Auslandsjob in der Pandemie Wie ich das Unmögliche schaffte – nach Phuket einzureisen

Anfang des Jahres sollte ich als Korrespondentin nach Thailand gehen. Aber nach Asien umziehen in Coronazeiten? Fast unmöglich. Nach neun Monaten bin ich endlich da. Sollten Sie auch von der Ferne träumen – folgen Sie mir!
Ein Zwischenruf von Maria Stöhr, Phuket
Autorin am Mai Khao Beach, Phuket: »Ich bin weg«

Autorin am Mai Khao Beach, Phuket: »Ich bin weg«

Foto: Karl Vandenhole / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Nachts und in der Luft, als Knäuel über den drei Economysitzen der Boeing 777 liegend, weil ja sonst fast niemand mitfliegt, begreife ich, dass es jetzt wirklich passiert. Ich bin weg.

Den ersten Teil der Pandemie hat mich Harry Styles  gerettet, den zweiten der Glaube daran, dass ich bald weg sein würde, weg aus Deutschland, weg aus dem Ewigkeitsshutdown und in einem Teil der Welt, in dem die Inzidenzen niedrig und die Menschen in Bars waren.

Ungefähr zu der Zeit, Ende 2020, als man sich in deutschen Städten maximal in einem Radius von 15 Kilometer von der eigenen Haustür wegbewegen durfte (erinnern Sie sich?) und als in den Sonntagabend-Talks im Fernsehen die Frage besprochen wurde, was wir von Taiwan, Vietnam, Südkorea in der Pandemie lernen können, wo das öffentliche Leben damals trotz Krise weitgehend stattfand, habe ich einen Vertrag unterschrieben für eine Korrespondentinnenstelle des SPIEGEL in Südostasien. Genauer gesagt, in Bangkok.

Im Juni fing ich an, die Sommerklamotten aus dem Koffer zu ziehen, den ich im Winter mal für einen ganz anderen Sommer gepackt hatte.

Ich schickte eine Abschiedsmail an die Sammeladresse der ganzen Redaktion, wovor mich das Mailprogramm noch gewarnt hatte, you are sending this mail to 590 recipients, als hätte es schon was geahnt. Ich machte Einzelverabschiedungsbiertreffen. Ich winkte von den Landungsbrücken. Ich hatte doch Tschüs gesagt. Ich hatte keine Ahnung.

Denn dann passierte neun Monate nichts. Außer dass ich die Zero-Covid-Strategien der südostasiatischen Länder, nämlich die Infektionszahlen niedrig zu halten, indem sich die Staaten weitgehend vom Rest der Welt abschotteten, am eigenen Leib erfuhr. Auswandern in der Pandemie? Süß. Meine kleine Geschichte muss so oder ähnlich viele betroffen haben, die in dieser Zeit eigentlich in Richtung Asien aufbrechen wollten. Ich bekam kein Arbeitsvisum, schon gar nicht ein Journalistenvisum.

Es wurde Februar, es wurde April, und ein Unterordner auf meinem Laptop mit dem Namen »Thailand – last Step« enthielt da schon 38 PDF-Dateien mit Titeln wie Gebeten, »Visum_vielleichtfinal« zum Beispiel und »Antrag_jetztvielleichtvielleichtfinal«.

Ich ließ Vollmachten ausstellen, ich bekam es mit Prokuristen, zwei Visumsagenturen in Bangkok und einem Notar am Gänsemarkt zu tun und mit dem Landgericht Hamburg. Es half alles nichts. Die anfängliche Freude wurde nach und nach zu einem Verdacht, so schwer wie Stein: ein großes Abenteuer fast zu erleben.

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Ich bin den Weg durch die Quarantäne schon mal vorgegangen. Folgen Sie mir!

Es wurde Mai, im Juni fing ich an, die Sommerklamotten aus dem Koffer zu ziehen, den ich im Winter mal für einen ganz anderen Sommer gepackt hatte.

