Der Illustrator Matthias Schardt hat die Geschichten der Familien anhand ihrer Schilderungen zeichnerisch umgesetzt

Der Illustrator Matthias Schardt hat die Geschichten der Familien anhand ihrer Schilderungen zeichnerisch umgesetzt

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Corona-Sammelklagen in Italien Erst kam das Virus, dann das Vertuschen

Hunderte italienische Familien haben nach dem Coronatod ihrer Angehörigen Anzeige erstattet. Sie fordern Aufklärung. Tatsächlich zeigen Dokumente, dass zu Beginn der Pandemie Fehler gemacht und verheimlicht wurden.
Von Jan Petter und Alessandro Puglia
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Den Weg zu seinen Eltern kennt Diego Federici gut, besser als es ihm lieb ist. Den mittleren Gang entlang, an Thujen und Zypressen vorbei, dann der dritte Platz von links. Dort, unter einer weißen Marmorplatte, liegen sie bestattet. »Herr, erlaube es nicht, im Himmel diejenigen zu trennen, die du auf Erden verbunden hast« steht über einem Bild, das beide umschlungen zeigt. Darunter stehen ihre Todestage. Bei ihm: Renato Federici, 21. März 2020. Bei ihr: Ida Mattoni, 25. März 2020. Es waren nur vier Tage, dann waren sie da oben vereint, sagt Diego.

Der 36-Jährige ist unten geblieben, in Martinengo, einem kleinen Ort 25 Minuten entfernt von Bergamo. Am Morgen des 18. März vergangenen Jahres konnte er die beiden Eltern telefonisch nicht erreichen, deshalb schaute er zu Hause vorbei. Die Mutter lag gleich hinter der Tür, rücklings auf dem Perserteppich, schwach atmend im Nachthemd, erinnert er sich. Der Vater habe bewusstlos im Wohnzimmer auf einem alten Holzstuhl am Tisch gesessen, in blauer Schlafanzughose und Oberteil. Beide hatten Fieber. Covid-19.

Der Sohn alarmierte Notarzt und Bruder. Der Zustand der Mutter war so schlecht, dass sie gleich nach Treviglio ins Krankenhaus abtransportiert wurde. Beim Vater diskutierten die beiden Notärzte kurz, bevor sie ihn ins Krankenhaus nach Romano di Lombardia brachten. Ins Fahrzeug konnte er noch laufen. Es war das letzte Mal, dass die Söhne ihre Eltern sahen.

»Der Tag, der mein altes Leben beendet hat«, nennt Diego Federici dieses Datum heute. Eine Woche lang verbrachten er und sein Bruder anschließend selbst in Quarantäne, warteten zusammen darauf, dass das Telefon klingelte. Jeden Tag hieß es, die Lage sei ernst, aber unter Kontrolle.

DER SPIEGEL

Später erfuhren sie, dass ihre Mutter von Anfang an wohl nur Morphium und Sauerstoff erhalten hatte. Ihre Leiche wurde mit einem Militärfahrzeug nach Bologna transportiert, zurück kam eine Urne. Die Söhne fragen sich noch heute, ob es die richtige war. Auch der Vater starb allein, nicht mal zur Bestattung durften die Söhne kommen.

Diego Federici sagt, er könne nur schwer akzeptieren, dass seine beiden Eltern tot sind. »Ich wollte mich umbringen, als ich erfuhr, dass meine beiden Eltern tot sind«

Diego Federici sagt, er könne nur schwer akzeptieren, dass seine beiden Eltern tot sind. »Ich wollte mich umbringen, als ich erfuhr, dass meine beiden Eltern tot sind«

Foto: Erik Messori / CAPTA / DER SPIEGEL

Die Pandemie hat Diego Federici die Familie geraubt, noch ehe er selbst eine gründen konnte. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie in Italien sind viele Friedhöfe voll mit neuen Grabsteinen. Mehr als 30.000 Menschen starben in dem Land allein während der ersten Welle bis Ende Mai 2020. Und dort, wo sich vor einem Jahr in vielen Familien ein Loch auftat, sind heute Fragen und Wut.

Federici will wissen, ob der Tod seiner Mutter zu verhindern gewesen wäre. Hätte man ihr nicht mehr als Schmerzmittel geben müssen? Und in der Krankenakte des Vaters sei so vieles im Nachhinein von Hand korrigiert worden, dass man kaum noch etwas habe entziffern können, sagt Federici. Er bezweifelt, dass diese Art der Dokumentation vorschriftsgemäß war.

