Coronakrise beim US-Militär Der unsichtbare Feind

Im Kampf gegen Covid-19 will das Pentagon seine Soldaten einsetzen und schützen, ohne seine Weltmachtstellung zu gefährden. Doch Infektionen auf einem Flugzeugträger zeigen, in welchem Dilemma die USA stecken.
Flugzeugträger USS "Theodore Roosevelt" im Pazifik: An Bord greift das Coronavirus um sich

Flugzeugträger USS "Theodore Roosevelt" im Pazifik: An Bord greift das Coronavirus um sich

Foto: NICHOLAS V. HUYNH/ US Navy/ AFP

Krieg ist in der Coronakrise eine der am häufigsten gebrauchten Metaphern. Donald Trump sieht sich als "war time president" und spricht von einem "unsichtbaren Feind". Amerika befinde sich im Krieg gegen das Virus, meinen auch New Yorks Governeur Andrew Cuomo und Joe Biden, der wahrscheinliche Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahl im November.

In diesem Kampf sollen auch diejenigen eine Rolle spielen, die sonst gegen sichtbare Feinde im Einsatz sind: Soldaten bauen Zeltkliniken. In New York ist ein Krankenhausschiff der Marine angekommen. Die Armee hat medizinisch geschulte Reservisten zum Einsatz auf freiwilliger Basis aufgerufen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Doch das Virus trifft auch die Streitkräfte selbst - und stellt deren Führung vor eine beträchtliche Herausforderung. Die Infektionszahlen stiegen zuletzt nicht nur in der Gesamtbevölkerung stark an, sondern auch unter Angehörigen des Militärs. Am Montagmorgen lag die Zahl der Infizierten unter Pentagonbediensteten bei mehr als 1000 . Davon waren 633 Soldaten; am Freitag hatte diese Zahl noch bei 343 gelegen.

Drei Ziele, ein Konflikt

In einem Pressebriefing Mitte März  umriss US-Verteidigungsminister Mark Esper die Rolle des Militärs in der Coronakrise. Die Ziele seien demnach:

  • Soldaten und ihre Familien vor dem Virus schützen,

  • die Verteidigungsbereitschaft der USA nach außen hin gewährleisten

  • und den Kampf gegen das Virus daheim unterstützen.

Schon jetzt zeigt sich, dass die gleichzeitige Umsetzung vor allem der beiden ersten Vorgaben Konflikte birgt. Auf der einen Seite steht der Anspruch, den die USA an sich stellen und dem sie auch jetzt, da ein neuartiges Virus die globale Ordnung auf eine Probe stellt, genügen wollen. Es ist der Anspruch einer Weltmacht, die global in Allianzen gebettet und deren Militär weltweit präsent ist.

Feldlazarett in Seattle: Maßnahmen, die Routinen verändern

Feldlazarett in Seattle: Maßnahmen, die Routinen verändern

Foto: Paul Christian/ ZUMA Wire/ imago images

Auf der anderen Seite steht das Bestreben, Soldatinnen und Soldaten vor dem Coronavirus zu schützen. Das wiederum macht Maßnahmen erforderlich, die Routinen und Abläufe verändern - und zwar in einem Bereich, in dem diese besonders wichtig sind.

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Das Coronavirus habe derzeit keine Auswirkungen auf die strategische Bereitschaft des US-Militärs, versicherten zuletzt sowohl Verteidigungsminister Esper als auch der Generalstab. Die Fähigkeit der USA, Operationen im Atlantik, Pazifik oder im Nahen Osten durchzuführen, sei nicht beeinträchtigt, heißt es in einem Tweet der "Joint Chiefs of Staff".

Doch allein in den vergangenen beiden Wochen ergriff das US-Militär mehrere Vorsichtsmaßnahmen, die nicht folgenlos für seine Präsenz und Operationsbereitschaft bleiben dürften:

  • Verteidigungsminister Esper befahl jüngst einen 60-tägigen Reisestopp  für Angehörige des US-Militärs im Ausland. Einzelne Truppenbewegungen wie der Abzug aus Afghanistan sind davon ausgenommen.

  • Die US-Armee stellte laut einem Bericht der "New York Times" die meisten Übungen ein, bei denen Soldaten in engen körperlichen Kontakt treten. Der Befehl sei nur Tage später wieder aufgehoben worden.

