Coronakrise in Spanien »Viele Menschen können sich das Heizen nicht mehr leisten«

Die Pandemie hat Spanien so hart getroffen wie kaum ein anderes Land in Europa. Millionen Menschen im Land droht akute Armut, warnt die Organisation Oxfam – und fordert mehr Hilfen für die Jungen.
Ein Interview von Jan Petter
Menschen warten in einer Schlange vor einer kostenlosen Essensausgabe in Barcelona (im Mai 2020)

Menschen warten in einer Schlange vor einer kostenlosen Essensausgabe in Barcelona (im Mai 2020)

Foto: Angel Garcia / Bloomberg / Getty Images
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Die Helfer haben alle Hände voll zu tun: Große, fleischige Tomaten, gelb-braune Bananen und dicke Auberginen wollen verteilt werden. Die Lebensmittelspenden türmen sich bis zur Decke. Diejenigen, für die sie bestimmt sind, warten geduldig mit Abstand und Maske. Nicht wenige drehen sich, wohl aus Scham, weg von der Kamera.

Die Bilder, die die Hilfsorganisation Oxfam auf ihren Social-Media-Kanälen veröffentlicht, wirken vertraut. Doch sie stammen nicht aus Entwicklungsländern oder Flüchtlingscamps an der europäischen Außengrenze, sondern von der Calle Rivadeneyra im Stadtzentrum Barcelonas.

In den vergangenen Monaten hat die Corona-Pandemie Menschen weltweit an ihre Grenzen gebracht. Viele verloren ihren Job, Kinder können seit Monaten nicht zur Schule, andere Menschen arbeiten dagegen jetzt umso mehr, sind dabei aber kaum geschützt. Die Krise hat die Ungleichheit in vielen Ländern weiter verstärkt. Oder zumindest sichtbarer gemacht.

Corona zeigt die ungleichen Verhältnisse plötzlich ungeschminkt

Das offenbart auch ein aktueller Bericht von Oxfam , für den unter anderem 295 Wirtschaftswissenschaftler aus 79 Ländern befragt und verschiedene Statistiken ausgewertet wurden. Darin heißt es, die Welt leide an einem »Ungleichheitsvirus«, das viele Menschen hart treffe. Ein zentraler Befund: Statt wie erwartet um 31 Millionen zu sinken, dürfte die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen im vergangenen Jahr um 88 Millionen gestiegen sein. Als extrem arm gilt, wer weniger als 1,90 Dollar pro Tag zur Verfügung hat.

Während die einen noch ärmer wurden, stieg auf der anderen Seite der Reichtum trotz der historischen Krise weiter an. Laut Oxfam dauerte es keine neun Monate, ehe die Vermögen der tausend reichsten Menschen der Welt wieder den Stand von vor Corona erreicht hatten. Bei den Ärmsten könne es noch mehr als zehn Jahre dauern, so der Bericht.

Die wachsende Ungleichheit betrifft auch die Europäische Union. In kaum einem anderen Mitgliedstaat hat die Pandemie die Unterschiede vermutlich so zugespitzt wie in Spanien. Mehr als 55.000 Menschen kamen in dem Land bisher durch Corona ums Leben, viele Familien stecken in wirtschaftlicher Not. Der spanische Ableger von Oxfam warnt, die Krise bedrohe die wirtschaftliche Existenz von Millionen im Land. Wie konnte es so weit kommen?

Foto: privat

Alex Prats, Jahrgang 1977, begann 2003, für Oxfam zu arbeiten. Der 43-jährige Spanier hat mehrere internationale Abschlüsse in Development Studies und Afrikapolitik. Nach Stationen in Thailand und Ostafrika arbeitete er zeitweise als Berater für eine NGO in London. Seit 2016 ist er von Barcelona aus in leitender Funktion zuständig für das Thema Ungleichheit bei Oxfam Spanien.

SPIEGEL: Spanien hatte bereits das vergangene Jahrzehnt mit einer tiefgreifenden Krise zu kämpfen, nun kommt eine Pandemie dazu, die das Land besonders hart trifft. Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft?

Alex Prats: Die Lage ist extrem ernst. Die aktuelle Situation bedroht nicht nur ganz akut die Gesundheit von vielen Menschen, sondern auch unsere wirtschaftliche Zukunft und den Zusammenhalt. Viele Menschen können sich aktuell das Heizen nicht mehr leisten, haben kein Geld für Miete oder Medikamente. Inzwischen gibt es mehr als fünf Millionen Spanier, die täglich weniger als 16 Euro zum Leben haben. Leider gehe ich davon aus, dass es noch schlimmer werden könnte.

SPIEGEL: Inwiefern?

Prats: Aktuell unternimmt die Regierung wirklich viel, um Arbeitsplätze zu erhalten. Die nach der letzten Krise eingeführte Kurzarbeiterregelung hat vermutlich zahlreiche Jobs gerettet. Sie wurde zwar gerade noch einmal bis Mai verlängert, aber das wird nicht ewig so weitergehen, fürchte ich. In wenigen Monaten dürfte schlicht das Geld fehlen, und dann sieht es düster aus. Die spanische Wirtschaft ist vor allem von Dienstleistungen geprägt, insbesondere vom Tourismus.

Hilfsbedürftige Spanierinnen und Spanier warten im November 2020 auf die Verteilung von Lebensmittelspenden

Hilfsbedürftige Spanierinnen und Spanier warten im November 2020 auf die Verteilung von Lebensmittelspenden

Foto: Burak Akbulut / Anadolu Agency / Getty Images

SPIEGEL: Die Branche erlebte im vergangenen Jahr bereits die schlimmste Saison seit den 1970er-Jahren. Was passiert, wenn in diesem Sommer erneut kaum jemand wie gewohnt reisen darf?