Militärfahrzeuge bringen Mitte März 2020 zahlreiche Särge aus Bergamo in andere Regionen Italiens. Auch die Leiche der Mutter von Diego Federici wurde mit einem solchen Laster abgeholt

Militärfahrzeuge bringen Mitte März 2020 zahlreiche Särge aus Bergamo in andere Regionen Italiens. Auch die Leiche der Mutter von Diego Federici wurde mit einem solchen Laster abgeholt

Foto: Sergio Agazzi.Fotogramma/ via REUTERS

Die Suche nach Aufklärung und Gerechtigkeit treibt den Sohn seither an. Zusammen mit mehr als 300 anderen italienischen Familien hat er Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Akten liegen bei der Staatsanwaltschaft von Bergamo, jener Stadt, die vor genau einem Jahr zum europäischen Epizentrum der Coronapandemie wurde.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Italien habe zu spät und falsch auf die Pandemie reagiert. Das Land sei überfordert gewesen, auch weil die Krisenpläne veraltet und mangelhaft gewesen seien. Fehler seien verheimlicht worden. Mussten deshalb Menschen sterben? Eltern, Großeltern, Ehepartner?

Der damalige Premierminister Giuseppe Conte und sein Gesundheitsminister wurden bereits vernommen, seit Monaten kommen immer neue Versäumnisse ans Licht. Es geht längst nicht mehr nur um tragische Einzelfälle, sondern um grundsätzliches Versagen – und um Vertuschung.

In Kürze will die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob und gegen wen sie Anklage erhebt. Es könnte ein Jahrhundertprozess werden. Die Hinterbliebenen würden dann als Nebenkläger auftreten.

Viele von ihnen hatten sich bereits im vergangenen Jahr in der Facebook-Gruppe »Noi Denunceremo« versammelt, zu Deutsch: »Wir klagen an«. Die Gruppe hatte in kürzester Zeit 70.000 Mitglieder, Tausende berichten seither dort von ihrem Schicksal, um ihre Wut loszuwerden und um zu trauern. Hier entstand auch die Angehörigen-Initiative, die jetzt die Aufarbeitung vorantreibt.

Inzwischen ist bekannt, dass der nationale Pandemieplan seit 2006 nicht mehr aktualisiert worden war, obwohl sich die italienische Regierung dazu verpflichtet und nur Wochen vor Ausbruch der Coronapandemie an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet hatte, bestens auf einen Ernstfall vorbereitet zu sein. Bereits im Mai 2020 konstatierte jedoch die WHO: »Ohne auf solch eine Flut an erkrankten Patienten vorbereitet zu sein, war die erste Reaktion der Krankenhäuser improvisiert, chaotisch und kreativ.«

Zu viele Patienten mit leichtem Verlauf hätten den Schwererkrankten die Plätze weggenommen, wodurch die Ärzte ein »losing battle«, einen aussichtslosen Kampf, geführt hätten, heißt es weiter. Auch Masken und Schutzanzüge hätten gefehlt, Arztpraxen und Pflegeheime seien als Hotspots übersehen worden. Das 102-seitige Dokument sollte keine Abrechnung sein, sondern eine Hilfe für andere Länder. Dass es nur einen Tag nach seiner Veröffentlichung kommentarlos zurückgezogen wurde, passt für viele Italiener ins Bild, das sie vom damaligen Krisenmanagement ihrer Politiker und Politikerinnen haben. Das Gesundheitsministerium in Rom bestreitet, Einfluss genommen zu haben.

Die Anwälte der Hinterbliebenen haben den Ermittlern mehrere Dossiers übergeben, in denen weitere Versäumnisse aufgeführt werden. Aus einem Teil der Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, dass italienische Statistik-Experten die Behörden in der Lombardei bereits Ende Februar 2020 vor einer Epidemie mit einem R-Wert von über 2,0 gewarnt hatten. Jeder Patient stecke demnach mehr als zwei weitere Personen an. Es war ein Lawinenalarm, der offenbar nicht gehört wurde. Über die Prognose schrieben die Wissenschaftler damals noch: »Die Werte sollten nicht direkt genutzt werden, da sie [vermutlich] noch zu niedrig sind.«

Alessandra Raveane besucht das Grab ihres Großvaters. Er starb, nachdem er im Heim mit einer mutmaßlich bereits infizierten Mitbewohnerin isoliert wurde

Alessandra Raveane besucht das Grab ihres Großvaters. Er starb, nachdem er im Heim mit einer mutmaßlich bereits infizierten Mitbewohnerin isoliert wurde

Foto: Erik Messori / CAPTA / DER SPIEGEL

Es sind solche Zeilen, die Alessandra Raveane noch heute wütend machen. Auch sie sucht Antworten. Die 46-Jährige gehört zu denjenigen, deren Angehörige sich in einem Altenheim mit dem Virus infizierten. Knapp die Hälfte der Toten in Italien kam aus Pflege- und Betreuungseinrichtungen, schätzen Experten, die Gefahr wurde hier besonders lange unterschätzt. Heute werden diese Fälle »strage dei nonni« genannt – das Massaker an den Großeltern.

