Corona in Syrien Die nächste Katastrophe

Syriens Diktator Baschar al-Assad lockert die Corona-Beschränkungen, auch weil ihm die katastrophale Wirtschaftslage kaum eine Wahl lässt. Die Menschen im Land aber können nicht auf staatliche Hilfe hoffen.
Corona-Warnung an zerstörtem Gebäude im nordsyrischen Idlib: Der Staat lässt die Syrer ziemlich allein

Corona-Warnung an zerstörtem Gebäude im nordsyrischen Idlib: Der Staat lässt die Syrer ziemlich allein

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Moawia Atrash/ imago images/ZUMA Wire

Mit rund zwei Meter Abstand zu den Ministern hat Präsident Baschar al-Assad am Tischende Platz genommen. Auch in Syrien gilt Abstandhalten als das Gebot der Stunde. Wie Statisten lauschen die Minister seiner Corona-Taskforce, während sich Assad eine halbe Stunde lang vor den Kameras des Staatsfernsehens erklärt.

"Wir gehen nicht nach dem Zufallsprinzip vor", versichert er. Einige Maßnahmen würden nun gelockert, weil die Wirtschaftslage seiner Regierung kaum eine andere Wahl lasse. Geschäfte haben wieder geöffnet, Bauern dürfen wieder ihr Obst und Gemüse zum Markt in die Stadt bringen. Auch Moscheen sind wieder offen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Syrien sei nicht außerhalb der Corona-Gefahrenzone, warnt Assad. Die bisher niedrige Zahl der Corona-Infektionen könne rasant ansteigen. Doch man brauche einen flexiblen Mittelweg. Es käme nicht auf den Staat, sondern auf die Vernunft jedes einzelnen Bürgers an.

"Wir sterben, wenn wir nicht arbeiten"

Tatsächlich lässt der Staat die Syrer ziemlich allein. Während Assad so tut, als sei alles unter Kontrolle, befindet sich Syrien nahezu im freien Fall. Mehrere Katastrophen gleichzeitig erschüttern das Land.

  • Neun Jahre Krieg haben das Land verwüstet. Das Bruttoinlandsprodukt ist auf etwa ein Drittel des Niveaus von 2010 zusammengebrochen .

  • Der benachbarte Libanon, über dessen Banken viele syrische Händler ihre Geschäfte abwickeln, steht gerade vor dem Staatsbankrott.

  • Und nun auch noch Corona.

Schon 2019 lebten nach den letzten Uno-Zahlen über 80 Prozent der Syrer in Armut - und das war vor den jüngsten Katastrophen.  Der Dollar, der vor dem Krieg knapp 50 syrische Pfund wert war, wird nun für knapp 1500 syrische Pfund gehandelt - das 30-fache. Die Preise in Syrien für Essen, Koch- oder Heizgas haben sich vervielfacht, die Löhne nicht.

Das Uno-Welternährungsprogramm schätzt, dass die Durchschnittspreise für Grundnahrungsmittel in Syrien inzwischen 14-mal höher sind als vor dem Krieg. Im Zuge von Corona sei es zudem zu Panikkäufen gekommen, die die Preise weiter hochschnellen ließen: in den Provinzen Homs und Hama um bis zu 40 Prozent in einem einzigen Monat.

"Alles ist so teuer. Wir sterben, wenn wir nicht arbeiten", sagt Marwan, der in der Provinz Hama einen Gemüseladen betreibt. Seinen vollständigen Namen will er nicht veröffentlicht wissen, aus Angst vor Repressionen. 

Er verdiene 40.000 bis 50.000 syrische Pfund im Monat, eigentlich ein recht gutes Gehalt. "Jetzt zahlen wir 7000 syrische Pfund, wenn wir nur Kartoffeln in Öl braten und ein wenig Salat dazu machen - mein Gehalt reicht gerade einmal eine Woche."

Das Uno-Welternährungsprogramm schätzt, dass nun 9,3 Millionen Syrerinnen und Syrer nicht mehr genug zu essen haben - ein neuer Rekord und dramatischer Anstieg. Im Oktober 2019 waren es noch 7,9 Millionen. 

Auch Marwan hat seinen Laden inzwischen wieder geöffnet, von morgens bis abends sechs Uhr. "Seit ich weiß, dass Corona lange schläft und nur nachts aktiv ist, mache ich mir da keine Sorgen", spottet er. Er spielt damit auf das nächtliche Ausgangsverbot an, das als eine der wenigen Maßnahmen weiterhin in Kraft ist.

Bis zu 70 Prozent der syrischen Ärzte und Krankenpfleger sind geflohen

Den offiziellen Corona-Zahlen des syrischen Gesundheitsministeriums glaubt kaum jemand. Demnach gab es bisher lediglich 47 Corona-Infektionen und drei Corona-Tote in den vom Regime kontrollierten Teilen des Landes. Wie viele Fälle es außerhalb der Regime-Gebiete möglicherweise gibt, ist nicht bekannt.

Das Gesundheitswesen in Syrien hat dem Virus nur wenig entgegenzusetzen. In den von der Opposition kontrollierten Gebieten ist die Lage besonders schlecht, doch auch in den Regime-Gebieten fehlt es an fast allem. Die Uno schätzt , dass nur zwei Drittel der syrischen Krankenhäuser noch funktionieren. Zudem seien bis zu 70 Prozent der Syrer, die im Gesundheitswesen gearbeitet hatten, inzwischen geflohen.

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