Prats: Ich hoffe sehr, dass es bis dahin eine Lösung gibt. Ohne Impfungen stehen viele Menschen hier vor dem Aus. Sie werden ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, keinen Strom und keine Miete. Ich bin kein Tourismusexperte, aber das ist schlicht offensichtlich. Unsere aktuelle Situation ist kaum mit der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren zu vergleichen. Die Ursachen sind ganz andere, aber wieder sind die Ärmsten am stärksten betroffen.

SPIEGEL: Dann stimmt es also nicht, dass wir vor dem Virus alle gleich sind?

Prats: Entschuldigung, aber das ist Quatsch. Die ärmsten Haushalte haben in Relation siebenmal mehr Einkommen verloren als die reichsten. Die Vermögenszuwächse der 24 reichsten Spanier sind seit Beginn der Pandemie etwa dreimal höher als die Zusatzkosten im Gesundheitssystem. Wir erleben den größten Anstieg der Einkommensungleichheit seit zehn Jahren. Inzwischen sind viele Bürger auf Lebensmittelspenden angewiesen, vor den Tafeln gibt es lange Schlangen. Auch wir haben mit lokalen Partnern angefangen, Essen auszugeben, Gaskartuschen zu verteilen und psychologische Hilfe anzubieten.

Mitglieder der katholischen Hilfsorganisation »Mensajeros de la Paz« bereiten in Madrid die Verteilung von Hilfspaketen in einer Kirche vor

Mitglieder der katholischen Hilfsorganisation »Mensajeros de la Paz« bereiten in Madrid die Verteilung von Hilfspaketen in einer Kirche vor

Foto: Luca Piergiovanni / Agencia EFE / imago images

SPIEGEL: Ungleiche Chancen sind in Spanien leider kein neues Thema. Kein anderes Land in der EU hat eine so hohe Jugendarbeitslosigkeit: mehr als 40 Prozent. Diese Zahl gab es schon vor der Krise. Wie erklären Sie sich das?

Prats: Wir bilden junge Leute seit Jahren für Jobs aus, die es nicht mehr gibt oder noch nie gab. Deshalb landen so viele erst auf dem Arbeitsamt und wandern dann irgendwann zu Ihnen nach Deutschland aus. Das spanische Bildungssystem ist schlicht nicht auf die Wirklichkeit ausgerichtet. Wir können hier nicht so viele Ingenieure beschäftigen, wie jährlich von den Universitäten kommen.

Das liegt nicht unbedingt an den jungen Menschen, sondern den fehlenden Alternativen. Die soziale Mobilität in Spanien ist sehr gering. Oft entscheidet schon das Wohngebiet, wo jemand später im Leben landet. Ein Viertel der Spanier ist laut EU-Zahlen offiziell armutsgefährdet. Laut dem Gini-Index, der die Einkommensverteilung misst, sind die Verhältnisse in keinem anderen westeuropäischen Land so ungleich wie bei uns.

SPIEGEL: Wie ließe sich das ändern?

Prats: Entscheidend wird sein, dass die Regierung die Krise nutzt, um unsere Wirtschaft breiter aufzustellen. Die EU-Mittel sollten in Branchen fließen, die jungen Menschen eine Perspektive bieten. Erneuerbare Energien und grüne Technologien müssen in Zukunft eine größere Rolle spielen. Lohndumping und Steuersenkungen dürfen künftig kein Standortvorteil mehr sein, das ruiniert uns. Wir brauchen außerdem ein Ende der Sparpolitik. In der Pandemie sehen wir ja, wie wichtig ein funktionierendes Sozialsystem ist. Wir profitieren mittelfristig alle davon, wenn Menschen nicht einfach in einen Abgrund stürzen, sobald es eine Krise gibt.

Es gibt seit vergangenem Mai eine Grundsicherung für Menschen zwischen 23 und 65, die keine Arbeit haben. Wir begrüßen das, auch wenn die Regelungen leider sehr kompliziert sind. Es müssen viele Papiere ausgefüllt und Dinge erklärt werden, bevor man Hilfe bekommt. Das überfordert viele. Nach unseren Berechnungen wurden von den 865.000 berechtigten Familien bislang erst etwa 160.000 erreicht. Es könnten schon jetzt deutlich weniger Menschen in Not sein, wenn das Programm mehr Bedürftige erreicht hätte.

SPIEGEL: Ihre Organisation war in den vergangenen Jahrzehnten vor allem für klassische Entwicklungshilfe und einige Second-Hand-Geschäfte bekannt. Inzwischen unterstützen Sie Organisationen, die in spanischen Städten Lebensmittelpakete verteilen und Menschen mit Gaskartuschen und Nothilfe-Schecks helfen. Ist die Lage so schlimm?

Prats: Wir können die Situation natürlich nicht mit der in Entwicklungsländern vergleichen. Aber wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass die bisherige Unterteilung in einen reichen Westen und einen armen Rest der Welt nicht ausreicht. Auch in Staaten wie Spanien gibt es Ungerechtigkeiten, die wir nicht ausblenden dürfen. Darum müssen wir uns kümmern, wenn wir glaubwürdig weltweit gegen Armut vorgehen wollen. Deshalb hat sich unsere Rolle geändert. Ungleichheit ist ein globales Phänomen – das ist für mich die wichtigste Lehre aus dieser Pandemie.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.