Silvano Magnetti war der Mann von Raveanes Großmutter. »Er war mein Liebling«, sagt sie heute weinend, wenn sie von ihm erzählt. Auf Bildern sieht man einen groß gewachsenen Mann mit schlohweißen Haaren, der sich noch im hohen Alter tief nach unten beugt, um mit seinem Urenkel durch den Garten zu gehen. Auf vielen Fotos drücken er und seine Frau sich eng aneinander. Nach ihrem Tod bekam er langsam Alzheimer, die letzten eineinhalb Jahre lebte er in einer Seniorenresidenz in Manerba am Gardasee, mit gerade einmal 30 Bewohnern. Es sei eher ein Hotel als ein Altenheim gewesen, erinnert sich die Enkelin. »Wir waren uns immer sicher, dass es ihm dort gut geht.«

Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Der moderne Flachbau steht auf einem Hügel mit Blick über den See, im Hintergrund beginnen die Berge. Bis Bergamo sind es knapp eineinhalb Stunden, es ist eine beliebte Erholungsgegend. Doch die Idylle, sagt Alessandra Raveane, war wohl nur eine Illusion. Anfang März vergangenen Jahres begann sie langsam zu bröckeln, so erinnert sie sich:

5. März 2020: Die Familie möchte den 86-jährigen Großvater nach einem Ausflug besuchen. Doch sie dürfen nicht aufs Gelände. »Aus Sicherheitsgründen«, teilt das Heim mit. Besuch wird fortan untersagt.

8. März 2020: In der Lombardei wird offiziell der Notstand ausgerufen.

Mitte März 2020: Der Großvater berichtet am Telefon, man habe ihn und seine Mitbewohnerin ins Zimmer gesperrt. Die Quarantäne sei wohl eine Vorsichtsmaßnahme, das Personal bringe jedoch dreimal täglich Essen. Alles sei sauber und ordentlich.

13. März 2020: Die Familie will von der Heimleitung wissen, ob es Probleme gibt. Niemand ist zu erreichen. Per WhatsApp entschuldigt sich die Managerin: Es sei viel los, doch man müsse sich keine Sorgen machen, dem Großvater gehe es gut.

17. März 2020: Die Familie erfährt von der Enkelin der Mitbewohnerin, dass ein Pfleger auf Facebook schreibt, er müsse für fünf Tage in Quarantäne. Das Heim ist den ganzen Tag über erneut nicht zu erreichen.

19. März 2020: Die Heimleiterin sagt am Telefon, sie wisse nichts von solch einem Fall. Allerdings sei sie selbst derzeit in Selbstisolation, da ihr Schwiegersohn an Covid-19 erkrankt sei.

21. März 2020: Eine Pflegerin von Silvano Magnetti muss mit Gesundheitsproblemen ins Hospital.

23. März 2020: Die Zimmernachbarin muss ebenfalls in Krankenhaus. Verdacht auf Schlaganfall. Weil die Familie von der Heimleitung erneut nichts erfährt, bittet sie schließlich die Hausärztin um Hilfe.

24. März 2020: Die Hausärztin ruft bei der Familie an. Das Heim hatte ihr in der Nacht eine Nachricht geschickt, dass es Silvano Magnetti nicht gut gehe und er Fieber habe.

25. März 2020: Die Familie der Zimmernachbarin teilt mit, dass der Coronatest im Krankenhaus positiv gewesen sei. Die Angehörigen versuchen erneut, das Heim zu erreichen. Eine Schwester sagt schließlich, dass sie keine Zeit habe. Nachdem die Enkelin in Verzweiflung den Notarzt alarmiert, wird der Großvater im Heim untersucht. Seine Werte seien in Ordnung, heißt es, einen Coronatest könne man jedoch nur in einer Klinik machen. Davon raten die Mitarbeiter trotz der tagelangen Nähe zu einer Covid-19-Patientin ab: Es sei besser, wenn Alzheimer-Patienten in ihrer Umgebung blieben. Das Personal verspricht, den Gesundheitszustand künftig regelmäßig zu kommunizieren.

