Coronakrise in Großbritannien Der englische Patient

Boris Johnson liegt im Krankenhaus. Die Krise trifft sein Land zum schlimmsten Zeitpunkt. Jetzt droht sich zu rächen, dass er seine Minister nicht nach Kompetenz ausgesucht hat - sondern danach, ob sie an den Brexit glauben.
Von Jörg Schindler, London
Boris Johnson vor seinem Amtssitz 10 Downing Street (Archiv)

Boris Johnson vor seinem Amtssitz 10 Downing Street (Archiv)

Foto: Stefan Wermuth/ REUTERS

Es war gegen 20 Uhr am Sonntagabend, als Millionen Briten in ihren Wohnstuben den Durchhalteparolen ihrer Queen lauschten, da setzte sich in Downing Street eine Limousine in Bewegung. An Bord: Premierminister Boris Johnson. Das Ziel: ein Krankenhaus des NHS, mutmaßlich die St. Thomas-Klinik am Südufer der Themse, von wo aus Patienten einen unverstellten Blick auf den Palast von Westminister haben.

Ein Regierungssprecher beeilte sich noch am Abend, Spekulationen über den Zustand des mit Sars-CoV-2 infizierten Regierungschefs den Boden zu entziehen. Johnsons Überführung in die Klinik sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, da er auch zehn Tage nach Beginn der Krankheit noch Fieber habe. Am Montagmorgen dann versicherte Robert Jenrick, Minister für Wohnungswesen und eher randständige Figur in Johnsons Kabinett, diesem gehe es "gut". Der Premier werde einstweilen vom Krankenhaus aus die Regierungsgeschäfte weiterführen.

Die wenigsten wissen genau, wie es ihm geht

Nicht jeder im Vereinigten Königreich zeigte sich von den hurtigen Beschwichtigungen jedoch beruhigt. Zu oft hatten sich die Verlautbarungen aus Downing Street im Kampf gegen die Coronakrise zuletzt als voreilig, übertrieben oder schlicht falsch herausgestellt.

Das Pfund, sicheres Barometer für die Stimmung an den Märkten, stürzte denn auch zu Wochenbeginn ab, in den sozialen Netzwerken kursierten Gerüchte über Johnsons tatsächlichen Zustand. Sie entbehrten zu diesem Zeitpunkt zwar jeder Grundlage. Aber klar ist auch: Von Ärzten und engsten Vertrauten abgesehen weiß niemand, wie es Johnson derzeit geht.

Dass er sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert habe, hatte der 55-Jährige am 27. März selbst gut gelaunt in einer Videobotschaft an die Briten bekannt gegeben. Er habe Husten und Fieber und werde sich daher für sieben Tage selbst isolieren. Gleichzeitig hatte sich Johnsons Partnerin Carrie Symonds in Quarantäne begeben, von der es inzwischen heißt, sie zwei zwar nicht getestet worden, aber höchstwahrscheinlich auch infiziert.

Von seinem Apartment in 11 Downing Street aus hatte sich Johnson seither mehrfach mit Handyvideos an die Öffentlichkeit gewandt, zuletzt am Freitag, immer mit der jovialen Anrede "Hi Leute!" und anscheinend immer gut gelaunt. Letztmals öffentlich aufgetreten war er am vergangenen Donnerstag, als er wie Millionen Briten vor die Tür trat, um Ärzten und Krankenpflegern Applaus zu spenden.

Pausenlos keuchend und hustend

Noch am Sonntagmorgen beteuerte Gesundheitsminister Matt Hancock, gerade selbst von einer Coronainfektion genesen, Johnson sei "okay". Er habe noch immer eine erhöhte Temperatur, aber "seine Hand fest am Steuer".

