien und Slowenien. Hier hat sich die Ansteckungsrate in der vergangenen Woche mehr als verdoppelt. Beide Länder haben ihre Grenzen für Urlauber aus EU-Staaten ohne Corona-Tests und Quarantäne-Auflagen geöffnet. Sie sind stark vom Tourismus abhängig. Der Ansturm auf die Strände soll mit Abstands- und Hygienekonzepten geregelt werden.

Kroatischen Behörden zufolge gehen die neuen Corona-Ansteckungen auf importierte Fälle zurück. Es gibt einen hohen Austausch mit den angrenzenden Balkanstaaten. Doch es hielten sich demnach viele Kroatinnen und Kroaten auch nicht an die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, die Regierung in Wien habe sich mit ihrer Reisewarnung gegen eine gemeinsam beschlossene EU-Empfehlung von dieser Woche gestellt. Das ist nicht der Fall. Die in dieser Woche beschlossene Empfehlung betrifft die Frage der Einreise von Bürgern aus Drittstaaten in die EU. Wir haben die Stelle korrigiert.

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