26. März 2020: Das Heim bekommt eine neue Leiterin. Sie beschwert sich telefonisch bei der Familie, dass man der Einrichtung so wenig Vertrauen schenke und den Notarzt gerufen habe. Die Familie rechtfertigt sich: Man habe eine Notlage befürchtet und den Eindruck, dass die Einrichtung überfordert sei. Die Managerin widerspricht. Dem Großvater gehe es schon wieder besser, das Fieber sei gesunken, er esse gern.

28. März 2020: Noch vor Sonnenaufgang wird Silvano Magnetti mit schweren Atemproblemen ins Krankenhaus von Desenzano gebracht. Dort steht schnell fest: Er hat Covid-19.

3. April 2020: Silvano Magnetti stirbt.

Die detaillierte Darstellung der Angehörigen lässt sich nicht vollständig überprüfen. Der Heimbetreiber möchte sich auf Nachfrage nicht äußern, die Einrichtung ist im Internet inzwischen unter einem neuen Namen zu finden. Alessandra Raveane hat die Heimleitung nach dem Tod ihres Großvaters ausführlich konfrontiert. In den Antworten, die sie erhielt, streitet der Betreiber etwaige Fehler ab. Mit insgesamt drei Todesfällen unter 30 Bewohnern sei man doch recht gut durch die Pandemie gekommen, steht sinngemäß in einer Nachricht. Reicht das als Antwort?

Auch die Krankenhäuser möchten sich aus Gründen des Patientenschutzes und wegen der Ermittlungen nicht zu den Darstellungen der Angehörigen äußern. »Unser Beileid gilt all den Hunderten Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben«, heißt es in einer knapp gehaltenen Mitteilung der regionalen Krankenhausgesellschaft, die immerhin bestätigt, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt. »Wir danken den Ärzten und Krankenschwestern, die seit einem Jahr ihr Bestes geben.«

Kann der Schmerz der Angehörigen überhaupt mit den Mitteln der Justiz gelindert werden? Und wo liegt in einer weltweiten Pandemie die Grenze zwischen Unglück und Verbrechen? Es scheint ein schmaler Grat.

Das Ospedale Papa Giovanni XXIII, das größte Krankenhaus in Bergamo, entschuldigt sich inzwischen dafür, viele Angehörige im vergangenen Jahr nicht ausführlicher informiert zu haben. »Es war eine schmerzhafte Entscheidung, auch wenn wir wussten, dass wir keine andere Möglichkeit hatten«, sagt Federica Belli, die Sprecherin der Klinik. Das Krankenhaus stand Anfang März 2020 innerhalb weniger Tage vor dem Kollaps. Normalerweise starben hier 100 Patienten im Jahr. Jetzt waren es oft 25 am Tag. Bis zu 550 Betten waren damals gleichzeitig mit Covid-Patienten belegt, von den 1400 Ärzten und Pflegern infizierten sich mehr als 400 selbst. Die Ärzte, das sagen auch viele Hinterbliebene, waren selbst Opfer. Dennoch bleibt bei vielen die Wut.

Es geht ja nicht nur um die Fehler, sondern auch das Fehlen, sagt Diego Federici. Die Lücke, die seine Eltern hinterlassen haben. Noch heute weiß er genau, wann die Notärzte die Eltern mitnahmen: 8.30 Uhr die Mutter, 9.10 Uhr den Vater. »Ich wollte mich umbringen, als ich erfuhr, dass meine beiden Eltern tot sind«, sagt Federici.

Nach der Arbeit mache er nicht mehr viel, Freundschaften seien nach dem Tod seiner Eltern oft eingeschlafen, auch wegen der Pandemie. Über die Facebook-Gruppe lernte er im vergangenen Jahr Sara kennen, seine jetzige Freundin, auch sie hat ihren Vater verloren, nachdem die Ärzte in Bergamo einen Monat lang vergeblich um sein Leben gekämpft hatten. »Sie haben ihn wie ein Versuchskaninchen behandelt«, erinnert sie sich. »Und dann war er tot.«

Sara Invernizzi verlor ihren Vater in der Pandemie, die Ärzte konnten ihm wochenlang nicht helfen. »Sie haben ihn wie ein Versuchskaninchen behandelt«, erinnert sie sich heute.

Sara Invernizzi verlor ihren Vater in der Pandemie, die Ärzte konnten ihm wochenlang nicht helfen. »Sie haben ihn wie ein Versuchskaninchen behandelt«, erinnert sie sich heute.