Zu diesem Zeitpunkt allerdings hatten mehrere britische Medien längst berichtet, dass Johnsons vermeintliche Unbekümmertheit gespielt sei. Tatsächlich habe sein Kabinett in den täglichen Videokonferenzen einen pausenlos "keuchenden und hustenden" Premier erlebt. Während Hancock, andere Regierungsmitglieder und auch der Thronfolger, Prinz Charles, das Schlimmste offenbar nach sieben Tagen überstanden haben, erwies sich das Virus bei Johnson als hartnäckiger. Er werde sich, so hieß es nebulös aus seinem Umfeld, nun einer "Sauerstoff-Behandlung" unterziehen und so lange wie nötig im Krankenhaus bleiben. Am Nachmittag meldete sich Johnson dann via Twitter zu Wort: Er unterziehe sich in der Klinik "einigen Routinetests", sei aber "guter Dinge".

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Dass Johnson sich offenbar bis zuletzt dagegen wehrte, ins Krankenhaus zu gehen, hängt auch damit zusammen, dass seine Erkrankung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt.

In Großbritannien, wo mittlerweile rund 5000 Infizierte gestorben sind, wird der Höhepunkt der Coronakrise in einer Woche erwartet. Zuletzt mussten Regierungsvertreter aber immer wieder einräumen, dass der unter diversen Tory-Regierungen kaputtgesparte National Health Service (NHS) noch immer nicht ausreichend gewappnet ist.

Anfang April waren offenbar erst 2000 von einer halben Million Ärzte und Pfleger auf Covid-19 getestet; Zehntausende NHS-Bedienstete befinden sich seit Wochen in Selbstisolation, weil sie nicht wissen, ob sie das Virus in sich tragen. 100.000 weitere NHS-Stellen sind vakant.

Ärzte behelfen sich mit Schnorchelmasken

Am Sonntag räumte Gesundheitsminister Hancock ein, dass die Regierung das selbst gesteckte Ziel, bis Mitte April 18.000 Beatmungsgeräte im Einsatz zu haben, klar verfehlen wird. Weil für zahllose NHS-Leute nicht mal die notwendigste Schutzausrüstung vorhanden ist, haben einzelne Kliniken damit begonnen, aus Schnorchel-Equipment und Mülltüten provisorische Masken und Schürzen zu basteln.

Und auch der groß angekündigte Massentest der Bevölkerung auf etwaige Antikörper ist bis auf Weiteres verschoben: Die 7,5 Millionen Selbsttests, welche die Regierung erworben hat, funktionieren größtenteils nicht.

Die guten Tage werden zurückkehren, wir werden uns wieder treffen.

Queen Elizabeth II.

So nimmt das Bild einer heillos überforderten Regierung immer konkretere Gestalt an. Jetzt scheint sich zu rächen, dass Johnson nach seinem Wahlsieg im Dezember kein Kabinett der Talente zusammengestellt hat, sondern eine ihm treu ergebene Riege aus Brexit-Gläubigen. Allen voran Außenminister Dominic Raab, der schon als Brexit-Minister erstaunliche Wissenslücken offenbarte, nun aber einstweilen Johnsons Vertreter im Zentrum der Macht ist.

Die Fehler der Regierung werden noch zur Sprache kommen

Schlecht auch für Johnson und Raab: Seit Samstag hat die größte Oppositionspartei Labour einen neuen Anführer, Keir Starmer, der zwar nicht über das Charisma des Premiers verfügt, dafür aber ein akribischer, konditionsstarker und stets bestens vorbereiteter Politiker ist. Er hat bereits angekündigt, mit der Regierung in der Coronakrise zu kooperieren - aber auch alle Verfehlungen dieses Kabinetts zu gegebener Zeit zur Sprache zu bringen.

Die Ereignisse überschlagen sich also gerade für die Regierung Ihrer Majestät. Und so war der Zeitpunkt für eine Ansprache von Queen Elizabeth II. am Sonntagabend gut gewählt. In der gerade einmal fünfminütigen Videobotschaft - die erst vierte dieser Art in ihrer fast 70-jährigen Amtszeit und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich persönlich - beschwor die Monarchin den Durchhaltewillen, den ihr Volk schon während des Zweiten Weltkriegs gezeigt habe.

"Die guten Tage werden zurückkehren, wir werden uns wieder treffen", so die Queen, die am 21. April 94 Jahre alt wird. Und weil fast zeitgleich zu ihrer Rede ein Krankentransporter in Downing Street vorfuhr, klang es fast, als richte sie diese Worte direkt an ihren Premierminister.   

 

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