  • Die Marines sagten der Zeitung zufolge mehrere größere Übungen an der Westküste ab.

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"Wir sind nicht im Krieg"

Doch kaum ein Fall illustriert das Dilemma der US-Streitkräfte eindrücklicher als der des Flugzeugträgers USS "Theodore Roosevelt". In einem vierseitigen Brief, über den zuerst der "San Francisco Chronicle" berichtete , bat Brett Crozier, der Kapitän des Schiffs, jüngst die Marineführung um Hilfe.

Der Träger liegt vor der Pazifikinsel Guam, einem US-Außengebiet östlich der Philippinen. An Bord greift das Coronavirus um sich. Die Streitkräfte nannten zuletzt keine genauen Ansteckungszahlen; Berichten zufolge sind Dutzende Besatzungsmitglieder betroffen, laut "San Francisco Chronicle" sind es gar um die 200. Crozier ersucht die Führung in seinem Schreiben, die Isolierung der Soldaten auf Guam zu ermöglichen.

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Die räumlichen Verhältnisse an Bord entsprechen denen in einem dicht besiedelten Stadtviertel. Die Besatzung, mehr als 4000 Menschen, teilt sich Badezimmer, drängt sich in Gängen, schläft in Etagenbetten und nutzt leiterartige Treppenschächte. Social Distancing ist hier unmöglich.

"Wir sind nicht im Krieg", schreibt Kapitän Crozier. "Es müssen keine Matrosen sterben." In seinem Schreiben empfiehlt er, die gesamte Crew von Bord gehen zu lassen, sie auf Guam zu isolieren und zu testen. In dieser Zeit könne das Schiff gereinigt werden.

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Die Marineführung entgegnete, dass die meisten gemeldeten Symptome mild seien; bisher sei auch niemand ins Krankenhaus gebracht worden. Thomas Moldly, der amtierende Marine-Staatssekretär, verteidigte in einem Interview mit CNN auch die Entscheidung des Kapitäns, trotz der Ausbreitung des Virus in Asien Station in Vietnam zu machen. Berichten zufolge war dort vor dem Aufbruch nach Guam die Temperatur der Matrosen gemessen worden, ohne Auffälligkeiten. Wenige Tage später wurden demnach die ersten vier Matrosen positiv getestet. Die Zahl der Infektionsfälle in Vietnam habe bei weniger als 100 gelegen, als das Schiff dort Station machte, sagte Moldly.

Mitglieder der Nationalgarde bei der Lebensmittelausgabe für sozial Schwache in Columbus, Ohio: Beträchtliche Herausforderung

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Foto: Matthew Hatcher/ SOPA Images/ LightRocket/ Getty Images

Laut dem Marine-Staatssekretär haben inzwischen rund 1000 Seeleute das Schiff verlassen. In den kommenden Tagen soll die Zahl demnach auf 2700 erhöht werden. Rund tausend Besatzungsmitglieder sollen aber an Bord bleiben: "Wir können nicht und werden nicht alle Seeleute von Bord nehmen", betonte Modly. "Auf dem Schiff befinden sich Waffen, Munition, teure Flugzeuge, und es hat einen Nuklearreaktor." Die Maßnahme dürfte die Einsatzfähigkeit des Trägers über Wochen beeinträchtigen.

Angesichts der Situation an Bord der "Roosevelt" und Berichten über Corona-Fälle an Bord eines weiteren Flugzeugträgers, der USS "Ronald Reagan", wurde Verteidigungsminister Esper in einem Interview mit CBS danach gefragt , ob er sich Sorgen um die Abwehrbereitschaft der Streitkräfte mache. Seine Antwort: nein. Die USA hätten weitere Träger und Verbündete auf der ganzen Welt.

Auch sieht Esper derzeit keine Anzeichen dafür, dass traditionelle Gegner die Pandemie für ihre Zwecke nutzen wollten. Viele Länder hätten in der aktuellen Lage den Blick nach innen gerichtet. "Das heißt aber nicht, dass wir weniger auf der Hut sein müssen", sagte Esper. Es falle nun vor allem den mehr als 100.000 US-Soldatinnen und Soldaten in mehr als 150 Ländern zu, "das Land zu schützen, während wir uns nach innen kehren, um mit dieser Pandemie fertigzuwerden".

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