Foto: Erik Messori / CAPTA / DER SPIEGEL

259.000 Euro pro Angehörigen, das ist die Forderung von Consuelo Locati. Die Anwältin treibt nicht nur die Sammelklagen voran, sondern verlangt zudem in zusätzlichen Zivilklagen Schadensersatz vom Staat. Auch sie verlor ihren Vater in der Pandemie, seitdem kämpft sie dafür, dass Fehlentscheidungen transparent aufgearbeitet werden. Es ist schnell ein Fulltime-Job geworden, die 50-Jährige ist mittlerweile zigfach an die Öffentlichkeit getreten, hat neue Unregelmäßigkeiten präsentiert und Politiker zu Stellungnahmen genötigt. Hinter ihr steht ein fünfköpfiges Team aus Juristen. Inzwischen haben sie sogar einen PR-Berater, wie alle anderen arbeitet er pro bono.

Das Team rund um Locati hat unter anderem den verschwundenen WHO-Bericht aus dem Frühjahr 2020 aufgetrieben.

Die Anwältin Consuelo Locati ist zum Sprachrohr der Hinterbliebenen geworden

Die Anwältin Consuelo Locati ist zum Sprachrohr der Hinterbliebenen geworden

Foto: Erik Messori / CAPTA / DER SPIEGEL

Dass der Bericht damals plötzlich weg war, war offenbar kein Zufall. Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, dass intern zuvor massiver Druck ausgeübt worden war. Der italienische WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra hatte den Hauptautoren Francesco Zambon in mehreren E-Mails aufgefordert, den Bericht zu überarbeiten.

Zwei Tage vor Veröffentlichung verlangte er von Zambon, das Datum des letzten italienischen Pandemieplans zu verändern, um ihn aktueller aussehen zu lassen. »Versau das nicht«, schrieb Guerra in der Mail an Zambon auf Italienisch – wenn man es höflich übersetzt. In einer weiteren Mail wies Guerra darauf hin, dass Italien die WHO erst kürzlich mit 10 Millionen Euro unterstützt habe. Tatsächlich fiel die Erstellung des Covid-Berichts gar nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Allerdings hatte er zuvor im italienischen Gesundheitsministerium gearbeitet – und war dort unter anderem für die Überarbeitung von Pandemieplänen zuständig gewesen.

Offiziell wurde der Bericht zur Überarbeitung zurückgezogen. Doch die ist bis heute nicht erschienen. Francesco Zambon, der Hauptautor, wird die Weltgesundheitsorganisation Ende März 2021 verlassen. »Ich habe nur meinen Job gemacht, alle internen Vorschriften wurden eingehalten«, sagte er dem SPIEGEL. »Es war unsere Aufgabe, die damalige Situation unabhängig zu beschreiben und zu bewerten – und nicht die Wahrheit zu verbergen, um jemandem einen Gefallen zu tun.«

Der Friedhof von Martinengo ist zur letzten Ruhestätte für die Eltern von Diego Federici geworden. Der 36-Jährige sagt: »Ich werde sie nie loslassen«

Der Friedhof von Martinengo ist zur letzten Ruhestätte für die Eltern von Diego Federici geworden. Der 36-Jährige sagt: »Ich werde sie nie loslassen«

Foto: Erik Messori / CAPTA / DER SPIEGEL

Die Versäumnisse zu Beginn der Pandemie sind längst auch in anderen Ländern Thema. In Großbritannien drohten Angehörige vor Kurzem der Regierung mit Klagen, sollte die Aufklärung nicht vorankommen. In Deutschland wird seit Tagen intensiv über Korruption und Misswirtschaft bei der Beschaffung von Masken diskutiert. In Spanien sammeln Verbraucherschützer Berichte aus Altenheimen, die dort ebenfalls zur Todesfalle für viele Senioren geworden waren. In Griechenland ließen Anwälte unlängst einen Toten exhumieren, um mögliche Behandlungsfehler zu dokumentieren.

Europaweit tauschen sich die Hinterbliebenen inzwischen aus, sie wollen dafür sorgen, dass ein Jahr nach Beginn der Coronakrise offen über Fehler und Versäumnisse gesprochen wird. Nur so sei ein Neuanfang möglich.

Alessandra Raveane sagt, sie könne nicht abschließen, solange sie nicht wisse, was im Heim ihres Großvaters wirklich geschehen sei. Diego Federici hat sich nach dem Tod seiner Eltern ein Tattoo stechen lassen, auf seinem linken Unterarm schlängelt sich jetzt ein japanischer Drache entlang. Das Zeichen für Familie und Unendlichkeit, sagt Federici. »Ich werde sie nie loslassen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war die italienische Inschrift auf dem Grabstein nicht ganz korrekt übersetzt; wir haben die Stelle angepasst.