Bevor es in diesem Text gleich darum gehen soll, wie ich es am Ende doch nach Thailand geschafft habe – vielleicht fragen Sie sich jetzt, was haben die Qualen einer Möchtegern-Korrespondentin mit mir zu tun? Da haben Sie einen Punkt. Und wenn Sie denken, dieser Text sei eine Unverschämtheit aus der Visa-on-Arrival-Generation, dann haben Sie sowieso recht.

Jedoch: Sollten Sie seit eineinhalb Jahren von der Ferne träumen, von etwas, das anders ist als der Schwarzwald oder Büsum – oder sagen wir doch, wie es ist: Wenn Sie ganz dringend abhauen wollen – dann könnte Sie das, was nun folgt, doch interessieren. Ich bin den Weg durch die Sandkasten-Quarantäne für Sie schon mal vorgegangen. Die blüht einem nämlich, ob man nun zum Arbeiten oder zum Urlaub nach Thailand will.

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10. August

Telex of Obtaining Media (M) visa for Ms. Maria-Theresia Stöhr, ist ein dürftiger Betreff für eine Mail, die die Erlösung ist. Macht nichts, ich sitze im Zug nach Berlin. Thailändische Botschaft, mein Visum holen. Die Unterlagen habe ich alle dreifach kopiert, drücke sie an mich wie einen Säugling, den man vor dem Regen schützt. Wir müssen alle draußen vor dem Gartenzaun der Thailändischen Botschaft warten, bis wir aufgerufen werden. Wir, das sind ein sehr alter dicker Deutscher mit Badeschlappen an, der zurückwill in sein Rentnerapartment auf Phuket. Wegen Corona war er aus Panik zurück nach Berlin. Wär' er mal in Thailand geblieben, sagt er, Berlin sei das Letzte. Dann eine Reisekauffrau, die für ein thailändisches Bootsverleihunternehmen arbeitet, und ich.

12. August

Jetzt kommt der Teil für die an Fernreisen Interessierten unter Ihnen: Thailand hat die Quarantäne aufgehoben. Sagen wir so: Es gibt jetzt eine Alternative zu den 14 Tagen Quarantäne, die man eigentlich bei der Einreise in einem Hotelzimmer verbringen muss, ohne auch nur auf den Flur treten zu dürfen. Das Projekt heißt »Phuket Sandbox«.

Die Idee ist, dass geimpfte oder genesene Leute aus dem Ausland, vor allem Touristen, sich 14 Tage auf der Urlaubsinsel Phuket einmieten können, dort liefern sie dreimal einen PCR-Test und können sich ansonsten recht frei auf der Insel bewegen. Am Ende dürfen sie weiter aufs Festland. Die Hoffnung ist, dadurch den Tourismus im Land wiederzubeleben, der vollständig eingebrochen war und von dem in Thailand Millionen Menschen abhängig sind. Vor dem Start der Sandbox wurden mehr als 70 Prozent der Inselbewohnerinnen und -Bewohner geimpft. Im gesamten Land liegt die Impfquote bei 22 Prozent.

20. August

Ich buche den Flug. Hamburg – Dubai – Phuket. Und ein Hotel, das den Quarantänekriterien entspricht, also ein Siegel mit dem Namen SHA+ führt (Safety and Health Administration Thailand ).

Das Hotel schreibt sofort eine Mail. Dass ich noch ein »paar wenige Unterlagen« einreichen müsse, damit mein Quarantäneurlaub auch genehmigt wird. Diese seien:

  1. Reisepasskopien für alle Gäste

  2. Impfbescheinigungen für alle Passagiere (außer Kinder unter 18 Jahren)

  3. Vorheriges und nächstes Reiseziel

  4. Identität aller Freunde/Verwandten, die Sie auf Phuket treffen könnten

  5. Flugdaten (Ankunfts- und Abreiseflug)

  6. Vorauszahlung der Unterkunft (»Bitte beachten Sie, dass im Falle einer Einreise-Verweigerung durch das Immigration-Office die Zahlung in voller Höhe zurückerstattet wird«)

  7. Laden Sie die Corona-Warn-App »MorChana« auf Ihr Smartphone und gewähren Sie ihr allzeit Zugriff auf Ihren Standort

  8. Bescheinigung einer im Ausland gültigen Krankenversicherung, in der die Behandlung von Covid-19 ausdrücklich beinhaltet ist

  9. Sobald ich alle Dokumente beisammen hätte, schreibt das Hotel, müsse ich die PCR-Tests im Voraus buchen und bezahlen. In Thailand seien drei Tests erforderlich, an Tag 1, Tag 6 und Tag 12.

