Corona-Hilfe auf dem Amazonas Das schwimmende Krankenhaus

Im Amazonasgebiet gefährdet das Coronavirus indigene Gemeinden - ein Krankenhausschiff will Erste Hilfe leisten. Die Koordinatorin von World Vision Brazil im Amazonas berichtet vom Einsatz.
Ein Interview von Sonja Peteranderl
Erste Hilfe kommt auf dem Amazonas per Schiff: Krankenhäuser sind für die indigene Bevölkerung Brasiliens nicht schnell zu erreichen

Erste Hilfe kommt auf dem Amazonas per Schiff: Krankenhäuser sind für die indigene Bevölkerung Brasiliens nicht schnell zu erreichen

Foto: World Vision
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Um bei einer Corona-Infektion eine Intensivstation mit Beatmungsgeräten zu erreichen, sind Bewohner aus dem Amazonasgebiet oft mehrere Tage lang mit dem Boot unterwegs. Der Datenanalyse-Plattform InfoAmazonia  zufolge ist das nächste Krankenhaus durchschnittlich 315 Kilometer entfernt, manche indigenen Gemeinschaften müssten sogar mehr als tausend Kilometer zurücklegen - für Corona-Infizierte mit schweren Verläufen kommt dann Hilfe oft zu spät.

Brasilien hat bisher 1,9 Millionen Infektionen registriert, so viele Corona-Fälle wie kaum ein anderes Land. Mehr als 75.000 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben - und Organisationen wie die Articulação dos Povos Indígenas do Brasil (APIB) warnen davor, dass die Sterblichkeitsrate unter Indigenen höher sein könnte als in der Restbevölkerung - und vor allem abgelegene Dörfer dem Virus kaum etwas entgegensetzen können.

Städte als Corona-Drehkreuz

Viele Gemeinschaften im Amazonas schotten sich nun noch mehr ab, um sich vor dem Virus zu schützen, indem sie etwa Zugänge zu Dörfern blockieren. Doch der Menschenstrom zwischen Städten wie Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, und dem Regenwald ist nach wie vor hoch. Bergarbeiter, Holzfäller und Landbesetzer, die in der Pandemie noch aggressiver vorgehen und mehr Wald als zuvor zerstören, können das Virus weiterverbreiten. Bewohner umliegender Gemeinden decken sich zudem in größeren Städten mit Lebensmitteln und anderen Produkten ein - so ist das Virus offenbar sogar schon aus Brasilien in die kolumbianische Grenzstadt Leticia  gelangt.

Viele indigene Dörfer im Amazonasgebiet sind dem Virus fast schutzlos ausgeliefert

Viele indigene Dörfer im Amazonasgebiet sind dem Virus fast schutzlos ausgeliefert

Foto: Adriano Machado/ REUTERS

Ein schwimmendes Krankenhaus von World Vision Brazil versucht nun, Erste Hilfe zu leisten. Das Krankenhausschiff fährt abgelegene Dörfer ab, klärt über das Coronavirus auf, verteilt Medikamente, Masken und Desinfektionsmittel und behandelt auch andere Gesundheitsprobleme.

Maria Lucinete Trindade Bezerra, Koordinatorin von World Vision Brazil im Bundesstaat Amazonas, ist gerade von der ersten Reise des Schiffs zurückgekehrt - weitere Einsätze sind in den kommenden Monaten geplant.

Maria Lucinete Trindade Bezerra (links) verteilt Corona-Schutzpakete mit Produkten wie Desinfektionsmitteln

Maria Lucinete Trindade Bezerra (links) verteilt Corona-Schutzpakete mit Produkten wie Desinfektionsmitteln

Foto: World Vision

SPIEGEL: Wie ist die Lage im Amazonasgebiet?

Maria Lucinete Trindade Bezerra: Die Pandemie hat zuerst die Hauptstadt Manaus getroffen und breitet sich nun gefährlich auf kleinere Städte und Gemeinden aus. Wir versuchen mit dem Krankenhausschiff die Ärmsten zu erreichen. Wir haben kleine Dörfer mit bis zu 60 Familien und mittelgroße Gemeinden mit bis zu 150 Familien am Flussufer besucht. Diese Dörfer sind nur per Boot zugänglich. Die erste Siedlung, in der wir waren, liegt etwa zwölf Stunden von Manaus entfernt. Die Gesundheitsbedingungen dort sind äußerst prekär.

Zur Person
Foto: World Vision Brazil

Maria Lucinete Trindade Bezerra, Jahrgang 1969, kommt aus Manacapuru im brasilianischen Bundesstaat Amazonas, arbeitet seit 14 Jahren bei World Vision Brazil und ist die Koordinatorin für die Amazonas-Region.

SPIEGEL: Haben Sie vor Ort Corona-Fälle entdeckt?