  10. Danach könne ich bei der Thailändischen Botschaft das Certificate of Entry COE beantragen. Dieses sei zusätzlich zu meinem Visum erforderlich.

Die Mail endet mit den Worten: »In the meantime, if you need any further assistance, please do not hesitate to let us know.«

6. September

Nachdem sich die Botschaft in Berlin »five working days« vorbehalten hatte, um das Certificate of Entry auszustellen, verschiebe ich die Reise um fünf Tage nach hinten. Ich bin der Selbsthilfegruppe »Phuket Sandbox« bei Facebook beigetreten und weiß seitdem, was Verzweiflung ist. Immer wieder der Gedanke: Geht auf den letzten Metern doch noch was schief?

Landung auf Phuket: Inseln wie die Rücken von Elefanten

Landung auf Phuket: Inseln wie die Rücken von Elefanten

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

Am Vortag war ich noch beim PCR-Testen in Hamburg, weil auch der Airline ein valides Testergebnis vorliegen muss, damit ich überhaupt die Maschine besteigen darf.

Mit mir fliegen vielleicht noch 35 weitere Personen in der Economyklasse mit nach Dubai, in der Businessclass sieht es etwas voller aus. In die Boeing, in der ich gerade den Platz 25K belege, passen 550 Passagiere.

7. September

Nach 16 Stunden geht das Flugzeug in den Sinkflug, unter mir tauchen kleine Inseln auf wie die Rücken von Elefanten. Ein Freund, dem ich das Bild schicke, schreibt, das sehe aus wie im Märchen, was Kitsch ist und stimmt.

»Health Control« am Flughafen von Phuket

»Health Control« am Flughafen von Phuket

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

Wir landen um die Mittagszeit. Die Reisenden gehen im Trott die leeren Gänge des Flughafens entlang, mit unsicheren Schritten, weil wann ist man zuletzt so weit weg gewesen. Wir passieren mehrere Körpertemperaturmessgeräte, die mit ihren Antilopenhälsen am Rand stehen wie die Geschwindigkeitsmesser auf der Hamburger Stresemannstraße. Ein Schild an der Decke: »Health Control«. Zwei Dutzend Frauen in Ganzkörperschutzanzügen und Schutzbrillen versperren uns den Weg. Sie deuten auf die QR-Codes auf den Plakaten, über die wir die thailändische Corona-App aufwecken sollen. Diese App wird nun 14 Tage lang überwachen, wo ich bin, wohin ich gehe. Ich darf sie nicht ausschalten.

»Hier, an der Passkontrolle, wird mir schrecklich klar, wie viel über die Verfasstheit meines Körpers ich preisgab, um auf eine Urlaubsinsel zu gelangen.«

An den Seiten des Ganges stehen weiße Plastikstühle. Wir sollen uns setzen. Die Frauen kontrollieren unsere Dokumente. Ich bin nervös. Aber nicht so sehr wie der junge Typ, offenbar aus Frankreich, auf dem Stuhl neben mir. Er hat kein Certificate of Entry. Er finde es nicht mehr, sagt er und fächert die ganzen Klarsichthüllen auf, die in seiner Reisemappe liegen. Ich weiß nicht, ob er am Ende auf Phuket bleiben durfte oder ob sie ihn direkt zurückgeschickt haben.

Danach kommt erst die Passkontrolle. Ich fand es früher schon immer gruselig, wenn bei der Einreise Fingerabdrücke genommen werden, als scanne man eine Karstadt-Kundenkarte. Aber diesmal leuchtet auf einem Bildschirm neben dem thailändischen Beamten auf, mit welchen Impfstoffen ich geimpft wurde – und wann und wo. Klar, ich hatte es vorab irgendwo eingetragen. Aber hier, an der Passkontrolle, wird mir schrecklich klar, wie viel über die Verfasstheit meines Körpers ich preisgab, um auf eine Urlaubsinsel zu gelangen.

Sonnenuntergang am Mai Khao Beach, Phuket

Sonnenuntergang am Mai Khao Beach, Phuket

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

Nach dem PCR-Test direkt am Airport wird mir ein Sticker auf den Blazer geklebt, »SWAB COMPLETED«. Ein Taxi bringt mich zum Hotel. Bei einem Ampelstopp sehe ich ein Restaurant, dessen Terrasse leer ist, das aber seine Speisekarte samt Abbildungen auf ein großes Plakat gedruckt hat. Es gibt zum Beispiel »Fried Rice in a Pineapple Boat«, was ausschließlich für britische und bayerische Pauschalurlauber erfunden worden sein kann, die nun aber seit bald zwei Jahren nicht mehr vorbeigekommen sind.

»Sandbox is a joke«

Die Frau an der Hotelrezeption erklärt, dass ich jeden Tag vor zwölf Uhr zum Fiebermessen in die Lobby kommen und meine Corona-App vorzeigen muss, damit sie das ans Gesundheitsamt weiterleiten könne.

Ich treffe Massimo und Silvi am Desk, ein italienisches Paar mit ihren zwei Kindern. Sie kommen vom Heimatbesuch in Verona zurück nach Thailand, wo beide in Bangkok im Microfinancing arbeiten. Sie machen auch die Sandbox-Quarantäne. Massimo sagt, sie hätten 1000 Euro ausgegeben, damit sich eine Reiseagentur um den ganzen Sandbox-Einreise-Dokumentenkram kümmert. »Sandbox is a joke«, sagt er. Da blicke ja kein normaler Mensch durch. Und noch normalere Menschen, denke ich, fahren für die 1000 Euro drei Wochen an den Bodensee.

Blick vom Hotelzimmerbalkon der Autorin auf die leere Hotelanlage: »SWAB COMPLETED«

Blick vom Hotelzimmerbalkon der Autorin auf die leere Hotelanlage: »SWAB COMPLETED«

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

Ich muss aufs Zimmer und da bleiben, bis mein PCR-Testergebnis da ist, was maximal 12 Stunden dauere. Vom Balkon aus sehe ich hinter den Palmen das Meer, unter mir den Pool. Über dem Eingang der Wasserrutsche hängt ein großer Eimer, der langsam mit Wasser vollläuft, um sich dann alle zwei Minuten nach unten auszugießen, eigentlich auf die Kinder darunter. Doch da ist kein Kind. Da ist niemand am Pool. Den ganzen Nachmittag ergießt sich der Eimer alle paar Minuten ins Nichts. Ein Gong in der leeren Oper.

Das Telefon im Hotelzimmer klingelt. »Miss Maria, wir haben schon mehrmals angerufen, um ihnen zu sagen, dass Ihr Dinner vor der Tür steht. Wir haben Sie nicht erreicht«, sagt eine Frau.

»Oh, das tut mir leid, ich saß auf dem Balkon.«

Vor der Hotelzimmertür steht ein Servierwagen. Darauf, abgedeckt, der Teller mit dem Papayasalat, den ich in der Variante »medium spicy« bestellt hatte. O dummer deutscher Gaumen! Ich will gerade zum Waschbecken, die schmerzende Zunge kühlen, da ruft die Frau von der Rezeption erneut an. Mein Ergebnis vom PCR-Test vom Flughafen sei da. Es sei ungewöhnlich schnell gegangen. Ich sei negativ, sagt sie, und dann: »Miss Maria, you are free now.«

Das hast du jetzt davon, denke ich, das ist die neue Freiheit: zwei Wochen gefangen und überwacht auf einer Insel. Dann nehme ich das Badetuch. Ich will noch eine Runde in den Pool.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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