Trindade Bezerra: Die Menschen in diesen Gemeinden haben zwar Covid-19-Symptome, aber kaum eine Möglichkeit, sich testen zu lassen. Und die wenigen, die getestet worden sind, warten immer noch auf die Ergebnisse. Die betroffenen Familien hatten bis zu unserer Ankunft keine Medikamente und haben die Kranken stattdessen mit Heilkräutern behandelt. Menschen, die zu uns kamen, haben von Virusausbrüchen erzählt, und gaben an, dass es in den Gemeinden einen Todesfall durch Covid-19 gegeben habe. Um der Krankheit vorzubeugen, benutzen die meisten von ihnen Gesichtsmasken. Aber im Amazonasgebiet sind oft keine Masken erhältlich - viele ältere Menschen haben sich selbst Masken genäht.

Schwimmendes Krankenhaus: Das Krankenhausschiff klärt über Corona auf, verteilt Schutzkits und behandelt auch Krankheiten

Schwimmendes Krankenhaus: Das Krankenhausschiff klärt über Corona auf, verteilt Schutzkits und behandelt auch Krankheiten

Foto: World Vision

SPIEGEL: Wie funktioniert das schwimmende Krankenhaus genau?

Trindade Bezerra: Das Schiff macht Fahrten, die eine Woche dauern, bietet sechs Gemeinden medizinische Versorgung und zahnärztliche Notfalldienste an und versorgt dabei rund 500 Familien. In den meisten Fällen legt das Boot an, die Familien steigen ein und werden dort behandelt - wenn nötig, besucht unser Team aber auch bettlägerige Patienten zu Hause. Das Personal an Bord klärt mit Infomaterialien und Vorträgen über Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus auf und verteilt Hygienekits, Grundnahrungsmittel und Aufklärungsmaterial für Kinder. Die Pakete enthalten auch Materialien, die den Familien helfen, Fälle von sexueller Gewalt an Kindern zu erkennen, anzuprangern und zu verhindern.

SPIEGEL: In Brasilien zirkulieren viele Falschinformationen über das Coronavirus - wie viel wissen die Bewohner der Amazonas-Dörfer?

Trindade Bezerra: Die Menschen beziehen ihre Informationen aus Medien, also Fernsehen und Radio, oder von Gesundheitspersonal. Die Leute, die auf das Boot kamen, haben viele Fragen zu Covid-19 gestellt - sie waren verunsichert, ob die Informationen, die sie hatten, richtig waren. Die Vorträge unseres Gesundheitsteams sollen schützende Maßnahmen fördern und jene kulturellen Überzeugungen und Praktiken infrage stellen, die das Leben von Gemeindemitgliedern gefährden könnten.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Trindade Bezerra: Manche dachten, dass Heilkräutertee Covid-19 verhindern würde. Sie hielten auch die Verwendung von Masken und soziale Distanz für übertriebene Schutzmaßnahmen, die nicht notwendig seien.

Aufklärung ist wichtig - auch gegen sexuelle Gewalt an Kindern, die in der Pandemie zunimmt

Aufklärung ist wichtig - auch gegen sexuelle Gewalt an Kindern, die in der Pandemie zunimmt

Foto: World Vision

SPIEGEL: Wo liegen die Grenzen des schwimmenden Krankenhauses?

Trindade Bezerra: Die häufigsten Probleme, mit denen wir zu tun hatten, waren Würmer und Krätze - weil die Dörfer unter mangelndem Zugang zu sauberem Wasser und Toiletten leiden und die Kinder meistens ohne Schuhe laufen. Das Boot bietet auch zahnärztliche Versorgung an, die vor allem bei Kindern oft notwendig ist. Einige Notfälle, wie Geburten, können wir betreuen, aber oft können wir nicht weiterhelfen: Wir haben keine Mobilfunk- oder Internetverbindung auf dem Schiff, sodass wir nicht in der Lage sind, ein Krankenhaus anzurufen, damit sie sich auf den Notfallpatienten vorbereiten. Wir haben auch keine Covid-19-Schnelltests an Bord. Wenn Ärzte also jemanden mit Corona-Symptomen identifizieren, überweisen sie ihn in das nächstgelegene Krankenhaus.

SPIEGEL: Aber diese Krankenhäuser sind ja wahrscheinlich auch überfordert, vor allem jetzt in der Coronakrise.

Trindade Bezerra: Das Krankenhaus, das diesen Gemeinden am nächsten liegt, ist mehr als zwei Stunden mit dem Schiff entfernt, und die Menschen sind auf öffentliche Transportmittel angewiesen, um medizinische Hilfe zu erhalten - oder auf Familien, die ein eigenes Boot haben und es zur Verfügung stellen. Im gesamten Bundesstaat Amazonas sind die Krankenhäuser aber gerade zu mehr als 90 Prozent ausgelastet und haben nur sehr wenig Raum und Ressourcen, um noch mehr Patienten aufzunehmen. Schwere Fälle müssen zwangsläufig in die Hauptstadt Manaus gebracht werden, um sich dort behandeln zu lassen - aber auch dort droht das Gesundheitssystem zusammenzubrechen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.